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Jens Weidmann : Bundesbankchef verteidigt deutsches Export-Modell

Ein Containerschiff der Reederei Hapag-Lloyd der „Hamburg-Express-Klasse“ fährt die Elbe hoch. Bild: dpa

Eine „Robinson-Inselwirtschaft“ sei nicht die Lösung, sagt Bundesbankpräsident Weidmann. In seiner Rede beim Sparkassentag wendet er sich gegen jene, die von Deutschland weniger Export fordern.

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          Erst vor kurzem hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron das exportorientierte „deutsche Wachstumsmodell“ gerügt, weil es von Ungleichgewichten in der Eurozone profitiert habe. International gibt es schon seit längerem viele Kritiker, die Deutschlands „Modell“ für falsch halten. Das Magazin „The Economist“ meinte vor drei Monaten, das Modell sei „kaputt“.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Nun hat Bundesbankpräsident Jens Weidmann in einer Rede auf dem Sparkassentag in Hamburg das deutsche Wirtschaftsmodell verteidigt. Es sei nicht kaputt. Es sei auch nicht falsch, dass Deutschland viel spare und die Ersparnisse zu einem erheblichen Teil im Ausland investiere – mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft könne er das gut nachvollziehen, so Weidmann.

          Allerdings gab er zu, dass der Leistungsbilanzüberschuss mit mehr als 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts schon sehr hoch sei. „Die Frage, inwieweit ein solcher Saldo langfristig tragfähig ist, ist berechtigt.“ Nur könne die Wirtschaftspolitik nicht einfach dagegen steuern. „Einzelne Maßnahmen, etwa Steuersenkungen oder höhere staatliche Ausgaben würden den Leistungsbilanzsaldo nicht wesentlich verschieben“, gab er zu bedenken.

          Im vergangenen Jahr hat Deutschland nach Weidmanns Worten für rund 1,6 Billionen Euro Waren du Dienstleistungen in die Welt exportiert. Umgekehrt wurden Waren und Dienstleistungen für etwa 1,4 Billionen Euro importiert. „Die Offenheit der deutschen Wirtschaft und ihre internationalen Verflechtungen steigern den Wohlstand unserer Gesellschaft und bieten auch unseren Partnern vielfältige Chancen“, betonte der Bundesbankchef.

          Der Schlüssel ist Bildung

          Ein größerer Kuchen bedeute aber noch nicht, dass jedes Stück größer werde. Es gebe Verteilungskonflikte und Gewinner und Verlierer der Globalisierung, räumte Weidmann ein. Mit Verweis auf ökonomische Studien sagte er, dass der „China-Schock“ seit der Jahrtausendwende in den Vereinigten Staaten zu einem erheblichen Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie geführt habe. Auch in Deutschland habe der intensivere Handel mit China und Osteuropa in einigen Branchen und Regionen zu Arbeitsplatzverlusten geführt. Gleichzeitig schuf aber der Zugang zu neuen Märkten neue Export- und Beschäftigungsmöglichkeiten.

          „Per Saldo entstanden wohl mehr als 400.000 Industriearbeitsplätze zusätzlich. Der China-Schock wirkte hierzulande also positiv“, betonte Weidmann. Allerdings gab es unterschiedliche Auswirkungen auf Branchen und Regionen, einige Menschen verloren ihre Jobs. Sie müssten umgeschult werden, um neue Märkte und Technologien zu nutzen. „Der Schlüssel dazu ist Bildung“, so Weidmann.

          In seiner Rede in Hamburg verwies der Bundesbankpräsident auf den vor 300 Jahren erstmals erschienenen Roman „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. Robinson wird darin als norddeutscher Kaufmannssohn vorgestellt, den es auf eine einsame Insel verschlägt. Aber erst durch Arbeitsteilung mit dem Eingeborenen „Freitag“ kann Robinson seine Lage deutlich verbessern.

          Weidmanns Botschaft: Eine isolierte Insel-Wirtschaft könne wirklich nicht die Lösung der Zukunft sein. Auch wenn die Globalisierung manchen ängstigt: „Abschottung statt Offenheit wäre die schlechteste Reaktion auf die ökonomischen Herausforderungen und Umwälzungen“, so Weidmann.

          Besorgt zeigte er sich über eine mögliche Eskalation der Handelsstreitigkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und China sowie auch mit Europa. Würde Präsident Donald Trump seine Drohungen wahr machen und einen Importzoll auf deutsche Autos erheben, „würde dies die deutschen Hersteller hart treffen, die 2018 Kfz und Kfz-Teile im Wert von 27 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten exportierten“, warnte Weidmann.

          Zinswende nicht unnötig verschieben

          Verständnis zeigte Weidmann in seiner Rede vor dem Sparkassentag über den Ärger vieler über die schon lange sehr niedrigen Zinsen. „Den Unmut vieler Sparer über dieses Niedrigzinsumfeld kann ich gut verstehen“, so Weidmann, der einer der Kandidaten für die Nachfolge von EZB-Präsident Mario Draghi ist, wenn der Italiener Ende Oktober die Europäische Zentralbank verlässt.

          Weidmann warnte abermals davor, dass eine lange Phase sehr niedriger Zinsen dazu führen könne, dass Investoren auf der Suche nach Renditen zu große Risiken eingehen und dies die Finanzstabilität bedrohen könne. Stark steigende Immobilienpreise und deren Kreditfinanzierung könnten zum Problem werden.

          Die Sparneigung sei indes durch die Niedrigzinsen nicht erlahmt. Auch die finanzielle Ungleichheit zwischen Armen und Reichen habe das billige Geld der EZB wohl nicht erhöht. Fragen nach der Verteilungswirkung müsse man zwar „sehr ernst“ nehmen, doch wissenschaftliche Studien hätten die These einer deshalb steigenden Ungleichheit „nicht erhärtet“.

          Von der EZB forderte Weidmann, auch angesichts der schwachen Inflation „die geldpolitische Normalisierung weiter zu verfolgen und nicht unnötig hinauszuschieben, wenn die Preisaussichten es zulassen“.

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