https://www.faz.net/-gqe-agepr

Benzinkrise in Großbritannien : Nun fehlen die Kraftfahrer aus Osteuropa

Schlangen waren mal ein Symbol für Wirtschaftssysteme, in denen etwas nicht funktioniert. Bild: dpa

Die Schlangen an britischen Tankstellen haben eine Ursache: Durch die geschlossenen Grenzen konnten alternde Lastwagenfahrer nicht durch jüngere aus Osteuropa ersetzt werden. In Deutschland ist die Situation etwas anders.

          3 Min.

          Die Bilder aus Großbritannien mit Tankstellen, an denen es kein Benzin mehr zu kaufen gibt, schockieren auch die Menschen in Deutschland. Warteschlangen, Tankstellen mit gesperrten Zapfpistolen, Schilder über ausgegangenen Sprit belegen einen ungeahnten Engpass. Jetzt sollen auf der britischen Insel 150 Militärangehörige für den Kraftstofftransport ausrücken, weitere 150 Soldaten hielten sich bereit, kündigte Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng am Mittwoch an.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der britische Premierminister Boris Johnson behauptet dabei, es handele sich bei dem Mangel an Lastwagenfahrern keineswegs allein um ein britisches Phänomen. Deshalb stellt sich auch für Deutschland die Frage: Müssen Menschen  sich auf ähnliche Engpässe an den Tankstellen einstellen, nachdem die Industrie bereits über Engpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen klagt? Kommt es zu einer ähnlichen Entwicklung wie in Großbritannien, weil die unerwartet schnelle Erholung der Wirtschaft die logistischen Kapazitäten überfordert?

          Für die aktuelle Situation gibt der deutsche Mineralölwirtschaftsverband, der die hiesigen Tankstellen-Konzerne vertritt, Entwarnung. „Das Phänomen ist hier unbekannt“, sagte Verbandsgeschäftsführer Christoph Bender. „Wir haben aktuell keine Logistik-Schwierigkeiten auf dem Tankstellenmarkt.“ Leer gekaufte Tankstellen habe es in Deutschland zwar im Herbst 2018 gegeben, als das Niedrigwasser am Rhein den Benzintransport erschwerte – aber auch da nur „stundenweise und lokal“. 

          Versorgung in Deutschland ist sichergestellt

          Im Moment sei die Versorgung mit Benzin überall im Land sichergestellt, bestätigte ein Sprecher von BP. Allerdings wies der Autoclub ADAC darauf hin, dass das Anziehen der Benzinnachfrage es den Mineralölkonzernen leichter gemacht habe, sehr hohe Preise zu verlangen. Das sei in der Reisewelle so gewesen – und auch aktuell: Auf Wochensicht sei der Preis für Diesel noch mal um 2,4 Cent auf 1,444 Euro je Liter gestiegen, der für Super E10 um 0,8 Cent auf 1,581 Euro.  

          Insbesondere die niedrigen Füllstände in den deutschen Gasspeichern könnten mit der beginnenden Heizsaison nicht nur die Gaspreise weiter steigen lassen – sondern auch die für  Heizöl oder Diesel, meint Carsten Fritsch, Rohstoff-Analyst der Commerzbank. „Das kann in der Tat passieren, wenn anstelle von Erdgas auf Heizöl  fürs Heizen und auf Diesel bei der Stromerzeugung zurückgegriffen wird“, sagt Fritsch.

          Der Energiefachmann Manuel Frondel vom Forschungsinstitut RWI glaubt trotzdem nicht, dass es dann so komme wie in Großbritannien – das sei dort schon eine besondere Situation.
          Der entscheidende Engpass in Großbritannien sind die fehlenden Lastwagenfahrer. Jahrelang wurden Lkw-Fahrer nur schlecht bezahlt, man verließ sich auf billige Kräfte aus Osteuropa. Seit dem Brexit haben von diesen etwa 15.000 die Insel verlassen. Während der Corona-Zeit sind etwa 40.000 Fahrprüfungen ausgefallen, diese Nachwuchskräfte fehlen jetzt.

          Unter Lastwagenfahrern gab es eine Überalterung

          Außerdem haben sich nach dem Corona-Schock einige Zehntausend Ältere aus dem Beruf verabschiedet. Die Road Haulage Association, der Transportunternehmerverband, schätzt, dass die Lücke an Fahrern, die schon vor Brexit und Corona beträchtlich war, auf 90.000 bis 100.000 gewachsen ist. Einige Supermarktketten bieten nun Traumgehälter von umgerechnet mehr als 60.000 Euro, um neue Fahrer anzuwerben.  

          Die Regierung will Fahrprüfungen beschleunigen und vereinfachen. Außerdem sollen 5000 Visa für ausländische Lkw-Lenker vergeben werden, um die Not bis Weihnachten zu lindern. Die Industrie- und Handelskammer nannte diese Ankündigung aber „einen Fingerhut Wasser auf ein Feuer“.
          Doch nicht nur in England fehlen Lastwagenfahrer – auch in Deutschland gibt es Schwierigkeiten. 

          Insbesondere die Corona-Krise habe die Situation  verschärft, heißt es beim Logistik-Unter­nehmen Dachser. „Durch die Trennung von Schichten, höhere Ausfallquoten oder die erhöhten Vorsichtsmaßnahmen war mehr Personal und Equipment erforderlich als zuvor.“ Der Fachkräftemangel setze die Logistikbranche auch hierzulande zunehmend unter Druck, warnt Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Spedition und Logistik.

          In Deutschland füllten neue Fahrer die Lücke teilweise aus

          In Deutschland gingen jedes Jahr 35.000 Fahrer in Rente oder Vorruhestand – es rückten aber nur 15.000 nach, von denen viele die Berufskraftfahrerausbildung nicht beendeten. Der Fahrerberuf sei für viele junge Menschen einfach nicht mehr so attraktiv. Hinzu kämen „starre“ Ausbildungsbedingungen für Unternehmen und Beschäftigte.

          Mit Engpässen wie in Großbritannien aber sei hier in nächster Zeit  nicht zu rechnen, meint Huster. Die besonderen Engpässe dort seien schon mit dem EU-Austritt der Briten verbunden. Ähnlich hatte sich SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz am Montag geäußert.

          Die aus Großbritannien abgewanderten Arbeitskräfte stammten oft aus Osteuropa und dem Baltikum. Sie deckten auch in Deutschland und anderen EU-Staaten zunehmend den Personalbedarf im Logistiksektor, hob Huster hervor: „Der Arbeitsmarkt auf dem europäischen Kontinent hat diese Beschäftigten dankbar aufgenommen.“ Das könnte sich nun für die Wirksamkeit der neuen Visa-Regeln in Großbritannien als  Schwierigkeit herausstellen – weil die Lastwagenfahrer  auch hierzulande von den Unternehmen dringend gebraucht werden.  

          Weitere Themen

          Türkische Lira auf Rekordtief Video-Seite öffnen

          Menschen demonstrieren : Türkische Lira auf Rekordtief

          Dutzende Demonstranten wurden am Mittwochabend bei einem Protest gegen die Regierung in Istanbul festgenommen. Die türkische Lira war am Vortag um mehr als 15 Prozent auf ein Rekordtief eingebrochen. Seit Jahresanfang hat die Lira bereits mehr als 40 Prozent an Wert verloren.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.