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Brasiliens Präsident Bolsonaro : „Der Amazonas gehört uns, nicht euch“

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro Bild: Reuters

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro will den Amazonas-Regenwald wirtschaftlich nutzen. Widerspruch aus Europa verbittet er sich – und nennt Zahlen zur Abholzung „Lügen“.

          Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro hat seine Pläne verteidigt, den Amazonas-Regenwald wirtschaftlich zu erschließen. In seiner ersten Pressekonferenz mit ausländischen Korrespondenten seit seines Amtsantritts im Januar 2019 attackierte er am Freitag europäische Regierungschefs, die in seinen Augen unter einer „ökologischen Psychose“ litten: „Der Amazonas gehört uns, nicht euch“, sagte Bolsonaro, der sich aufgrund seines Politikstils den Spitznamen „Tropen-Trump“ eingefangen hat.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Berichte des brasilianischen Instituts für Weltraumforschung (INPE), wonach die Abholzung im Amazonaswald zwischen Juni 2018 und Juni 2019 um 88 Prozent zugenommen hat, nannte er „verlogen“ und kündigte an, den Institutsleiter für eine Erklärung herbeizuzitieren. INPE-Präsident Ricardo Galvão erklärte wenig später, die Daten des Instituts würden seit Jahrzehnten erhoben und weltweit respektiert. 

          Bolsonaro lud andere Länder dazu ein, mit Brasilien zusammenzuarbeiten und die Ressourcen des Amazonasgebites zu nutzen. Zum wiederholten Male forderte der Bolsonaro die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron dazu auf, seiner Einladung zu folgen und den Amazonas-Regenwald zu besuchen. Sie sollten sich vor Ort vergewissern, wie viel Wald noch immer unberührt sei. Aber niemand habe das moralische Recht Brasilien zu belehren. „Ihr habt doch eure Ökosysteme längst zerstört“, meinte Bolsonaro. „Und wir sind nicht auf dem gleichen Weg wir ihr“. 

          Die Justiz ermittelt

          Europäische Regierungschefs haben sich immer wieder besorgt über Bolsonaros Umweltpolitik gezeigt. Irland und Frankreich drohen sogar damit, das jüngst auf den Weg gebrachte Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten (darunter Brasilien) zu kippen, sollte sich das Vorgehen des Präsidenten im Amazonas-Regenwald nicht signifikant ändern.  

          Davon zeigte sich Bolsonaro bislang unbeeindruckt. So will seine Regierung Geld aus dem von Norwegen und Deutschland finanzierten Amazonas-Fonds zweckentfremden, das Waldgesetz aufweichen und Strafen für Umweltsünder lockern. Sogar die brasilianische Justiz untersucht inzwischen den umweltpolitischen Kurs des Präsidenten und beantragte kürzlich eine Untersuchung gegen das Umweltministerium. Der Behörde wird zur Last gelegt, die Einhaltung von Gesetzen nicht zu kontrollieren und nichts gegen illegale Abholzung zu unternehmen.

          Bolsonaro verfügte schon vor einigen Monaten, das Amt der Bemessung der Indianerländer von der Indianerbehörde FUNAI auf das Landwirtschaftsministerium zu übertragen – ein erster Schritt hin zu mehr Einfluss der Agrarwirtschaft und der Industrie auf das hochsensible Ökosystem am Amazonas. Der Präsident wittert das große Geschäft: Der Handelskrieg zwischen China und Amerika könnte den Handelspartner Brasilien in den Fokus der Chinesen rücken. Besonders der Bedarf an Sojabohnen, die als Futtermittel für Masttiere verwendet werden, ist angesichts der wachsenden chinesischen Bevölkerung groß. Brasilien ist der größte Sojalieferant der Welt und profitiert von den im Handelskrieg verhängten chinesischen Importzöllen auf amerikanisches Soja.

          „Grüne Lunge“ des Planeten

          Zwar ist der brasilianische Regenwald durch ein Moratorium vor der Abholzung insbesondere für den Anbau für Soja geschützt. Doch umgehen Landwirte dieses, indem sie die Weideflächen ihrer Rinder zu Sojaplantagen umfunktionieren und stattdessen ihre Viehherden weiter in den Regenwald treiben. 

          Im vergangenen Jahr schaffte es Brasilien laut Zahlen des Projekts Global Forest Watch (GFW) auf einen traurigen Spitzenplatz: 1,35 Millionen Hektar an ursprünglichem Regenwald seien dort unter anderem Weideflächen zum Opfer gefallen. Urwälder der ältesten Generation, die aus jahrhunderte-, teils sogar jahrtausendealten Bäumen bestehen, halten besonders viel Kohlenstoff gespeichert und können – einmal abgeholzt – nicht wieder in ihren Originalzustand zurückversetzt werden.

          Die Entwaldung im Amazonas-Regenwald ist angesichts des fortschreitenden Klimawandels von besonders großer Relevanz. Denn der Amazonaswald ist einer der wichtigsten CO2-Speicher der Welt, er wird auch die „grüne Lunge“ des Planeten genannt. Schon heute setzen Rodungen im Amazonaswald jedes Jahr mehr als 500 Millionen Tonnen CO2 frei. Hinzu kommen ungefähr 160 Millionen Tonnen durch die Entwaldung der Savannen.

          Züricher Forscher betonten jüngst die Relevanz intakter Wälder für den Klimaschutz: „Der Klimawandel kann durch nichts so effektiv bekämpft werden wie durch Aufforstung“, heißt es in ihrem Bericht. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel will dem Waldschutz in Zukunft einen größeren Stellenwert in der Bekämpfung des Klimawandels einräumen und nannte die Wiederaufforstung diese Woche eine große Aufgabe. 

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