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: Buch statt Bargeld

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Paris, die Stadt der Lichter, leuchtet trotz gestiegener Energiekosten diese Weihnachten heller denn je. Die Zahl der speziell erleuchteten Straßen und Plätze wurde auf mehr als hundert verdoppelt. Nicht weniger als eine Million ...

          3 Min.

          PARIS, 7. Dezember.

          Paris, die Stadt der Lichter, leuchtet trotz gestiegener Energiekosten diese Weihnachten heller denn je. Die Zahl der speziell erleuchteten Straßen und Plätze wurde auf mehr als hundert verdoppelt. Nicht weniger als eine Million Lichter erhellen die Champs-Elysées von den 420 Bäumen am Straßenrand aus - achtmal mehr als im Vorjahr. Und dennoch soll der Energieverbrauch nicht steigen, behauptet die Stadtverwaltung. Denn man setze erstmals sogenannte Licht emittierende Dioden (LED) ein, die fünfzehnmal weniger Strom verbrauchten als eine herkömmliche Glühbirne, sagt Jean-Pierre Maquair, technischer Direktor der Pariser Lichterketten. "Ihre Anschaffung ist teurer, doch dafür steigt die Lebensdauer von 1000 auf 50 000 Stunden", sagt er. Das beeindruckende Spektakel an den Champs-Elysées, das die Schauspielerin und Sängerin Vanessa Paradis am 26. November feierlich anschaltete, kostet 850 000 Euro und damit 70 Prozent mehr als im Vorjahr, doch weil sich neben der Stadtverwaltung und den Geschäften diesmal auch General Electric und Gaz de France beteiligen, sind eigentlich alle zufrieden.

          Paris muss sich in diesem Jahr mächtig ins Zeug legen, um nicht nur Touristen anzulocken, sondern auch die Franzosen zum Einkaufen zu animieren. Überall stöhnen die Bürger über die nachlassende Kaufkraft, was mit den gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreisen zu tun hat. Dass sich die Franzosen heute wirklich weniger leisten können als in den Vorjahren, ist statistisch nicht leicht nachzuweisen; doch auf jeden Fall ist das entsprechende Gefühl weit verbreitet. Staatspräsident Nicolas Sarkozy heizt es an, indem er den Franzosen ständig verspricht, ihre Kaufkraft zu stärken.

          Das Mekka der Pariser Weihnachtseinkäufer ist der Boulevard Haussmann, wo die Kaufhäuser Galeries Lafayette und Printemps mit ihren spektakulären Fassaden ebenfalls eine berühmte Lichtershow abziehen. Verschiedene Sonderaktionen sollen die Kauflust zusätzlich stimulieren: So werden die Galeries Lafayette von diesem Samstag an mit acht Schneekanonen für Winterstimmung sorgen. Das Kaufhaus hat zudem drei Sonderbusse eingesetzt, mit denen die Kunden direkt vor dem Eingang abgesetzt werden. Wer seinen Hund mit Nikolauskappe oder anderer Dekoration fotografieren will, geht in das "Le Dog Studio Photo". Der Konkurrent Printemps erklärt in diesem Jahr Skandinavien zum Leitmotiv und hat unter anderem auf einer Dachterrasse einen Irrgarten aus Kunstschnee errichtet.

          Mit ihren Verkaufsprognosen sind die Geschäftsbesitzer vorsichtig, denn schon im Oktober und im September fielen die Ausgaben der Haushalte. An Weihnachten freilich greift man gerne tiefer in die Taschen. Die Wirtschaftsprüfer von Deloitte wollen bei ihren jährlich europaweit durchgeführten Umfragen vor wenigen Wochen herausgefunden haben, dass die Franzosen in diesem Jahr 1,4 Prozent mehr Geld ausgeben wollen als 2006. "Das ist kein großartiger Anstieg, aber immerhin der erste seit 2003", sagt der Leiter der Studie, Gilles Goldenberg. Zum Vergleich: Für Deutschland erwartet Deloitte ein Minus von 3,6 Prozent.

          Gemessen an ihren Gesamtausgaben für Weihnachten, gehören die Franzosen in Europa zum hinteren Mittelfeld. Sie geben je Haushalt in diesem Jahr durchschnittlich 556 Euro aus, lautet die Schätzung von Deloitte. Das liegt weit hinter dem europäischen Spitzenreiter Irland mit 1431 Euro sowie Großbritannien mit 1007 Euro, doch deutlich vor den offenbar knauserigen Deutschen, die laut Deloitte nur 420 Euro ausgeben wollen. Weil die Franzosen sich der gestiegenen Nahrungs- und Energiepreise bewusst sind, rechnen sie in diesem Jahr mit 7 Prozent höheren Ausgaben für das oder die Weihnachtsessen. Sparen wollen sie dafür bei den Geschenken: Nur 313 Euro wollen die Haushalte dafür im Durchschnitt ausgeben, 9 Prozent weniger als im Vorjahr.

          Für den Einkauf bleiben die Franzosen mehr und mehr zu Hause. Nach Angaben der Messgesellschaft ComScore besucht in Europa niemand so häufig die Verkaufsseiten im Internet wie die Briten und die Franzosen. Dabei greifen sie gerne nach Elektronikprodukten. Als besonders begehrt gelten in Frankreich in diesem Jahr elektronische Bilderrahmen, die bis zu tausend Fotos speichern können, für die Dekoration zu Hause. "Das wird das Geschenk des Jahres und damit das GPS vom Vorjahr ablösen", vermutet Pierre Kosciusko-Morizet, Chef der Internetseite Priceminister. Die Qualität ist verbessert worden, die Rahmen sind größer und sind inzwischen in einer Preisspanne von 60 bis 300 Euro zu erhalten. Außerdem finden sich unter den französischen Weihnachtsbäumen voraussichtlich viele digitale Kameras, Laptops, Mobiltelefone, Spielkonsolen und Videospiele, die zunehmend auch die Erwachsenen interessieren.

          Viele Wünsche bleiben jedoch unerfüllt. Nach der Umfrage von Deloitte wünschen sich die Franzosen zu Weihnachten vor allem Bargeld - so wie auch die Deutschen und die Russen. Das am häufigsten erhaltene Geschenk ist in Frankreich jedoch ein Buch.

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