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Test mit 89 Lastwagen : Die Briten üben Brexit

  • Aktualisiert am

Die Briten üben in Dover Brexit. Bild: AFP

89 Lastwagen fahren hin und her – um für den No-Deal-Brexit zu proben. Es drohen kilometerlange Staus. Auch Aston Martin bereitet sich vor. Und einige spekulieren, ob May die Brexit-Abstimmung nochmal verschiebt.

          Kurz vor der entscheidenden Parlamentsabstimmung über das Austrittsabkommen mit der EU bereitet sich die britische Regierung weiter auf das Risiko eines harten Brexit vor. Am Montag probten rund um den Hafen von Dover Dutzende Lastwagen den Fall einer Wiedereinführung von Grenzkontrollen, wie das Verkehrsministerium in London mitteilte. Laut BBC soll das Parlament am 15. Januar über den hochumstrittenen Brexit-Deal abstimmen. Der Autohersteller Aston Martin stellt seinen Notfallplan für einen ungeordneten Brexit scharf.

          Um zu prüfen, wie sich trotz der Einführung von Grenzkontrollen im Fall eines harten Brexit Staus vermeiden lassen, ließ das Verkehrsministerium 89 Lastwagen auf dem stillgelegten Flughafen von Manston knapp 32 Kilometer vom Hafen von Dover auffahren. Das Gelände könnte genutzt werden, um im Falle eines ungeordneten EU-Austritts Großbritanniens Staus nahe Dover zu verhindern, hieß es.

          Der Konvoi fuhr probeweise bis zum Hafen von Dover und kehrte danach für eine weitere Übung zurück zu dem stillgelegten Flughafengelände. Ziel der Testfahrt sei es sicherzustellen, dass es „einen wirksamen Plan für den Fall von Störungen nach dem EU-Austritt“ gebe, erklärte das Verkehrsministerium.

          Eine Ministeriumssprecherin sagte, dass die Regierung weiter „hart“ an einem geordneten Brexit arbeite. Es liege aber auch in ihrer Verantwortung, „sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten“, dazu gehöre ein harter EU-Austritt ohne Abkommen.

          10.000 Lastwagen

          Den Hafen von Dover passieren täglich rund 10.000 Lastwagen. Sie benötigen nach Angaben der Hafenbetreiber nur zwei Minuten, um bei ihrer Ankunft die nötigen Formalitäten zu erledigen. Allein zwei zusätzliche Minuten würden für Staus mit einer Länge von mehr als 27 Kilometern sorgen, hieß es auf der Website des Hafens.

          Wird’s am Hafen von Dover ab dem 29. März chaotisch?

          Auch der britische Autobauer Aston Martin bereitet sich auf einen ungeordneten Brexit vor. „Wir müssen uns auf den schlimmsten Fall vorbereiten“, sagte Aston-Martin-Chef Andy Palmer der Nachrichtenagentur Reuters. Dem Unternehmen sei nichts anderes übrig geblieben, als den im Oktober vorgestellten Plan im Dezember inkraft zu setzen.

          Bisher kommen Motoren oder Getriebe, die Aston Martin in Europa beschafft, über den Hafen Dover ins Land. Aston Martin vereinbarte mit dem Transportunternehmen DHL, dass die Lastwagen in diesem Fall andere Häfen ansteuern. Auch der teurere Weg über Luftfracht sei organisiert. Um seine Luxusautos ohne Unterbrechung in Europa verkaufen zu können, hat Aston Martin zudem im vergangenen Jahr ein Lager in Deutschland aufgebaut. „Je nachdem, was in den nächsten Wochen passiert, kann das noch aufgestockt werden oder nicht“, sagte Palmer.

          Abermalige Verschiebung der Abstimmung?

          Der Brexit wird am 29. März vollzogen. Gegen das mit Brüssel ausgehandelte Austrittsabkommen gibt es im britischen Parlament breiten Widerstand. Weil ihr eine sichere Niederlage bevorstand, hatte Premierministerin Theresa May die ursprünglich für den 11. Dezember geplante Abstimmung über das Brexit-Abkommen nur einen Tag vorher verschoben. Am Mittwoch nimmt das Unterhaus seine Beratungen darüber wieder auf.

          Nach Informationen des britischen Senders BBC findet die Abstimmung am Dienstag kommender Woche statt. Eine offizielle Bestätigung seitens der Regierung lag zunächst nicht vor. In den vergangenen Tagen war in britischen Medien über eine abermalige Verschiebung der Abstimmung spekuliert worden. 209 Abgeordnete aus verschiedenen politischen Lagern forderten May am Montag in einem gemeinsamen Schreiben auf, ein „No deal“-Szenario auszuschließen.

          Verbrauchervertrauen fällt

          May erklärte, ihre Regierung arbeite „an weiteren Zusicherungen, an weiteren Verpflichtungen der Europäischen Union“. Aus Regierungskreisen hieß es, die Ergebnisse lägen voraussichtlich nicht zu Beginn der weiteren Beratungen im Unterhaus, wohl aber rechtzeitig zur Abstimmung vor.

          Die EU-Kommission bekräftigte ihre Weigerung, den Brexit-Deal mit London nachzuverhandeln. „Es gibt keine Verhandlungen, weil wir alles, was wir auf dem Tisch haben, als gegeben, feststehend und abgesegnet betrachten“, erklärte Kommissionssprecher Margaritis Schinas in Brüssel.

          Die Unsicherheit rund um den Brexit macht der britischen Wirtschaft zu schaffen. Der britische Verband der Autohersteller machte am Montag den bevorstehenden EU-Austritt mitverantwortlich für einen Einbruch des Autoabsatzes im vergangenen Jahr. Laut einer Analyse des Marktforschungsinstituts GfK fiel das Verbrauchervertrauen in Großbritannien im Dezember auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren.

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