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Prozessfinanzierer unter Druck : Burford Capital kämpft um seinen guten Ruf

Streitobjekte: Vom Prozess um manipulierte Dieselfahrzeuge erwartet Burford Rendite. Bild: dpa

Der Prozessfinanzierer sieht sich der Attacke eines Leerverkäufers ausgesetzt. Schon jetzt droht ein Reputationsverlust. Wie sicher ist etwa die Finanzierung der Klagen gegen Volkswagen?

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          Prozessfinanzierer leben vom Risiko. Sie müssen voraussehen, ob es sich lohnt, in hochkomplexen Streitigkeiten Geld vorzustrecken und damit die Ausfallrisiken für ihnen völlig fremde Personen und Unternehmen auf die eigenen Bücher zu nehmen. Erst Jahre später, dann nämlich, wenn ein Prozess in letzter Instanz gewonnen ist oder in einem finanziell lukrativen Vergleich endet, erhalten sie ein (Erfolgs-)Honorar zurück. Im Niedrigzinsumfeld ist das Geschäft mit der Fremdfinanzierung („litigation funding“) vor allem für angloamerikanische Anbieter lukrativ, die wie Burford Capital seit Jahren auch auf den deutschen Markt drängen. Und die Geldgeber hinterlassen deutliche Spuren: Dank einer Bezuschussung von 30 Millionen Euro durch Burford kann die amerikanische Klägerkanzlei Hausfeld auch hierzulande seit 2015 Prozesse führen und ist zwischenzeitlich deutlich gewachsen.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dank der Kostenübernahme durch Burford können Zehntausende Ansprüche von VW-Kunden in Massenklagen durch den Rechtsdienstleister My Right an deutschen Gerichten koordiniert werden. Noch in diesem Jahr könnte der Bundesgerichtshof sich vermutlich mit einer Pilotklage – finanziert mit Geld aus Amerika – beschäftigen. Und mit dem Geld im Rücken können verschiedene Logistikverbände unter Führung des BGL zur mittlerweile dritten Klage von Spediteuren, die durch illegale Preisabsprachen von Nutzfahrzeugherstellern geschädigt wurden, gegen das sogenannte LKW-Kartell trommeln. Mit Forderungen von mehr als einer Milliarde Euro ist dies aktuell eine der größten Schadenersatzklagen vor einem deutschen Gericht.

          „Esoterische“ Vermögenswerte

          In diesen Tagen steht Burford, sonst Profiteur von Krisen und Rechtsstreitigkeiten anderer Unternehmen, selbst mit dem Rücken zur Wand. Das 2009 gegründete amerikanische Unternehmen, das im Alternative Investment Market an der Londoner Börse gelistet ist, sieht sich massiven Vorwürfen der Investmentgesellschaft Muddy Waters ausgesetzt: In einem Bericht wirft Muddy Waters, das in Finanzkreisen einen zweifelhaften Ruf hat, dem Prozessfinanzierer mangelhafte Finanzberichte, Fehler in der Governance-Kultur und ein „unethisches Verhalten“ vor. Die Vermögenswerte in den von Burford finanzierten Prozessen seien noch untertrieben als „esoterisch“ zu bezeichnen. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass „Burford ein armes Unternehmen ist, das sich als großartig ausgibt“ und wohl zahlungsunfähig ist.

          Die Börse reagierte umgehend, allein am Mittwoch verloren die Burford-Aktien im Handel zwischenzeitlich um 64 Prozent, der Prozessfinanzierer verlor mehr als 2 Milliarden Dollar an Wert. Am Donnerstag nannte Burford in einer Replik alle Vorwürfe „haltlos“, zudem kündigte das Management weiterer Kapitalmaßnahmen an. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagte Christopher Bogart, Gründer und Chef von Burford Capital, dass die laufende Finanzierung der Kundenklagen gegen Volkswagen gesichert sei. Burford sei äußerst stabil und habe ausreichend liquide Mittel. Man verfüge derzeit über mehr als 400 Millionen Guthaben auf den Bankkonten. „Der komplette Muddy-Waters-Bericht ist falsch und irreführend“, sagte Bogart. Konkret angesprochen darauf, wie seine Zwischenbilanz in dem Klage-Komplex in Deutschland ausfalle, verwies Bogart auf die neunseitige Antwort an Muddy Waters.

          Auswirkungen auf Verfahren gegen VW?

          Kritiker hatten dem Prozessfinanzierer vorgehalten, dass er – trotz angeblich schlechter Bilanz – weiterhin an Hausfeld und My Right festhalte. Nicht jeder Beobachter würde dem Vorschlag folgen können, heißt es seitens Burford. „VW hat schon mehr als 30 Milliarden Dollar in Vergleichen im Zusammenhang mit dem Rechtsstreit gezahlt“.

          Bogart warb damit auch um mehr Zuversicht in Deutschland. Am Freitag gab es weder vom BGL noch von der Kanzlei Hausfeld Stellungnahmen zu den aktuellen Entwicklungen. Auch Jan-Eike Andresen von My Right verwies auf den Prozessfinanzierer. Ganz kalt können die Nachrichten aus London den Rechtsdienstleister und seine Partner allerdings nicht lassen. Vollmundig haben die Logistikverbände und auch My Right damit geworben, dass den Verbrauchern und Spediteuren keine Kostenrisiken entstehen. Die liegen in der Tat bei dem Rechtsdienstleister, der sich mit dem Geld von Burford Handlungfähigkeit für mehrere Jahre gekauft hat. Es ist, wie Andresen 2017 gegenüber dem „Deutschlandfunk“ sagte. Man könne es sich nicht erlauben, sich mit einem Weltkonzern anzulegen – und auf halben Weg gehe einem die Luft aus.

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