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Buchmarkt : Medienhaus Weltbild legt sich mit Amazon an

Carel Halff ist Chef des Weltbild-Verlages in Augsburg Bild: Stefan Puchner/Weltbild

Weltbild begleitet den Buchleser in die Elektronik: mit Applikationen, einem Internetauftritt für Handys, mit einem eigenen E-Reader und einem Tabletcomputer.

          Das Medienunternehmen Verlagsgruppe Weltbild startet eine Elektronikoffensive. Wenige Tage nachdem Amazon einen Tabletcomputer als Konkurrenz zum iPad von Apple vorgestellt hat (siehe Tabletcomputer: Amazon feuert gegen Apple ), kommt auch Weltbild mit eigenen Geräten auf den Markt. Vom heutigen Donnerstag an verkauft Weltbild ein neues elektronisches Buchlesegerät (E-Reader). Der neue „eBook Reader 3.0“ sei leichter, schneller und preisgünstiger als bisherige Produkte, verspricht das Unternehmen. Für 60 Euro bietet er ein Farbdisplay und eine Speicherkapazität von 2000 Buchinhalten.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Weltbild bietet 120.000 Bücher zum elektronischen Herunterladen an. Vom 19. Oktober an werde das Lesegerät auch im Fernsehen beworben. Man habe dafür einen siebenstelligen Werbeetat vorgesehen, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Carel Halff. Und noch vor Weihnachten werde Weltbild mit einem eigenen Tabletcomputer auf den Markt kommen, der wie die Amazon-Version dem iPad von Apple Konkurrenz machen soll. Der Weltbild-Computer soll mit weniger als 200 Euro wesentlich weniger kosten als das iPad. Das Marktpotential für einen Tabletcomputer schätzt Halff jedoch kleiner ein als für ein Lesegerät.

          Dabei bezieht er sich auf Erfahrungen aus den Niederlanden. „iPads können zwar viel, haben aber ihren Preis.“ Es zeige sich, dass vor allem die lesende Frau ab 40 Jahren einen Reader nutzt. Die Geräte selbst sind für Weltbild nur Mittel zum Zweck. Sie sollen den Umsatz mit Inhalten erhöhen. Die Erfahrung zeigt nach Halffs Worten, dass Readerbesitzer in der Regel auch Intensivnutzer werden und regelmäßig elektronische Bücher beziehen. Die Technik und die Durchdringung des Marktes sei jetzt so weit, dass sich größere Investitionen auch für ein mittelständisches Haus lohnten - „und notwendig sind“.

          Wer jetzt nicht investiere, verspiele die Zukunft, ist Halff überzeugt. Nach vielen Jahren, in denen der Absatz elektronischer Bücher hierzulande bei gut einem Prozent des Branchenumsatzes dahindümpelte, erwartet Halff in diesem Jahr „eine Steigerung auf mindestens 3, im günstigsten Fall auf 5 Prozent“. In diesen Umbruchzeiten der Branche komme es darauf an, „die Marke Weltbild mit elektronischer Kompetenz positiv aufzuladen“, begründet Halff die Investitionen seines Hauses in eigene Geräte.

          Umsatzsteigerungen zwischen 2 und 10 Prozent

          Im laufenden Geschäftsjahr 2011/12 (30. Juni) stehe daher weder der Umsatz noch der Ertrag im Vordergrund, sondern der Ausbau der Elektronik im Buchgeschäft. „Die Entwicklung des elektronischen Buches wird zu so gewaltigen tektonischen Veränderungen im Buchhandel führen, dass, wer sich jetzt nicht darauf einstellt und auf Gewinnmaximierung setzt, bald auf der Verliererstraße stehen wird“, sagt Halff.

          Am Gewinn - den Weltbild dennoch erwirtschaften werde - nagen auch andere Investitionen. Das Online-Geschäft wird ausgebaut durch neue Zugriffsmöglichkeiten der Kunden über Applikationen für die Betriebssysteme Android (Google) und iOS (Apple). „Wir sind überrascht, wie schnell so etwas wahrgenommen wird“, sagt Halff. Während man früher um jeden Kunden habe kämpfen müssen, kommen sie heute technikgetrieben fast von selbst, wenn man die entsprechenden technischen Möglichkeiten eröffnet. Das treffe auch auf das Handy zu. Heute kämen zwar erst 10 Prozent der Onlinekunden über das Handy, aber die mobilen Endgeräte hätten hohe Zuwachsraten. Daher habe Weltbild seinen Online-Auftritt auf die Lesbarkeit und Handhabbarkeit auf dem kleinen Mobiltelefon-Bildschirm abgestellt.

          Vom Handelsumsatz der Weltbild-Gruppe entfällt zwar die Hälfte auf den Versandhandel (und davon zwei Drittel auf Online-Handel, ein Drittel auf Katalogbestellungen), aber damit entfällt auch noch eine Hälfte des Handelsumsatzes auf den stationären Handel. Auch die 450 (Vorjahr 472) Geschäfte der Marken Weltbild und Hugendubel stehen vor einem Umbruch. „Im Geschäft geht es im Gegensatz zur Elektronik künftig mehr um Entschleunigung, um Gemütlichkeit und Atmosphäre“, ist Halff überzeugt. Die Umstellung der ersten Geschäfte auf dieses Konzept habe zu Umsatzsteigerungen zwischen 2 und 10 Prozent geführt.

          Größter Einzelakteur im deutschen Buchhandel

          Man vollziehe ein verändertes Einkaufsverhalten nach. „Früher kam der Kunde in das Geschäft, suchte hier Titelvielfalt und ließ sich beraten, weil niemand das Buchangebot besser kannte als der Buchhändler. Heute hat sich der Kunde über die Titelvielfalt im Internet informiert und weiß über sein Spezialgebiet in der Regel mehr als der Buchhändler.“ Diese Käufer bedürften keiner Beratung. Daneben gebe es aber weiterhin den Suchenden und den Stöberer. Der konzentriere sich aber mehr auf Belletristik. Daher werde in den Buchhandlungen der Anteil der unterhaltenden Literatur steigen und der des Kinderbuches. „Das Kinderbuch reichern wir sogar um Spielzeug an, weil in vielen Städten das Spielwarenfachgeschäft aus der Fußgängerzone verschwunden ist“, sagt Halff. Deutlich zurückgegangen sei die Nachfrage nach Nachschlagewerken (Lexika), nach Fachbüchern, nach Atlanten und Straßenkarten sowie nach Ratgebern. Die werde man daher immer weniger vorhalten.

          Der Umsatz der Weltbild-Gruppe werde auch im laufenden Geschäftsjahr 2011/12 bei 1,65 Milliarden Euro liegen. Mit einem Marktanteil von gut 18 Prozent ist Weltbild der größte Einzelakteur im deutschen Buchhandel. Im Onlinebuchhandel ist das Augsburger Verlagshaus die Nummer 2 nach Amazon, im deutschsprachigen Onlinehandel insgesamt die Nummer drei nach Amazon und Ebay.

          Der Gewinn werde im laufenden Geschäftsjahr sinken, aber trotz aller Anlaufkosten und Investitionen nicht unter null fallen. Zur Gruppe gehören die Marken Weltbild (Versandhandel und stationärer Handel), Hugendubel (Buchgeschäfte), Jokers (modernes Antiquariat), Kidoh (Versender für Spielzeug und Lernartikel) und zu einem Drittel der Internet-Händler buecher.de, der im vergangenen Jahr 49 Millionen Euro umsetzte. Weltbild ist außerdem beteiligt an der Verlagsgruppe Droemer Knaur in München.

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