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Britische Parlamentswahl : In Europa geht das „Brexit“-Gespenst um

Will über die Zukunft in der EU abstimmen lassen: Großbritanniens Premierminister David Cameron Bild: AP

Die britische Parlamentswahl am 7. Mai birgt enorme wirtschaftliche Risiken: Sie könnte zum Ausstieg der Briten aus der EU und einer Abspaltung Schottlands führen. Ein Volksentscheid über Europa ist derzeit noch das kleinste Problem.

          Was ist bloß mit den Briten los? Nächsten Donnerstag wird auf der anderen Seite des Ärmelkanals ein neues Parlament gewählt. Und kurz vor der Wahl spielen die Analysten in den Bankentürmen des Londoner Finanzviertels Albtraumszenarien durch, die unwirklich erscheinen mögen - und doch eintreten könnten. Eines davon geht so: Premierminister David Cameron wird im Amt bestätigt und hält, wie angekündigt, einen Volksentscheid über den Austritt seines Landes aus der EU ab. Bei dem Referendum Ende 2017 stimmt eine Mehrheit der Briten für den sogenannten „Brexit“. Doch im Norden der britischen Insel, in Schottland, haben die Bürger mehrheitlich für die EU gestimmt. Daraufhin setzt die nationalistische Regionalregierung in Edinburgh einen weiteren Volksentscheid durch: Dieses Mal geht es um den „Sexit“ - die Gründung eines souveränen schottischen Staates, der, anders als der große Rest des Vereinigten Königreichs, Teil der EU sein soll.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Ein ,Brexit‘ würde wahrscheinlich zur Zerschlagung des Vereinigten Königreichs führen“, erwartet Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg. „Schottland würde in der EU bleiben, wenn der Rest des Landes sich für den Ausstieg entscheiden sollte“, glaubt er. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Großbritannien zerbricht, würde im Falle eines EU-Referendums eindeutig größer“, sagt auch Pawel Swidlicki, Analyst der Londoner Denkfabrik Open Europe.

          Unterhauswahlen Großbritannien 2015Ergebnisse im Detail

          Ergebnisse 2015 Ergebnisse 2010

          • Labour
          • SNP
          • Lib Dem
          • DUP
          • Green
          • Sonstige
          • UKIP
          • Conservative
          326 Sitze zur Mehrheit
          Gewinne/Verluste beziehen sich auf die Ergebnisse der Unterhauswahl 2010.

          England 533 von 650 Sitzen

          33%
          7%
          6%
          0,5%
          15%
          39%
          24.–26.04.2015, Quelle: ICM/The Guardian

          Schottland 59 von 650 Sitzen

          25%
          49%
          5%
          3%
          17%
          16.–20.04.2015, Quelle: YouGov/The Times

          Wales 40 von 650 Sitzen

          40%
          6%
          PC 12%
          4%
          < 0,5%
          13%
          26%
          13.–15.04.2015, Quelle: YouGov/ITV Wales, Cardiff University

          Nordirland 18 von 650 Sitzen

          DUP 26%
          SF 24%
          SDLP 15%
          UUP 12%
          Alliance 6%
          Sonstige 17%
          11.–24.09.2014, Quelle: LucidTalk/Belfast Telegraph

          Ergebnisse der Wahlkreise 2015
           
          Ergebnisse der Wahlkreise 2010
           

          Quelle: Press Association
          Ergebnisse im Detail

          Europas Wirtschaftsführer beginnen sich Sorgen zu machen: Einer Umfrage der Steuerberatung Grant Thornton zufolge glauben rund 60 Prozent der deutschen Unternehmensmanager, dass ein „Brexit“ Europa beschädigen würde. Einen eventuellen Ausstieg Griechenlands aus der europäischen Währungsunion halten dagegen nur gut ein Drittel der Befragten für bedenklich. In anderen europäischen Ländern ist das Meinungsbild, der Umfrage zufolge, ähnlich.

          „Brexit“ würde für Briten teuer werden

          Umso erstaunlicher ist, dass das wichtige Europa-Thema im britischen Wahlkampf selbst bisher kaum eine Rolle spielte. Dabei könnte eine folgenschwere Kettenreaktion aus „Brexit“ und „Sexit“ Großbritannien binnen weniger Jahre in ein gespaltenes und vom europäischen Kontinent isoliertes „Little England“ verwandeln. Die Briten würden dafür vermutlich teuer bezahlen: Europas drittgrößte Volkswirtschaft würde zumindest einen Teil der Handelsprivilegien verlieren, die der EU-Binnenmarkt bietet. Dabei gehen mehr als die Hälfte der britischen Exporte in andere EU-Staaten. Die wichtigste Exportbranche auf der Insel sind die Banken und andere Finanzdienstleister.

          Ökonomen der London School of Economics schätzen, der EU-Ausstieg könnte die Briten bis zu 10 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung kosten. Das Münchner Ifo-Institut taxiert den Preis für den „Brexit“ sogar auf bis zu 14 Prozent. Jeder Einwohner würde demnach langfristig rund 4900 Euro im Jahr an Einkommen einbüßen. Für Deutschland und andere europäische Länder wären die unmittelbaren wirtschaftlichen Kosten zwar überschaubar. Doch die Signalwirkung wäre bedenklich: Ein „Brexit“ lieferte das Exempel dafür, dass die europäische Integration - und damit auch der Binnenmarkt - nicht unumkehrbar sind.

          Natürlich muss es nicht so weit kommen. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass die Gefahr eines britischen Alleingangs deutlich sinken würde, wenn Camerons Konservative nächste Woche die Wahl verlören. Der Gegenspieler des Premierministers im Wahlkampf, Ed Miliband, der Parteichef der sozialdemokratischen Labour Party, hat klargestellt, dass er gegen ein EU-Referendum ist. Sollte Miliband also der nächste britische Premierminister werden, wäre der Europa-Showdown an den Wahlurnen vom Tisch, glauben viele Analysten im Londoner Finanzviertel. Doch diesen Optimismus teilen nicht alle Beobachter.

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