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Bundesnetzagentur-Präsident Jochen Homann : „Beim Ausbau der Energienetze gibt es Grund zur Sorge“

  • Aktualisiert am

Jochen Homann Bild: Schoepal, Edgar

Ohne den schnellen Netzausbau gerät die Energiewende in eine Schieflage, warnt der neue Regulierungschef. Zur Not müssten Kosten sozialisiert werden, um voranzukommen.

          5 Min.

          Herr Homann, warum wird ein Wirtschaftsstaatssekretär Behördenchef in Bonn? Wollten Sie sich vor der nächsten Bundestagswahl in Sicherheit bringen?

          Das ganz gewiss nicht. Ein solches Angebot kann man gar nicht ablehnen, und ich wollte es auch nicht. In der Bundesnetzagentur warten absolut spannende neue Aufgaben auf mich. Ich habe die Energiepolitik seit vielen Jahren in der Regierung mitgestalten dürfen, hier geht es jetzt um die konkrete Umsetzung.

          Sie werden sich auch um Telekommunikation, Post und Eisenbahn kümmern müssen. Haben Sie sich schon eingelesen?

          Ich hoffe, dass ich den üblichen Hundert-Tage-Kredit bekomme. Das Gute ist, dass die Regulierung überall nach ähnlichen Prinzipien funktioniert. Und außerdem helfen dreißig Jahre Erfahrung aus dem Bundeskanzleramt und dem Bundeswirtschaftsministerium, die eine oder andere Falle zu entdecken und zu vermeiden.

          Ihr Vorgänger Matthias Kurth war Jurist, Sie sind Volkswirt. Gehen Sie anders an die Dinge heran?

          Ich bin jemand, der in Wettbewerbsstrukturen und Anreizsystemen denkt, und zwar am liebsten von den Ergebnissen her. Aber alles, was wir hier tun, muss auch in die Juristerei übersetzt werden und gerichtsfest sein. Dafür gibt es hier viele kluge Köpfe und Experten, auf die ich mich verlassen kann.

          Wie fällt Ihre Bilanz der Energiewende aus?

          Es sind viele Grundsatzentscheidungen getroffen und viele Gesetze gemacht worden. Jetzt muss die Umsetzung folgen, damit aus den Worten Taten werden. Mein Eindruck ist, dass sich leider wieder viele Beteiligte in die alten Gräben zurückziehen. Es wird zu wenig bedacht, dass das gesamte Energiesystem umgebaut wird - Erzeugung, Netze, Speicher - und nicht nur Teilsysteme.

          Der Ausbau der Erneuerbaren Energien kommt doch rasant voran.

          Wenn man die Energiewende nur daran messen könnte, stünden wir sehr gut da. Aber die Umbauschritte müssen synchron laufen. Wenn der Netzausbau nicht nachkommt, geraten wir in eine Schieflage. Deshalb brauchen wir einen netzverträglichen Pfad für den Ausbau der erneuerbaren Energien.

          Heißt das, dass bei der Einspeisevergütung umgesteuert werden muss?

          Für die Photovoltaik wird gerade eine Neujustierung vorgenommen. Mit dem vorgeschlagenen 15-Prozent-Anteil für die Eigenvermarktung wird ein wichtiger Einstieg in die Marktintegration des Solarstroms gemacht.

          Reicht das aus?

          Das ist ein Prozess, der schrittweise weitergehen muss.

          Wie hat sich der Zubau an Solarenergie in den vergangenen Monaten entwickelt?

          Nach dem Rekord im vorigen Jahr gab es im Januar und im Februar Hinweise auf eine neue Rallye. Das ist ja auch nicht überraschend, weil auf die bevorstehenden Änderungen im EEG reagiert wird. Genaue Zahlen haben wir noch nicht, aber alles deutet darauf hin, dass der im EEG vorgesehene Zielkorridor für den Zubau, also 3500 Megawatt, auch 2012 überschritten wird.

          Für die Anbindung der Offshore-Windparks ruft der Netzbetreiber Tennet nach Staatshilfe, weil Investoren ausbleiben. Hat die Regulierung die Rendite zu niedrig angesetzt?

          Die Rendite ist mit mehr als neun Prozent hoch genug, aber viele Haftungsfragen sind ungeklärt. Für die technischen Risiken tritt keine Versicherung ein. Und weil vieles noch nicht erprobt ist, gibt es auch finanzielle Risiken durch Bauverzögerungen. Dafür brauchen wir eine schnelle Lösung. Wir werden nicht umhin kommen, einen Teil der Haftungskosten zu sozialisieren, soweit Windparkbetreiber und Übertragungsnetzbetreiber überfordert sind. Dabei ist allerdings ein strenger Maßstab anzulegen. Nicht alle Risiken dürfen auf die Stromkunden überwälzt werden.

          Tennet ist gesetzlich dazu verpflichtet, die Windkraftanlagen anzuschließen. Warum setzt der Staat diese Verpflichtung nicht durch?

          Wenn Tennet mangels Finanzkraft nicht dazu in der Lage ist, hilft auch die gesetzliche Verpflichtung nicht weiter. Selbst wenn wir Zwangsgelder androhen, bringt das ja den Netzausbau nicht voran. Wir könnten auch den in solchen Fällen möglichen Weg gehen und den Bau der notwendigen Trassen ausschreiben. Aber das ist ein extrem langwieriges Verfahren, und uns läuft bereits die Zeit davon.

          Was sich da abspielt, sieht ein bisschen wie Erpressung aus.

          Tennet hat unter den vier Übertragungsnetzbetreibern die größten Lasten zu schultern und sieht sich dazu aus eigener Finanzkraft nicht in der Lage, solange der niederländische Staat als Eigentümer von Tennet oder andere Investoren kein zusätzliches Kapital zur Verfügung stellen. Hier geht es nicht um Erpressung, sondern um eine objektive Unmöglichkeit,

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