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Maja Brankovic, Redakteurin in der Wirtschaft

Wohlstandsmessung : Mehr Wachstum wagen

Wohl auch eine Bedingung für den Wohlstand von morgen: Glasfaserausbau in Schleswig-Holstein Bild: Michael Staudt / VISUM

Die Bundesregierung will den Wohlstand anders messen. Sie sollte sich lieber darauf konzentrieren, ihn für künftige Generationen zu sichern.

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          Ein Unternehmen kommt aus dem Nichts, entwickelt in der Pandemie einen Impfstoff und nimmt in nur einem Jahr 17 Milliarden Euro ein. Eine Wahnsinnsgeschichte – die, in nüchternen Zahlen ausgedrückt, der Bundesrepublik im letzten Jahr satte 0,5 Prozent Wachstum brachte. Biontech hat nicht nur die Wirtschaftskraft gesteigert, sondern auch den Wohlstand vergrößert. Das Bruttoinlandsprodukt – kurz BIP – und dessen Anstieg haben diesen Effekt gut erfasst.

          Im Bundeswirtschaftsministerium tut man sich mit solchen Bewertungen neuerdings schwer. Am Mittwoch will der grüne Hausherr Robert Habeck seinen Jahreswirtschaftsbericht veröffentlichen, im kursierenden Entwurf ist zu lesen: „Gesamtwirtschaftliches Wachstum, gemessen am Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts, ist eine notwendige, aber längst noch keine hinreichende Voraussetzung für nachhaltigen Wohlstand, Beschäftigung, Teilhabe und soziale Sicherheit.“ Rund drei Dutzend neue Indikatoren will Habeck deshalb hinzufügen, viele davon haben Klimabezug. Außerdem schwört der Vizekanzler die Deutschen auf Konsumverzicht ein: Nur wenn wir uns einschränkten, heißt es sinngemäß in dem Papier, ließen sich die Investitionen zum Erreichen der Pariser Klimaziele stemmen. Spricht da der Wirtschafts- oder der Verzichtsminister?

          Wohlstandsmessung in der Dauerkritik

          Der Vorstoß des Wirtschaftsministers irritiert. Originell sind Habecks Revolutionsbemühungen allerdings nicht. Schon der BIP-Erfinder Simon Kuznets mahnte, dass man von der Zahl nicht „auf das Wohlergehen eines Landes“ schließen könne. Das war 1934. Die Kritik riss nie ab. Einflussreich war der „Club of Rome“ mit seinem Urteil von 1972, grenzenloses Wachstum und endliche Ressourcen vertrügen sich schon per Definition nicht.

          In Zeiten der Kapitalismuskritik und des Klimawandels finden diese alten Thesen neuen Widerhall. Unzählige Versuche gibt es mittlerweile, ein besseres Maß für den Wohlstand zu finden. Die OECD arbeitet seit zehn Jahren am „Better Life Index“, der das BIP um soziale und ökologische Dimensionen erweitern soll. In Deutschland wollte vor acht Jahren eine Kommission des Bundestags unter dem Titel „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ dem BIP an den Kragen. Die „Degrowth“-Bewegung wirbt derweil weiter für Wachstumsrücknahme oder aktive Schrumpfung. Doch nichts davon hat sich durchgesetzt. Und das aus guten Gründen.

          Wachstum verbessert die Lebensverhältnisse

          Denn am Ende hat auch ein steigendes Bruttoinlandsprodukt etwas mit besserem Leben zu tun. In Ländern mit größerem Bruttoinlandsprodukt leben die Menschen zum Beispiel auch länger. In China haben es dank des Wirtschaftswachstums mehr als 600 Millionen Menschen aus der Armut geschafft, und das in nur vier Jahrzehnten. Noch immer leben 700 Millionen Menschen auf der Welt unter der Armutsgrenze. Was soll ihnen anderes helfen als Wachstum?

          In der Schwarz-Weiß-Debatte wird gerne übersehen, dass „Wachstum über alles“ ohnehin nicht das herrschende Gebot ist. Wer anderes behauptet, betreibt tumbe Propaganda. Natürlich ist es schlecht, wenn ein Land mehr und mehr erwirtschaftet, der wachsende Wohlstand aber nur eine kleinen Gruppe zugute kommt. Und natürlich verkraftet die Umwelt es nicht, wenn Volkswagen und Daimler in die ganze Welt immer mehr Autos verkaufen, bis China und Indien dieselbe Autodichte erreichen wie Westeuropa. Jedenfalls nicht bei dem Schadstoffausstoß vergangener Jahrzehnte. Welcher seriöse Ökonom oder Politiker würde das je bezweifeln?

          In den letzten Jahrzehnten verlangsamte sich der Ressourcen­verbrauch sogar, obwohl das weltweite Wirtschaftswachstum massiv zunahm. Ermöglicht wurde das durch die technologische Entwicklung. Dass es heute gelingt, mehr aus weniger zu produzieren, wäre ohne Wachstum kaum möglich gewesen.

          Der Schlüssel zum künftigen Wohlstand liegt darin, das Wachstum vom Ressourcenverbrauch weiter zu entkoppeln, und zwar mittels Innovation. Die Regierung muss ein Umfeld schaffen, das den Unternehmen diese Aufgabe erleichtert und für stabile politische Verhältnisse sorgt, im Inland wie im Ausland. Ein Bouquet aus allerlei Wohlstandsindikatoren wird nicht den Unterschied machen.

          Maja Brankovic
          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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