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Brennstoffe : Die eigenartige Renaissance der Braunkohle

  • -Aktualisiert am

Schaufelradbagger im Tagebau Bild: dapd

Eigentlich gilt Erdgas als konventionelle Kraftwerkstechnik der Zukunft. Doch Braunkohle ist wieder stark gefragt. Das liegt auch an politisch bedingten Preisverzerrungen, wie auf dem Braunkohlentag in Köln deutlich wurde.

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          In der Kölner Innenstadt sind beim Braunkohlentag 2013 in Dom-Nähe zwei Welten aufeinandergeprallt. „Stoppt den Braunkohle-Irrsinn“ skandierten einige hundert Demonstranten. Übertönt wurden sie von den Trillerpfeifen der etwa 700 Mitglieder der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie, die vor der Kölner Industrie- und Handelskammer für die Zukunft heimischer Braunkohle demonstrierten. Nach dem Ausstiegbeschluss aus der Kernenergie haben die Umweltverbände den Kohlestrom, vor allem die Braunkohle, ins Visier genommen.

          Eigentlich gilt Erdgas wegen relativ geringer Klimagasemissionen als die konventionelle Kraftwerkstechnik, die in den nächsten Jahrzehnten den Ausbau der regenerativen Energie in Deutschland und Europa als Sicherheitsnetz oder sogenannte Back-up-Kapazität begleiten soll. Aber die wirtschaftliche Realität sieht anders aus: So sind in Deutschland 2012 nicht nur 41 Milliarden Kilowattstunden weniger Atomstrom wegen der acht 2011 stillgelegten Kernkraftwerke, sondern aus Wirtschaftlichkeitsgründen auch 17 Milliarden Kilowattstunden weniger Strom aus Gaskraftwerken in den Markt geflossen. Dafür wurden zusätzliche 33 Milliarden Kilowattstunden regenerative Energie und 13 Milliarden Kilowattstunden Braunkohlenstrom eingespeist.

          Diese Strommarktstatistik spiegelt den Einfluss steigender Brennstoffkosten und sinkender Stromgroßhandelspreise. Erdgas hat sich in den drei Jahren bis 2012 um fast 100 Euro je Tonne Steinkohleneinheit (SKE) auf 263 Euro verteuert, während der Preis für Importkesselkohle mit 93 Euro je Tonne SKE in etwa stabil geblieben ist. „Damit die Brennstoffkosten von Kohle- und Gasstrom gleiche Höhe erreichen, müsste sich der Erdgaspreis mehr als halbieren“, rechnete jetzt Johannes Lambertz, der Vorstandsvorsitzende des Braunkohlenverbandes Debriv, vor.

          Duin: Deutschland kann nicht gleichzeitig aus Atom- und Kohlestrom ausscheiden

          Oder anders: Um die unterschiedlichen Brennstoffkosten auszugleichen, müssten sich die Emissionszertifikate, die gegenwärtig am Markt für weniger als 4 Euro je Tonne Kohlendioxid gehandelt werden, auf rund 55 Euro verteuern. Unter Berücksichtigung aller stromwirtschaftlichen Einflussfaktoren wäre nach Angaben von Lambertz ein Band von 30 Euro bis 60 Euro je Tonne Kohledioxid eine plausible Größenordnung für den Preis des Emissionszertifikates, bei dem ein Brennstoffwechsel von Kohle auf Gas vorgenommen wird. „Würde man entsprechend intervenieren, hätte das enorme Auswirkungen auf die Strompreise, die sich auf 80 Euro bis 90 Euro je Megawattstunde verdoppeln müssten“, sagte der frühere Vorstandsvorsitzende der RWE-Kraftwerksgesellschaft.

          Dass damit sehr große negative volkswirtschaftliche Belastungen verbunden wären, sehen zumindest SPD-Vertreter der rot-grünen Landesregierung in Düsseldorf ebenso. „Windkraft braucht Kohle. Ohne neue Kohlekraftwerke wird die Energiewende nicht funktionieren“, erklärte Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) auf dem Braunkohlentag.

          Deutschland könne nicht gleichzeitig aus Atom- und Kohlestrom ausscheiden, meint Duin. Nur mit international wettbewerbsfähigen Strompreisen könne die Industrie die Wirtschaftskraft behaupten, mit der Deutschland die Krisen in den zurückliegenden Jahren wesentlich besser überstand als die meisten anderen EU-Mitglieder.

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