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Chaos und leere Regale? : Brexit-Vorbereitungen laufen auf Hochtouren

Britanniens größter Containerschiffhafen Felixstowe ist seit Wochen überlastet. Bild: Reuters

Britische Supermärkte packen ihre Lager voll. Am Ärmelkanal steigen die Wartezeiten für Lastwagen drastisch an. Die Unternehmen versuchen sich so gut wie möglich auf den EU-Austritt vorzubereiten – doch die Nervosität steigt.

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          Noch immer ist kein Durchbruch für einen Freihandelsvertrag zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich gelungen. In der Wirtschaft wächst die Nervosität, und die Vorbereitungen auf den Tag X zum Jahreswechsel laufen auf Hochtouren.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Am Ärmelkanal steigen die Wartezeiten für Lastwagen schon jetzt drastisch an. Bis zu 16 Kilometer Rückstau habe sich in den vergangenen Tagen bei Calais vor dem Eurotunnel gebildet, berichtet der Vorstandschef von DB Schenker Europe, Helmut Schweighofer, im Gespräch mit der F.A.Z. Der Ärmelkanal ist das Nadelöhr für den Verkehr. „Früher war eine Stunde üblich, jetzt sind es vier bis fünf Stunden Abwicklungs- und Wartezeiten.“ Sein Logistikkonzern beobachtet derzeit – drei Wochen vor dem endgültigen Brexit am 31. Dezember – eine verstärkte Nachfrage nach Transporten.

          Vergangenes Jahr hatte DB Schenker im November 3600 Laster-Fahrten zwischen dem Kontinent und Großbritannien, jetzt waren es 4250. Das ist ein Anstieg um fast 20 Prozent mehr. „Die Unternehmen bereiten sich vor, dass bald neue Handelsbarrieren kommen, und füllen ihre Lager“, sagt Schweighofer. „Ab dem 1. Januar haben wir neue Handelsbeziehungen und für jeden Export und Import werden Zolldeklarationen nötig – egal ob die Politik sich noch auf einen Freihandelsvertrag einigen kann oder nicht. Alle müssen sich darauf vorbereiten“, sagt er. „Jede Logistikkette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Unternehmen vorbereiten und dass es am 1. Januar nicht zum Kollaps kommt.“

          Lange Wartezeiten und Staus

          Die Grenzkontrollen, die nach dem Jahreswechsel in jedem Fall eingeführt werden, dürften aber zu langen Wartezeiten und Staus führen. Auf britischer Seite hatten sich vor Dover bis zu acht Kilometer lange Rückstaus gebildet, als die französische Grenzpolizei in Calais kürzlich einen Testlauf der Kontrollen durchführte. Das Verkehrsministerium in London hat in einer Sonderverordnung die EU-Vorschrift über die Fahrzeitenlimits für Laster-Fahrer bis Jahresende gelockert, damit sie Nahrungsmittel und andere wichtige Güter transportieren können.

          Tesco, die größte Supermarktkette des Königreichs, baut derweil größere Lager auf, um Chaos und leere Regale nach dem Jahreswechsel zu vermeiden. „Wir versuchen sicherzustellen, dass wir so viel wie möglich gehortet haben, vor allem von länger haltbaren Produkten, entweder in unseren Warenlagern oder bei unseren Lieferanten“, sagte Tesco-Vorstandschef John Allan der BBC. Einige frische Lebensmittel könnten knapp werden, aber die Engpässe würden nur vorübergehend sein. Allan warnte eindringlich vor einem No-Deal-Brexit. Ohne Freihandelsvertrag werden Zölle erhoben. Dies würde die Lebensmittelrechnung der durchschnittlichen Briten um 5 Prozent verteuern, schätzt Allan. Bei einigen Produkten, etwa dem Brie-Käse aus Frankreich, wäre ein Preissprung um 40 Prozent zu erwarten.

          Britanniens größter Containerschiffhafen Felixstowe ist seit Wochen überlastet. Wegen verzögerter Lieferungen von Komponenten sah sich der Autohersteller Honda diese Woche gezwungen, die Produktion in seinem Werk in Swindon vorübergehend zu stoppen. Aufgrund der angespannten Lage der Logistiker in der Weihnachtszeit warnen unterdessen Einzelhändler, dass einige Spielzeuge für Kinder – etwa Barbie-Puppen oder Paw Patrol-Spielsachen – nicht mehr rechtzeitig zum Fest geliefert werden könnten. Gary Grant, Chef von The Entertainer, dem größten unabhängigen Spielzeugeinzelhändler auf der Insel, sprach von bis zu drei Wochen Lieferverzögerungen aus China.

          Unterdessen feierte die britische Handelsminister Liz Truss am Donnerstag den Abschluss eines Freihandelsabkommens mit Singapur. Dieses schreibt im Wesentlichen die Konditionen des bestehenden EU-Handelsvertrags mit dem asiatischen Land fort. Zuvor hatte das Königreich schon mit Japan und Kanada Freihandelsabkommen geschlossen. Ein Vertrag mit Vietnam soll bald folgen. Ein Abkommen mit der EU wäre jedoch von größter Bedeutung, denn fast 50 Prozent der britischen Exporte gehen in EU-Länder. Im vergangenen Jahr erreichte die britische Warenausfuhr ein Volumen von 195 Milliarden Euro. Umgekehrt lieferten EU-Unternehmen für mehr als 300 Milliarden Euro Waren ins Vereinigte Königreich.

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