https://www.faz.net/-gqe-7ym0q

Gentrifizierung : Wohnen statt werben: Hamburgs neue Bürgerwehr

  • -Aktualisiert am

Die Zeisehallen gefallen den Menschen - was dahinter passiert, nicht. Denn der Werbekonzern WPP will hier Büroflächen bauen. Bild: Bode, Henning

Eine Bürgerinitiative sieht sich als Schutzschild gegen Gentrifizierung. Warum der geplante Neubau des Werbekonzerns WPP im Hamburger Stadtteil Ottensen die Gemüter erhitzt.

          3 Min.

          Auf der Bahrenfelder Straße im Westen Hamburgs herrscht am frühen Abend ein buntes Treiben. Junge Frauen mit Kinderwagen schlendern durch die kleinen Designerläden, die sich hier im Herzen des angesagten Stadtteils Ottensen angesiedelt haben. Männer mit Bärten und dickrandigen Brillen hetzen zum deutschen Fleischer und zum türkischen Gemüsehändler, um schnell noch die Zutaten für das Abendessen zu besorgen. Über den Giebeln der Altbauten geht die Sonne unter, die Bars und kleinen Restaurants füllen sich.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Wenige Meter weiter, hinter dem wuchtigen Klinkerbau der denkmalgeschützten Zeisehallen, wo bis in die siebziger Jahre hinein noch gewaltige Schiffsschrauben produziert wurden, ist es vorbei mit der Idylle. Auf dem einstigen Parkplatz hinter dem Gebäudekomplex ragen Baukräne in den Himmel. Hier soll ein Bürogebäude entstehen, für den größten Werbekonzern der Welt, die britische WPP-Gruppe. Zu ihr gehören bekannte Agenturen wie Scholz & Friends. Den Alteingesessenen in Ottensen gefallen diese Pläne so gar nicht. Sie fürchten eine Invasion der Latte-macchiato-Schlürfer und SUV-Fahrer und wollen das Vorhaben mit aller Macht verhindern.

          Künstler und Kreative fürchten um Gesicht des einstigen Arbeiterviertels

          In einer Bürgerinitiative namens „Pro Wohnen Ottensen“ haben sich Künstler und Kreative aller Art versammelt. Sie befürchten, dass sich das Gesicht des einstigen Arbeiterviertels stark verändert, wenn Hunderte Werber in den Bezirk einfallen und womöglich weitere Bauprojekte dieser Art folgen. „Wir haben in Ottensen heute eine einzigartige Mischung aus Gastronomie und kleinen Gewerben“, sagt Janette Bleeker, eine Journalistin und Filmemacherin, die in der Nähe der Zeisehallen wohnt und sich für die Bürgerinitiative engagiert. „Das wird durch Projekte wie diesen Neubau aufs Spiel gesetzt.“ Für diesen Samstag hat die Bürgerinitiative zu einer Demonstration aufgerufen.

          Die Werber reiben sich derweil die Augen: Kreative wehren sich gegen den Zuzug von anderen Kreativen – wie kann das sein? Man sei schon etwas überrascht, heißt es aus dem Hause Scholz & Friends, jener Agentur, die derzeit mit ihrer Opel-Werbung für Aufsehen sorgt und die mit rund 400 Mitarbeitern die Hälfte des Platzes in dem neuen Gebäude einnehmen soll. „Aber wir nehmen es nicht persönlich“, sagt Christian Tiedemann, der das Bauvorhaben auf Vorstandsebene begleitet. Er sieht die Auseinandersetzung eher als ein Beispiel dafür, wie viel Misstrauen manche Menschen gegenüber großen Wirtschaftsunternehmen generell hegen.

          Bürgerinitiative als Schutzschild gegen die Gentrifizierung

          Unterstützt werden die Gegner des Baus von Prominenten wie dem Regisseur Fatih Akin und der Schauspielerin Nina Petri. In einem offenen Brief an WPP-Chef Martin Sorrell fordern sie, dass sich der Konzern statt in Ottensen doch lieber in der Hafencity niederlassen soll. Von einem „Ausverkauf Ottensens an einige wenige Profiteure“ ist in dem Schreiben die Rede, und weiter: „Das ist unser Terrain, unser Stadtteil. Wir sind viele, wir sind hervorragend vernetzt, und wir haben einen langen Atem.“

          Bei WPP und Scholz & Friends ist man derweil um Deeskalation bemüht. Erklärt, argumentiert. Sachlich, ruhig. Die 850 Mitarbeiter in Hamburg sollten künftig alle gemeinsam an einem Standort arbeiten. Alte Mietverträge seien ausgelaufen, daher die Suche nach einem neuen Gebäude. Das Areal sei von der Stadt angeboten worden – warum also nicht zugreifen? Und überhaupt: Da entstehe ein tolles Gebäude, wo vorher ein hässlicher Parkplatz war. „Verglichen mit der jetzigen Situation, ist der Neubau in meinen Augen eine positive Veränderung“, formuliert es Tiedemann.

          Doch für die Bürgerinitiative geht es um mehr als dieses eine Gebäude, sie sieht sich vielmehr als ein Schutzschild gegen die Gentrifizierung. Ottensen drohe ein Schicksal wie dem Schanzenviertel wenige Kilometer nordöstlich oder dem Prenzlauer Berg in Berlin: Der Verkehr werde zunehmen, kleine Geschäfte würden durch große Ketten verdrängt. Die bisherigen Einwohner müssten wegziehen, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten könnten. Es ist ein Prozess, wie er sich derzeit in vielen deutschen Städten vollzieht. Aufzuhalten ist er kaum. Aber in Ottensen will man es zumindest versuchen.

          Vorläufiger Baustopp durch Unterschriftensammlung

          Obwohl die Bagger schon auf dem Gelände stehen, wollen die Mitglieder von „Pro Wohnen Ottensen“ das Projekt noch zu Fall bringen. Einen ersten Teilerfolg haben sie schon erzielt: Sie haben genug Unterschriften zusammenbekommen, um einen vorläufigen Baustopp durchzusetzen. Bis Ende April darf das Bezirksamt nichts unternehmen, was dem Anliegen der Initiative zuwiderlaufen könnte. Im nächsten Schritt wollen Bleeker und ihre Gefährten die Verwaltung zwingen, einen Bürgerentscheid durchzuführen. Die Initiative ist zuversichtlich, dass die dafür notwendigen 6000 Unterschriften bis Ende Februar zusammenkommen. Sollte die Abstimmung tatsächlich stattfinden und sollte eine Mehrheit der Bürger gegen das Projekt stimmen, müsste der übergeordnete Bezirk Altona den Bebauungsplan für das Gelände ändern. Dann, so die Forderung der Initiative, sollen dort Wohnungen entstehen.

          Dies war zwischenzeitlich schon einmal geplant. Doch die Immobiliengesellschaften Quantum und Procom, die den rund 60 Millionen Euro teuren Neubau als Projektentwickler planen und realisieren wollen, präsentierten im vergangenen Juli plötzlich WPP als kommerziellen Mieter und fanden in der Bezirksversammlung eine breite Unterstützung. Sie argumentieren, dass der Stadtteil durch die Ansiedlung gestärkt wird und dass Ottensen ein neues Zentrum für die Kreativwirtschaft in Hamburg werden könnte.

          So wird es nach dem Willen von WPP auch kommen; von seinen Plänen will der Konzern trotz der Proteste jedenfalls nicht abrücken. Einzugstermin sei der 1.Januar 2017, sagt der Deutschland-Statthalter von WPP, Richard Karpik. Doch selbst wenn die Gegner Erfolg haben sollten – los würde Ottensen die Werber damit nicht. Die sind nämlich schon längst da: Jeder dritte Mitarbeiter der Agentur wohnt in Ottensen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Razzia in einer Shisha-Bar in Bochum

          Aussteigerprogramm : Raus aus dem Clan

          Nordrhein-Westfalen will den Ausstieg aus kriminellen Großfamilien erleichtern. Das Programm läuft gut an, doch die Erfahrungen lehren auch: Wer den Ausstieg wagt, wird meist brutal zurück gezwungen.
          Ein provisorisches Krankenhaus für die Corona-Infizierten in der Stadt Lleida.

          Corona- und Wirtschaftskrise : Spaniens Kampf ums Überleben

          Das südeuropäische Land muss wegen des heftigsten Corona-Ausbruchs seit der Öffnung neue Ausgangssperren verhängen. Und auch wirtschaftlich sieht es düster aus: Ministerpräsident Sánchez kämpft um die Kredite und Zuschüsse der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.