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Umstrittenes Pflichtfach : Brauchen wir mehr Wirtschaft in der Schule?

  • -Aktualisiert am

Mehr Wirtschaft in der Schule? Bild: Peter von Tresckow

Nordrhein-Westfalen hat im neuen Schuljahr Wirtschaft als Pflichtfach eingeführt. Das ist eine Chance – solange man bestimmte Voraussetzungen schafft. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Seit ein paar Tagen gehen die Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen wieder in den Unterricht. Der Schulstart bringt in diesem Jahr – aufgrund von Maskenpflicht und Distanzregeln beinahe unbemerkt – eine bedeutende Änderung des Curriculums mit sich: Mit dem Schuljahr 2020/21 ist Wirtschaft zum Pflichtfach an allen weiterführenden allgemeinbildenden Schulen in NRW geworden. Damit folgt NRW anderen Bundesländern, wie etwa Baden-Württemberg, das diesen Schritt 2017 gegangen ist.

          Ein gutes Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge ist eine wesentliche Voraussetzung für eine aktive Teilhabe in der modernen Gesellschaft. Für „das Leben“ vorbereitet zu sein bedeutet auch, in der Lage zu sein, langfristige finanzielle Entscheidungen zum Beispiel für die Altersvorsorge zu treffen, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten, im späteren Beruf betriebswirtschaftliche Entscheidungen zu treffen, als mündiger Bürger die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der Regierung zu verstehen und diese als Wähler zu beeinflussen. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge haben es in sich, etwa wenn es um die komplexen Gleichgewichtsphänomene geht. Ein gewisses Verständnis von Makroökonomie und Mikroökonomie ist auch nötig, um zu verstehen, dass in einer Krise wie der jetzigen eine stärkere Verschuldung des Staates sinnvoll, für private Haushalte aber problematisch sein kann.

          Finanzbildung wird nicht einmal gemessen

          Der Verein für Socialpolitik (VfS), die Vereinigung der Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler im deutschsprachigen Raum, hatte sich in einer Arbeitsgruppe zu „Ökonomie und Bildung“ damit beschäftigt, wie der Brückenschlag zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der Schule besser gelingen kann. Als ein Ergebnis wurde der VfS-Abiturpreis ins Leben gerufen. Damit zeichnet der Verein Schülerinnen und Schüler aus, die auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften eine hervorragende Leistung erzielt haben. Seit 2018 wurde der Preis mehr als 500 Mal vergeben. Und doch hat sich der VfS nicht positioniert, ob er Wirtschaft als Schulfach empfehlen sollte. Wäre es im digitalen Zeitalter nicht besser, Informatik oder Technikwissenschaften auszubauen? Oder mehr Zeit für die Basisfächer Mathematik, Naturwissenschaften oder Sprachen zu verwenden? Um Antworten auf solche Fragen zu finden, bedarf es aussagekräftiger Daten über die Erfolge der Schulausbildung. Daran hapert es nach wie vor. Der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums hatte die Bundesländer schon vor einigen Jahren angemahnt, „sich einer regelmäßigen Überprüfung der Leistungsfähigkeit ihres Schulwesens zu öffnen“. Deutschland beteiligt sich beispielsweise nicht am Pisa-Test zur Finanzbildung (financial literacy). Dabei böte doch gerade die föderale Vielfalt die Möglichkeit, voneinander zu lernen. Die Einführung des Fachs Wirtschaft zum neuen Schuljahr in NRW war nicht unumstritten. Vielleicht birgt dies jedoch eine Chance – zumindest sollte es im Interesse der Beteiligten sein, dass diese Neuerung auch angemessen evaluiert wird.

          In der Arbeitsgruppe des VfS wurden auch Lehrmaterialien besprochen, von Schulbüchern über Online-Simulationen von Märkten bis hin zu Unterrichtsmaterialien von Stiftungen, Verbänden und Vereinen. Dabei gab es Licht und Schatten, was allerdings nicht ungewöhnlich ist. Ähnliches würden sicherlich auch Mathematiker oder Physiker über Schulbücher in ihren Fächern berichten. Ein markanter Unterschied zwischen der Schullehre in den Naturwissenschaften und der im Fach Wirtschaft ist jedoch die Fokussierung auf den Diskurs. Ganz besonders stach dies bei Materialien zur Globalisierung ins Auge. Eine knappe Einführung in die Thematik, und schon wird kritisch diskutiert, wer möglicherweise unter der Globalisierung leidet, inwiefern diese zu mehr Kinderarbeit führt oder die Umwelt Schaden nimmt.

          Nun sind diese Probleme wichtig. Aber die Prioritätensetzung im Schulunterricht ist doch zu hinterfragen. Denn in der Außenwirtschaftslehre, dem Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften, das sich mit diesen Themen beschäftigt, gibt es über den komparativen Vorteil hinaus viele Konzepte zu verstehen, bevor man an Bewertungen gehen kann. Das gilt grundsätzlicher: Die Wirtschaftswissenschaften besitzen einen Grundkanon an Methoden und Theorien. Erst wenn man diese kennt, kann eine wohlinformierte kritische Reflexion beginnen. Ansonsten kommt es zu dem Phänomen, das nicht nur im Internet zu beobachten ist: Diskursfreudigkeit gepaart mit Wissensarmut.

          Die Qualität eines Schulfachs Wirtschaft steht und fällt schließlich mit den Kompetenzen und pädagogischen Fähigkeiten der Lehrkräfte. Die jeweiligen Bundesländer haben ihre Studienpläne angepasst, um Lehrkräfte dafür auszubilden. Bis diese in die Schulen kommen, wird noch Zeit vergehen. Zusätzlich werden Weiterbildungen für die jetzigen Lehrkräfte angeboten, damit sie in der Zwischenzeit das neue Fach unterrichten können. In diesem Zusammenhang hilft es, den Fakultäten der BWL und VWL in Erinnerung zu rufen, dass sie für die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte mitverantwortlich sind. Diese Verantwortung trägt umso schwerer, je mehr Bundesländer sich für das Schulfach Wirtschaft entscheiden. Es gilt, die Begeisterung, die die Kolleginnen und Kollegen für ihre Fächer empfinden, auch den Lehramtskandidaten und Lehrkräften zu vermitteln. Nur so kann Wirtschaft als Schulfach zum Erfolg werden – für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für die gesamte Volkswirtschaft.

          Der Autor

          Prof. Achim Wambach, Ph.D., ist Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Von 2017 bis 2018 war er Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik.

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