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Glyphosat-Urteil in Amerika : „Anfang vom Ende der Arroganz dieses verfluchten Paars Monsanto-Bayer“

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Die Folgen von Glyphosat sind umstritten. Bild: AFP

Bayers Tochtergesellschaft muss in Amerika 289 Millionen Dollar Schadenersatz wegen Glyphosat-Anwendung bezahlen. Der französische Umweltmininister jubelt daraufhin. Und auch die Bundesregierung drängt auf ein Glyphosat-Aus – aber aus anderen Gründen.

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          Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat soll nach Ansicht des Bundesumweltministeriums ab 2021 nicht mehr verwendet werden. „Es gilt der Koalitionsvertrag, dass die Anwendung von Glyphosat grundsätzlich innerhalb dieser Legislaturperiode zu beenden ist“, sagte ein Ministeriumssprecher am Montag in Berlin. Das Glyphosat-Schadenersatzurteil in den Vereinigten Staaten habe keinen Einfluss auf diese Entscheidung, denn dieses betreffe Gesundheitsaspekte, sagte der Sprecher. Der Ausstieg werde in Deutschland betrieben, weil Glyphosat die Artenvielfalt in der Natur beeinträchtige. „Und das ist unsere Hauptmotivation.“ Eine Sprecherin des Agrarministeriums ergänzte, derzeit werde der Ausstieg aus Glyphosat mit dem Umweltministerium abgestimmt, nannte aber keine Frist.

          Die EU-Kommission verwies am Montag auf die Entscheidung vom Dezember, das Mittel grundsätzlich weitere fünf Jahre auf dem Markt zu lassen. Es liege aber in der Hand der Mitgliedsstaaten, Lizenzen für die Nutzung zu erteilen. Nach einer gründlichen wissenschaftlichen Analyse aller verfügbaren Daten sei man zu dem Schluss gekommen, dass es keine Verbindung zwischen der Chemikalie und Krebserkrankungen bei Menschen geben, erklärte die Kommission damals.

          Ein Geschworenengericht in Kalifornien hatte die Bayer-Tochtergesellschaft Monsanto am Freitag dazu verurteilt, einem an Krebs erkrankten Mann Schadenersatz in Höhe von 289 Millionen Dollar zu zahlen. Es handelte sich um den ersten Prozess in den Vereinigten Staaten, der sich mit der Frage befasste, ob Glyphosat Krebs verursachen kann. Der amerikanische Saatguthersteller Monsanto, der von Bayer für rund 63 Milliarden Dollar übernommen wurde, sieht sich mehr als 5000 ähnlichen Klagen in Amerika gegenüber.

          Frankreichs Umweltminister Nicolas Hulot begrüßte das Urteil mit harten Worten. „Das ist der Anfang vom Ende der Arroganz dieses verfluchten Paars Monsanto-Bayer“, sagte er in einem Interview der Zeitung „Libération“. Das Urteil mache sichtbar, dass es Monsantos verstecktes Ziel sei, „die Nahrungsressourcen des Planeten zu schröpfen“. Hulot sagte, das Urteil korrigiere „die Gleichgültigkeit der Politiker gegenüber dieser Firma, die seit Jahrzehnten andauert“. Der Minister war ein bekannter Umweltschutzaktivist, bevor Präsident Emmanuel Macron ihn im vergangenen Jahr in die Regierung holte. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Urteil:

          Worum genau ging es bei dem Prozess?

          Geklagt hatte der an Lymphdrüsenkrebs leidende Dewayne „Lee“ Johnson, der als Platzwart an kalifornischen Schulen häufig Unkrautvernichter wie Roundup und Ranger Pro von Monsanto verwendete. Der 46-Jährige machte die Produkte, die den umstrittenen Wirkstoff Glyphosat enthalten, für seine Erkrankung verantwortlich und beschuldigte das Unternehmen aus St. Louis, die Risiken bewusst verschwiegen zu haben.

          Er hätte Roundup niemals an Schulen eingesetzt, wenn er die Gefahren gekannt hätte, sagte Johnson bei dem rund vierwöchigen Prozess vor Gericht, und erhob schwere Vorwürfe gegenüber Monsanto. „Es ist unethisch. Es ist falsch. Menschen verdienen so etwas nicht“, so der schwer von seinem Krebsleiden gezeichnete Kläger. Johnsons Prozess wurde vorgezogen, weil die Ärzte mit seinem baldigen Tod rechnen.

          Nach nur dreitägigen Beratungen verurteilte die Jury Monsanto am Freitag einstimmig, Johnson Schadenersatz in Höhe von insgesamt 289 Millionen Dollar (254 Mio. Euro) zu zahlen. Für Monsanto, das einen Zusammenhang zwischen Krebs und seinen Produkten abstreitet, ist die Entscheidung eine herbe Schlappe. Die Geschworenen befanden, dass das Unternehmen mit Vorsatz gehandelt habe und bestraft werden müsse.

          Welche Bedeutung hat das Urteil?

          Alleine in den Vereinigten Staaten laufen über 4000 weitere ähnliche Klagen gegen Monsanto, für die diese Entscheidung wegweisend sein könnte. Bei Johnson handelte es sich nur um einen Einzelfall, doch weil es das erste Urteil überhaupt war, stand das Verfahren stark im Fokus der Öffentlichkeit. Die harte Strafe könnte deshalb besonders große Imageschäden anrichten. Monsantos Ruf ist allerdings ohnehin schon ziemlich ramponiert, die neue Konzernmuttergesellschaft Bayer will den Namen verschwinden lassen, wenn die Übernahme vollzogen ist.

          BAYER

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          Für die zentrale Streitfrage, ob das Herbizid Glyphosat krebserregend ist, hat das Urteil indes nur begrenzte Aussagekraft. Anders als die Jury im aktuellen Fall zeigt sich etwa Bundesrichter Vince Chhabria, bei dem viele Sammelklagen gebündelt sind, skeptisch, ob die Beweislage einen Zusammenhang wirklich eindeutig belegen kann. Letztlich ist das Urteil im Fall Johnson - so aufsehenerregend es auch sein mag - nur eines von vielen, die noch folgen werden. Und es ist keineswegs klar, wie die anderen Verfahren verlaufen werden.

          Zudem bleiben Monsanto und Bayer stramm bei ihrer Verteidigungslinie. Sie verweisen auf „mehr als 800 wissenschaftliche Studien, die amerikanische Umweltbehörde EPA, die Nationalen Gesundheitsinstitute und Aufseher weltweit“, die zu dem Schluss gekommen seien, dass Glyphosat sicher sei und es keinen Krebs verursache. Dem entgegen steht jedoch insbesondere die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, die den den Unkrautvernichter 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen einstufte.

          Wird Monsanto die 289 Millionen Dollar wirklich bezahlen müssen?

          Auch das ist noch nicht klar. Der Saatguthersteller hat bereits angekündigt, Berufung einzulegen und Roundup auch in Zukunft „nachdrücklich verteidigen“ zu wollen. Es ist in Amerika alles andere als ungewöhnlich, dass die Strafzahlungen bei solchen Verfahren später erheblich verringert oder die Urteile in der nächsten Instanz wieder einkassiert werden. Der amerikanische Pharmakonzern Johnson & Johnson beispielsweise, der wegen angeblich krebserregender Pflegeprodukte mit zahlreichen Klagen konfrontiert ist, wurde schon mehrfach zu spektakulär hohen Schadenersatzsummen verurteilt, die in Berufungsverfahren wieder zurückgenommen wurden.

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