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Bund der Steuerzahler : Karl Bräuer ist nur noch belastende Geschichte

Karl Bräuer, Präsident und Gründer des Bundes der Steuerzahler, im Jahr 1955 in seinem Büro. Bild: Schraudenbach, Kurt/SZ Photo/lai

Der Bund der Steuerzahler hat das Leben seines früheren Präsidenten Bräuer aufgearbeitet. Die These, in der Nazi-Zeit sei er nur ein harmloser Mitläufer gewesen, lässt sich nicht mehr aufrecht- erhalten. Deshalb zieht der Verein Konsequenzen.

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          Der Bund der Steuerzahler streift ein Stück belasteter Geschichte ab. Er erinnert nicht länger mit seinem seit Jahrzehnten verliehenen Preis an seinen Mitgründer und zweiten Präsidenten Karl Bräuer. Auch sein wissenschaftliches Institut ist umbenannt worden. Damit reagiert der Verein auf neue Erkenntnisse, dass Bräuers Vergangenheit in den Jahren 1933 bis 1945 in einem „zumindest sehr zweifelhaften Licht stand“, wie der aktuelle Steuerzahlerpräsident Reiner Holznagel vorsichtig formuliert. Kurz nach seinem Amtsantritt vor etwa einem Jahr gab es Vorwürfe im Internet, Bräuer sei Schulungsleiter der SS für Rasse- und Siedlungsfragen gewesen. Die früheren Preisträger wurden angeschrieben und nach der nationalsozialistischen Vergangenheit Bräuers befragt.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Steuerzahlerbund beauftragte daraufhin den Publizisten Volker Koop, in die Archive zu steigen, um mehr über das Leben des Finanzwissenschaftlers zu erfahren. Das Ergebnis liegt nun vor. Für seine Arbeit als Schulungsleiter für Rasse- und Siedlungswesen gibt es danach zwar eine Quelle, aber diese ist zumindest unklar. So heißt es in einem Verzeichnis der wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer, dass Bräuer diese Funktion von 1935 bis 1945 ausgeübt habe. Der Band ist allerdings schon 1938 erschienen. Dort wird außerdem sein Beitritt zur NSDAP auf das Jahr 1935 gelegt, obwohl er schon 1933 Mitglied wurde. „Dies belastet ihn eher, zeigt aber, mit welch wissenschaftlich nicht haltbaren Daten und Vorwürfen im Fall Bräuer umgegangen wurde und teilweise weiterhin wird“, urteilt Koop.

          Nicht ganz auflösen lässt sich Bräuers Rolle bei der Auflösung des renommierten Vereins für Socialpolitik, des Zusammenschlusses der Wirtschaftswissenschaftler, aber ruhmreich war sie gewiss nicht. Die Nazis wollten den Verein gleichschalten. Bräuer wollte und sollte den Vorsitz übernehmen, wurde aber nicht gewählt. In allen Beurteilungen der NSDAP wurde ihm bescheinigt, „politisch einwandfrei zu sein“, wie Koop berichtet. „Der SS-Oberabschnitt Elbe hielt ihn sogar für die Bewachung von Konzentrationslagern für geeignet“, schreibt er.

          NSDAP für die Karriere

          Der Verein für Socialpolitik wurde aufgelöst und die Wirtschaftswissenschaftliche Gesellschaft mit Bräuer als Vorsitzendem gegründet. Wie Koop hervorhebt, lebte dieser in zwei Welten, der Wissenschaft und teilweise auch der von NSDAP und SS. Weder auf Tagungen noch in seinen Schriften habe er nationalsozialistische Propaganda betrieben. Auf der anderen Seite „engagierte sich Professor Bräuer über die Maßen in NSDAP und SS“. Koops Resumee lautet: „Professor Bräuer war sicherlich nicht im heutigen Sinn ,Täter’, in jedem Fall aber kein Unbelasteter, sondern ein aktiver ,Mitläufer’, dessen Motivation nicht mehr bis ins Letzte ermittelt werden kann.“

          Der Vorstand des Steuerzahlerbundes hat aus der Expertise Konsequenzen gezogen: „Wir werden den Karl-Bräuer-Preis nicht mehr verleihen. Und die Preisträger kriegen im Nachhinein eine neue Urkunde, in der Karl Bräuer nicht mehr vorkommt“, sagte Holznagel. Schließlich sei ihnen der Preis nicht verliehen worden, weil sie Karl Bräuer geehrt hätten, sondern weil sie in besonderer Weise das Anliegen der Steuerzahler vertreten hätten. „Wir wollen die Preisträger auch nicht in Erklärungsnöte bringen.“ Das eigene Forschungsinstitut heißt ab sofort schlicht Deutsches Steuerzahlerinstitut.

          Holznagel betonte im Gespräch mit dieser Zeitung: „Bräuers Entnazifizierungsakte gab meinen Vorgängern nie Anlass, seine Verquickung in die Nazizeit intensiver zu hinterfragen.“ Danach habe er der nationalsozialistischen Idee zwar am Anfang sehr nahegestanden und die Mitgliedschaften in der NSDAP und SS genutzt, um Karriere zu machen und um unbehelligt forschen zu können. Es gebe darin Dokumente und Briefe von damaligen Kollegen und Studenten, die bezeugten, dass er kein Antisemit gewesen sei und keine rassistischen und nazistischen Überzeugungen in den Vorlesungen vertreten habe. Das half Bräuer bei der Entnazifizierung: Zunächst wurde er in die Kategorie IV einsortiert und dann durch eine Generalamnestie zum bedeutungslosen Mitläufer herabgestuft. Doch wie Koop ermittelte, hat Bräuer hier mindestens in einem Fall getrickst, indem er einem Kollegen, der ihn gar nicht kannte, ein vorformuliertes Entlastungsschreiben schickte, „um deren gelegentliche Rücksendung ich Ihnen verbunden wäre“.

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