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Brasilien : „Lula“ solls richten

  • -Aktualisiert am

Luiz Inácio „Lula” da Silva, desgnierter Präsident Brasiliens Bild: AP

Luiz Inácio da Silva wird am Sonntag wohl neuer brasilianischer Präsident - ein harter Job: Schon seit Monaten befürchten Analysten einen Staatsbankrott.

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          Der kommende brasilianische Präsident wird Luiz Inácio „Lula“ da Silva heißen. Am klaren Sieg des Linkskandidaten zweifelt niemand mehr. Er ist die Quittung für Fernando Henrique Cardosos marktliberale Wirtschaftspolitik. Sämtliche Umfragen sagen Lula, dem Bewerber der Arbeiterpartei PT, für die Stichwahl am kommenden Sonntag eine komfortable Mehrheit von über 60 Prozent gegen seinen Kontrahenten José Serra vom Regierungslager voraus.

          Bestimmendes Wahlkampfthema ist die Wirtschaftspolitik: Selbst José Serra versucht sich als Mann des „Wandels“ darzustellen. In der Tat hatte der ehemalige Planungs- und Gesundheitsminister innerhalb der Regierung Cardoso nie zu den Verfechtern der reinen monetaristischen Linie um Finanzminister Pedro Malan gezählt.

          It´s the economy

          Doch das Wahlvolk identifizierte Serra bereits im ersten Wahlgang am 6. Oktober als Mitverantwortlichen für die derzeitige Krise - die drei Oppositionskandidaten erzielten zusammen über 76 Prozent der gültigen Stimmen.

          Selbst ehemalige Kollegen fällen ein strenges Urteil über die Ära Cardoso, die seit 1995 andauert: Die Regierung war „auf sozialer, politischer und ethischer Ebene bewundernswert,“ meint etwa der zweifache Minister und Luis Carlos Bresser Pereira, der Serra sehr nahe steht - doch ökonomisch habe sie versagt.

          Freiwillige Unterwerfung

          Die rigide Wechselkurspolitik bis zur Abwertung des Real im Januar 1999 sei im Grunde populistisch gewesen, meint Bresser Pereira. Denn zwar habe Cardoso dadurch das Grundübel der Inflation in den Griff bekommen, doch zugleich habe er seine Wachstumsstrategie einseitig auf den Zustrom von Auslandskapital ausgerichtet.

          Durch das hohe Zinsniveau wurde zwar das Finanzkapital geködert, aber zugleich der einheimischen Industrie der Geldhahn abgedreht. Zugleich wuchs die Staatsverschuldung auf über 230 Milliarden Dollar oder gut 60 Prozent des Bruttosozialprodukts an. 1995 hatte dieser Wert bei 35 Prozent gelegen. Darüber hinaus stöhnen viele Privatbetriebe über Dollar-Schulden. Der Real ist seit Jahresbeginn um 40 Prozent eingebrochen. Und trotz Rekord-Handelsüberschüssen bleibt die Zahlungsbilanz chronisch defizitär.

          Lulas beruhigender Pragmatismus

          „Das war ein Finanzierungsmodell für die Unterentwicklung,“ sagt Bresser heute - und macht die brasilianische Elite dafür verantwortlich: „Weder die USA, noch die Weltbank, noch der IWF haben uns zu dieser Politik gezwungen - sie haben sie nur vorgeschlagen und unterstützt.“ Der kommende Präsident hat inzwischen viele seiner Skeptiker davon überzeugt, dass er weder mit dem IWF brechen noch ein Schuldenmoratorium verkünden will. Die Finanzmärkte regierten am Donnerstag optimistisch: Der Dollar fiel um 2,81 Prozent auf 3,80 Real. Brasilianische Staatsanleihen legen in jüngster Zeit stetig zu, palallel dazu fällt das Länderrisiko.

          Auch deutsche Unternehmen in Brasilien zeigen sich gelassen: Über 40 Prozent seiner Motorsägen gehen in den Export, sagt Horst Bals, der Geschäftsführer der südamerikanischen Stihl-Niederlassung bei Porto Alegre. Auch Lula werde weiter auf Exporte und die Unterstützung der Landwirtschaft setzen.

          Deutsche Unternehmer sind gelassen

          Vorbehalte hat Bals lediglich wegen möglichen Restriktionen bei Importen, die etwa der Auto- und Chemiebranche zu schaffen machen könnten. Doch einen dramatischen Kurswechsel befürchtet er nicht. Und Antônio Corrêa de Lacerda, Chef-Ökonom bei Siemens, hofft wegen des großen Binnenmarkts mit seinen größenbedingten Kostenvorteilen auf eine baldige Zunahme von in- und ausländischen Investitionen.

          Die IWF-Auflagen, so Lacerda, würden der Realität Brasiliens nicht gerecht. Darin ist er sich mit vielen brasilianischen Industriellen einig. Ob ein Präsident Lula in der Diskussion über Reformen der internationalen Finanzarchitektur neue Akzente setzen kann, bleibt allerdings abzuwarten.

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