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Europas Finanzzentrum : Wie Londons Banken den Schmalspur-Brexit planen

Was, wenn der „worst case“ eintritt? In der City of London stellen sich die Banker auf alles ein. Bild: Reuters

Die Manager in Europas größtem Finanzzentrum fürchten zwar den EU-Austritt Großbritanniens, doch die Folgen für die Banken in London bleiben vorerst überschaubar. Fällt der „Brexodus“ gar gänzlich aus?

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          Anderthalb Jahre nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien zeichnet sich ab, dass der EU-Austritt für Europas größtes Finanzzentrum auf absehbare Zeit nur zu moderaten Einbußen führen wird: Der „Brexodus“ – die befürchtete Massenabwanderung von Finanzarbeitsplätzen aus London – fällt zumindest vorerst aus. Viele Institute haben stattdessen vor, zunächst nur einen kleinen Teil ihrer britischen Arbeitsplätze in andere europäische Städte wie Dublin, Frankfurt oder Paris umzusiedeln.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hinzu kommt: Die Chancen auf eine Brexit-Übergangsfrist sind seit einer ersten Einigung zwischen London und Brüssel in der vergangenen Woche deutlich gestiegen. Durch die Schonfrist würden sich die Verlagerungen wohl ohnehin um mehrere Jahre nach hinten verschieben. Großbritannien will zwar weiter im März 2019 aus der EU ausscheiden, was den bisherigen freien Marktzugang zum Kontinent für Londoner Finanzdienstleister langfristig gefährdet. Doch weil die künftigen Rahmenbedingungen vollkommen unklar sind, bereiten die Banken erst einmal eine Art Schmalspur-Brexit vor.

          Auswirkungen nicht so schlimm wie befürchtet

          „Der Konsens ist, dass bis zum Tag eins nach dem Austritt nur das absolut notwendige Minimum an Veränderungen vorgenommen wird“, sagte der Finanzlobbyist Jeremy Browne von der City of London Corporation, der Verwaltung des Londoner Finanzviertels, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist der EU-Sondergesandte der City und damit quasi der Außenminister der Londoner Geldbranche. Auch die Analysten der japanischen Großbank Nomura bilanzierten kürzlich in einer Studie, die Auswirkungen des EU-Austritts auf den Finanzplatz London seien „möglicherweise nicht so schlimm wie bisher angenommen“. Das Beratungshaus EY rechnet mittlerweile ebenfalls mit geringeren Einbußen als noch 2016. Es gibt freilich Grenzen: Die Europäische Zentralbank stellte kürzlich in einer ziemlich deutlich formulierten Stellungnahme klar, sie erwarte, dass internationale Banken nach dem Brexit „substantielle“ Standorte in der Europäischen Union für ihr dortiges Geschäft aufbauten.

          Wie viele Londoner Finanzarbeitsplätze sind also wirklich bedroht? Einer, der es wissen muss, ist der britische Notenbanker Sam Woods. Er leitet die Bankenaufsicht der Bank von England – und die hat sich in den vergangenen Monaten die internen Planungen der Finanzinstitute für den EU-Austritt vorlegen lassen, einschließlich möglicher Arbeitsplatzverlagerungen. Die Aufseher wollten prüfen, ob die Banken ausreichend Vorsorge treffen für die Unwägbarkeiten des Brexit-Abenteuers.

          Brexit-Veto : Das Parlament übertrumpft May

          Rund 10.000 Banken- und Versicherungsarbeitsplätze würden wohl in den knapp anderthalb Jahren bis zum Brexit-Termin verlagert, sagte Woods kürzlich in einer Parlamentsanhörung in London. Das seien weniger als ein Prozent aller britischen Finanzarbeitsplätze, rechnete der Bankenaufseher vor. Für kleinere europäische Finanzzentren wären zwar auch wenige tausend Arbeitsplätze aus London ein wichtiger Gewinn – und Frankfurt liegt gut im Rennen: Rund ein Dutzend Banken bereitet eine Expansion am Main vor, darunter große amerikanische Institute wie Citi, Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Stanley. In London allerdings arbeiten insgesamt mehr als 700.000 Menschen im Geldgewerbe: 10.000 Arbeitsplätze weniger wären eine schlechte Nachricht – aber sicher kein Weltuntergang.

          Die Banken spielen auf Zeit: „Niemand wird jetzt radikale Entscheidungen über Verlagerungen treffen“, sagt der Bankenexperte eines großen Beratungshauses. Schließlich weiß bisher niemand, wohin die Reise geht und ob der Brexit wirklich die befürchteten Barrieren für internationale Finanzgeschäfte schafft.

          Was, wenn der „worst case“ nicht eintritt?

          „Das Ärgerliche aus Sicht der Banken ist ja, dass sie sich zwar auf einen ,worst case‘ vorbereiten müssen, aber der Aufwand dafür zu hundert Prozent umsonst ist, wenn dieser letztlich doch nicht eintritt“, sagt die Anwältin Rachel Kent, die in London für die Großkanzlei Hogan Lovells Banken in Sachen Brexit berät. Allein der britische Finanzriese HSBC schätzt, dass es bis zu 300 Millionen Dollar kosten würde, rund 1000 Jobs nach Paris zu verschieben.

          Auch wenn es eine Völkerwanderung der Londoner Banker vorerst wohl nicht gibt – Druck machen die Finanzmanager weiterhin: Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein sorgte sich kürzlich in einer Twitter-Botschaft, ob man den vielen Büroraum in der riesigen neuen Europazentrale, welche die Investmentbank gerade in London baut, überhaupt noch benötige. Doch natürlich haben die Bankchefs auch eine politische Agenda: Sie wollen mit ihren kaum verhüllten Verlagerungsdrohungen erreichen, dass die britische Premierministerin Theresa May ihren ursprünglichen radikalen Brexit-Kurs korrigiert und mehr Rücksicht nimmt auf die Interessen der Finanzwirtschaft. Wie es aussieht mit Erfolg: May ist inzwischen deutlich kompromissbereiter als noch vor wenigen Monaten.

          Bild: F.A.Z.

          Das eigentliche Endspiel um den Brexit hat für die Banken aber noch gar nicht begonnen. Auch wenn die Arbeitsplatzverluste in London zunächst überschaubar sind – auf lange Sicht könnte eine zweite, sehr viel größere Welle folgen. „Eine weitere Erosion von Geschäft ist durchaus möglich“, befürchtet Jeremy Browne von der City of London Corporation. Entscheidend wird sein, wie Großbritannien und die EU ihre Handelsbeziehungen nach dem Brexit neu regeln.

          Die Gespräche dazu sollen erst im neuen Jahr beginnen. Abgeschlossen werden sie wohl erst Jahre nachdem Großbritannien in gut 15 Monaten die EU verlässt. Steht am Ende des Verhandlungsmarathons doch der von der Wirtschaft gefürchtete „harte“ Brexit, der zu beträchtlichen Handelshemmnissen führt, könnten langfristig insgesamt mehr als 70.000 britische Finanzarbeitsplätze bedroht sein, erwarten Fachleute wie der Notenbanker Woods – also siebenmal so viele wie bisher absehbar.

          Doch viele im Londoner Finanzviertel schöpfen neue Hoffnung: Brüssel und London haben vergangene Woche erste wichtige Austrittsfragen geklärt und damit den Weg frei gemacht für die wichtigen Wirtschaftsthemen. „Das sind sehr gute Nachrichten“, sagt die Anwältin Kent von Hogan Lovells. Einigen sich beide Seiten nun rasch auf die angepeilte Übergangsfrist von rund zwei Jahren, würde Großbritannien im März 2019 die EU nur formell verlassen – für die Finanzdienstleister aber würde sich im Idealfall zunächst nichts ändern. Der Brexit würde faktisch verschoben. „Aber die Banken können jetzt nicht nur darauf hoffen, dass sie mehr Zeit bekommen für Verlagerungen“, sagt Kent. „Es gibt auch bessere Chancen auf einen langfristigen Deal, der es ermöglichen würde, diese kostspieligen Veränderungen ganz zu vermeiden.“

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