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Brasilien : Mit IWF-Darlehen gegen den Staatsbankrott

  • -Aktualisiert am

Der Dollar verdrängt den Real Bild: dpa

Jenseits von Tango-Effekt und Präsidentschaftswahlen - trotz liberaler Wirtschaftspolitik droht Brasiliens Verschuldungsfalle zuzuklappen.

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          Déjà-vu in Brasilien: Mit zwei markigen Sätzen ist es US-Finanzminister Paul O'Neill gelungen, den Real auf ein neues Rekordtief zu drücken. Am Montag stieg der US-Dollar so steil wie seit Januar 1999 nicht mehr - um 5,5 Prozent auf 3,18 Reais.

          Auch das Länderrisiko, ein Indikator für das Misstrauen der Anleger, erreichte neue Spitzenwerte. Brasilianische Staatsanleihen werden demnach um 22 Prozent höher verzinst als ihre US-amerikanischen Pendants.

          Cardoso wehrt sich

          Wie schon im Juni hatte sich O'Neill am Sonntag in einem Fernsehinterview gegen weitere Darlehen an Brasilien, Argentinien und Uruguay ausgesprochen. Die drei Mercosur-Länder müssten erst einmal eine solide Wirtschaftspolitik verfolgen und „sicherstellen“, dass Finanzhilfen „nicht einfach auf Schweizer Konten“ landeten, sagte O'Neill in gewohnt drastischer Manier.

          Präsident Fernando Henrique Cardoso reagierte ungewöhnlich scharf und forderte US-Botschafterin Donna Hrinak auf, die Äußerungen O'Neills zu „erläutern“. Sollte diese Klarstellung nicht zufrieden stellend ausfallen, sehe er sich nächste Woche „außer Stande, den Finanzminister zu empfangen“. Eine Sprecherin O'Neills in Washington versicherte daraufhin pflichtgemäß, Brasilien verfolge eine „korrekte Politik“, man hoffe auf deren „andauernden Erfolg“.

          Gang zum IWF

          Seit Jahresbeginn beträgt die Abwertung des Real gegenüber dem Dollar 38 Prozent. Mit jedem Kursverfall wachsen die private wie die öffentliche Schuldenlast und damit die Schwierigkeiten, sie zu bedienen. Die Regierung Cardoso entschloss sich daher zum dritten Mal, ein Darlehen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beantragen - gestern flog eine hochrangige Regierungsdelegation nach Washington.

          Sollte der IWF rasch grünes Licht geben, so wie es die stellvertretende Generaldirektorin Anne Krueger kürzlich andeutete, darf die Regierung Cardoso auf einen ehrenhaften Abgang ohne Staatsbankrott hoffen. 1998 war Brasilien eine Kreditlinie in Höhe von 41,5 Milliarden Dollar gewährt worden, 2001 belief sich die Zusage auf 15,7 Milliarden.

          Neuer Favorit: Ciro Gomes

          Zwar machen immer noch viele Analysten neben einem ominösen Tango-Effekt die Präsidentenwahl im Oktober für die seit Mai anhaltende Nervosität auf Brasiliens Finanzmärkten verantwortlich. In Umfragen liegt nämlich der blasse Regierungskandidat José Serra, der für eine Fortsetzung der bisherigen orthodox-liberalen Wirtschaftspolitik steht, weit zurück.

          Doch Linkskandidat Luiz Inácio „Lula“ da Silva wird sein Image als Schreckgespenst der Märkte allmächlich los. Zum einen legte er letzte Woche ein äußerst moderates Regierungsprogramm vor. Zum anderen schmilzt seine Favoritenrolle dahin. Neuer Umfrage- und Medienliebling ist der smarte Ciro Gomes, der sich zwar als Oppositioneller geriert und mehr Unabhängigkeit vom IWF anstrebt, aber inhaltlich kaum von Serra zu unterscheiden ist. 1994, als Cardoso in seinen ersten Präsidentschaftswahlkampf startete, hatte ihn Gomes als Finanzminister beerbt. In Stichwahl-Umfragen liegt Gomes übereinstimmend vor Lula.

          Die Krise wird real

          Gravierender ist allemal, dass die monatelange Spekulation ihre Spuren in der „realen“ Wirtschaft hinterlassen hat: Immer mehr Firmen kämpfen mit Schwierigkeiten bei der Umschuldung. Kredite, aufgrund der hohen Zinsen schon lange ein Luxus, werden selbst für das Exportgeschäft immer unerschwinglicher. Mögen die mit Haushaltskürzungen bitter erkauften Überschüsse auch regelmäßig steigen - der Schuldendienst übertrifft sie immer noch deutlicher. Auch deswegen gehen alle Kandidaten einschließlich Serra auf Distanz zu neoliberalen Rezepten.

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