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Braunkohle : Bergbausanierung mit Makeln

Baggern für Kohle: Einer der Bagger, die in Mitteldeutschland über Jahrzehnte Braunkohle aus der Erde schaufelten Bild: Matthias Lüdecke

Der verheerende Erdrutsch in Sachsen-Anhalt wirft Schatten auf die erfolgreiche Rekultivierung ostdeutscher Bergbaugebiete. Nach der Wende musste eine Fläche von der Größe des Saarlandes saniert werden. Dabei wurde auch der See angelegt, in den das Erdreich mit Teilen der Siedlung stürzte.

          Die etablierte deutsche Energieerzeugung geht durch harte Zeiten. Erst gab es Schwierigkeiten im Kernkraftwerk Krümmel und im Atommülllager Asse, jetzt gerät der wichtigste heimische Energieträger in die Kritik, die Braunkohle. Nicht, wie sonst üblich, der hohe Kohlendioxidausstoß ist Stein des Anstoßes, sondern die Sicherheit ehemaliger Tagebaue. Der verheerende Erdrutsch im sachsen-anhaltischen Nachterstedt, bei dem vermutlich drei Personen starben, ereignete sich in einem ehemaligen Fördergebiet. Zwar entstand die abgerutschte Halde schon vor mehr als 100 Jahren, weshalb das Unglück auf den ersten Blick weder der DDR noch den Rekultivierungsanstrengungen nach der Wende angelastet werden kann. Aber der unterhalb gelegene Concordia-See, dem das Erdreich mit Teilen der Hangsiedlung entgegen stürzte, wurde erst nach der Wiedervereinigung angelegt.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          1991 gab man den dortigen Tagebau auf, 1997 wurde an seiner Stelle der See geflutet. Die Behörden ermitteln jetzt, ob es einen Zusammenhang zwischen der Renaturierung und dem Desaster von Nachterstedt gibt. „Wir sind tief betroffen und stehlen uns nicht aus der Verantwortung“, sagt der Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), Uwe Steinhuber. „Wie weit diese Verantwortung aber geht, müssen wir erst einmal abwarten.“ Unabhängig vom Ausgang der Untersuchung sei eines klar: „Die Bergbbausanierung als eine der größten Erfolgsgeschichten nach der Wiedervereinigung hat einen dunklen Fleck bekommen.“

          Vom dreckigsten Gewässer Deutschlands zum Badesee

          Tatsächlich sind die Leistungen der bundeseigenen LMBV, die seit 1994 für die Sanierung des ehemaligen DDR-Bergbaus zuständig ist, schon von den Zahlen her beeindruckend. Von den 39 Tagebauen wurden 7 privatisiert, der Rest stillgelegt und anderweitig genutzt. Dazu mussten fast 1,7 Milliarden Kubikmeter Masse bewegt werden. 6,6 Millionen Tonnen an Geräten und Anlagen wurden verschrottet, Bauten mit einem Volumen von fast 12 Millionen Kubikmetern abgerissen. Die letzte eigene Kohleförderung gab die LMBV 1999 auf und konzentriert sich seitdem auf den Verkauf, die Nutzung und Renaturierung der Flächen. Ursprünglich war sie für 107.000 Hektar zuständig. Das entspricht der Fläche des Saarlandes. Zwei Drittel des Geländes hat man verkauft. Auf 23.000 Hektar entstanden Äcker, Weiden und Wälder mit mehr als 100 Millionen neu gepflanzten Bäumen.

          Erdrutsch in Nachterstedt

          Mit 26.000 Hektar noch größer sind die künstlichen Gewässer, die in der Lausitz und in Mitteldeutschland entstehen. Darunter sind 51 größere Seen, die als Sport- und Ausflugsziele hergerichtet werden; etwa das „Neuseenland“ südlich von Leipzig oder die Goitzsche (sprich: Gotsche) bei Bitterfeld - einst das dreckigste Gewässer Deutschlands, heute ein Badesee. Ähnlich eindrucksvoll ist die „Ferropolis“, eine Halbinsel im Gremminer See, wo früher der Tagebau Golpa Nord lag. Fünf ausgediente Förderbagger von 30 Metern Höhe und 130 Metern Länge dienen dort als Kulisse für Großkonzerte aller Art. „Wir können uns mit einiger Berechtigung als Seenmacher bezeichnen“, sagt Steinhuber. „Ohne Berücksichtigung des Bodensees vergrößern wir die Wasserfläche in Deutschland um ein Fünftel.“

          Ein endliches Projekt

          Allerdings gibt es auch Kritik an den Eingriffen, und die bezieht sich nicht nur auf die Sicherheit oder auf die Veränderung des Grundwasserspiegels. Eine Kampagne gegen neue Tagebaue in der Lausitz behauptet, die Böden blieben übersäuert, die neuen Wälder und Seen seien nur Kulisse und langfristig nicht überlebensfähig. So gebe es bisher keine Fische in den Gewässern. Dem widerspricht das Unternehmen vehement und verweist auf die Wassertiere in der Goitzsche oder im Schönfelder See.

          Die LMBV mit Sitz im brandenburgischen Senftenberg versteht sich, wie Steinhuber versichert, als „endliches Projekt“. Sobald die Arbeit erledigt sei, werde sich die Gesellschaft auflösen. Die Finanzierung ist vorerst nur bis 2012 gesichert, wird aber vermutlich verlängern. 230 Millionen Euro kostet die Arbeit der Gesellschaft den Steuerzahler im Jahr, bisher hat sie gut 8,7 Milliarden Euro investiert. In der Gründungszeit 1995/95 beschäftigte die LMBV 12 000 Mitarbeiter. 1999 zählte man noch 3600 Beschäftigte, heute sind es rund 500.

          Ebenso außergewöhnlich wie die Gesellschaft ist ihr Chef, der Vorsitzende der Geschäftsführung: Mahmut Kuyumcu dürfte der einzige Türke an der Spitze eines großen ostdeutschen Unternehmens sein. Freilich kennt er den hiesigen Bergbau schon lange aus dem Effeff. In den siebziger Jahren studierte und promovierte er an der TU Clausthal. Nach 1991 kümmerte er sich als Abteilungsleiter bei der Treuhandanstalt um die Privatisierung der Kali- und Erzbergbauunternehmen. 2001 kam er zu LMBV. Das Unglück von Nachterstedt dürfte nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für seinen Leiter die bisher größte Herausforderung sein - nicht technisch, vielleicht auch nicht juristisch, wohl aber menschlich.

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