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Corona-Quarantäne : Britische „Pingdemie“ bringt Unternehmen in Not

In Großbritannien fehlen Lastwagenfahrer. Bild: Bloomberg

Mehr als 1,5 Millionen Menschen müssen wegen „Pings“ der Corona-App in Selbstisolation. Supermärkte befürchten nun leere Regale – weil Lastwagenfahrer fehlen.

          2 Min.

          Die Aufhebung fast aller Corona-Restriktionen in England vor knapp zwei Wochen hat – anders als von vielen prognostiziert und befürchtet – nicht zu einem drastischen Anstieg der Ansteckungszahlen geführt – im Gegenteil. Doch an einer Front brennt es: Statt Pandemie klagen die Unternehmen über eine „Pingdemie“. Sie führt in vielen Branchen zu akuten Personalengpässen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Mit „Pingdemie“ bezeichnen die Briten die massenhaften „Ping“-Warnungen der Corona-App des Gesundheitsdienstes NHS. Wenn ein Handy-Besitzer zu nahe in Kontakt mit einem positiv Getesteten geriet, verschickt die App aufs Handy die Aufforderung, für bis zu zehn Tage in Quarantäne zu gehen. Mehr als 1,5 Millionen Briten wurden so in Selbstisolation in die eigenen vier Wände geschickt, täglich kommen 170.000 hinzu.

          Supermärkte befürchten leere Regale, weil Lastwagenfahrer fehlen. Der Molkereikonzern Arla etwa, der den Lebensmittelhandel mit Milch versorgt, musste 600 Lieferungen täglich absagen. Einige Züge und U-Bahnen können nicht mehr fahren aus Mangel an Lokführern. Re­staurants und Kneipen müssen schließen, weil Kellner und Köche nicht zum Dienst erscheinen können. In einigen Fabriken, etwa vom Autohersteller Nissan, standen zeitweise Bänder still, weil Arbeiter fehlten. Auch in manchen Krankenhäusern wird Pflegepersonal knapp.

          Chronische Personalknappheit herrschte schon vorher

          Die britische Wirtschaft läuft dagegen Sturm. Tony Danker, Direktor des Unternehmerverbands CBI, forderte Premierminister Johnson auf, den Zwang zur Selbstisolation für vollständig Geimpfte zu beenden. Statt Massenisolation solle es Massentests geben. Johnson hat zwar schon für bestimmte Berufe Ausnahmeregeln vom Quarantänezwang geschaffen, etwa für Lokführer, Fahrer in der Lebensmittelindustrie, Wasser-, Elektrizitäts- und Müllwerker. Doch die Wirtschaft will die Quarantäneregeln am liebsten ganz durch Tests ersetzen.

          Erst Mitte August ändern sich die Regeln, dann dürfen vollständig Geimpfte trotz „Pings“ mit einem negativen Test das Haus verlassen. Der Personalmangel ist aber jetzt so akut, dass Tausende Unternehmen dringend Ersatzkräfte einstellen wollen. Die Jobsuchplattform Adzuna spricht davon, dass die „Ping­demie“ zu einem Anstieg der „dringenden“ Stellenausschreibungen um 72 000 geführt habe, das sind gut 6 Prozent aller Stellenangebote. Einige Unternehmen suchen so verzweifelt, dass sie recht hohe Boni für Neuanfänger bieten. Bei 5000 Stellen gibt es „Willkommensbonus“.

          Die Supermarktkette Tesco etwa verspricht neuen Lkw-Fahrern 1000 Pfund. Schon vor der „Pingdemie“ herrschte indes eine chronische Personalknappheit vor allem in der Logistik. Die Supermarktkette Aldi hat nun den Stundenlohn für Lkw-Fahrer auf bis zu 15,35 Pfund und für Nachtschichten auf bis zu 18,41 Pfund erhöht, um mehr Interessenten anzuwerben. Der Transporteureverband Road Haulage Association spricht von bis zu 100.000 fehlenden Lkw-Fahrern auf der Insel. Der Brexit-Aderlass bei ausländischen Fahrern, aber auch 30.000 ausgefallene Fahrprüfungen wegen Corona haben dazu ganz wesentlich beigetragen.

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