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Teure Verordnungen : Wie die Brandschutzrepublik Deutschland ihre Bürger fordert und frustriert

Feuerwehrleute bekämpfen einen Brand in einem Wohnhaus in Essen (Archivbild). Bild: dpa

Die Gefahr, in Deutschland durch Rauch und Feuer zu sterben, ist im Vergleich zu anderen Risiken äußerst gering. Doch der Brandschutz wird immer teurer - und stellt Betroffene oft vor Grundsatzentscheidungen.

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          Fast 200 Jahre lang hat es den „Maierwirt“ in Prutting gegeben, einem Dorf zwischen München und dem Chiemsee. Ein stattlicher Gasthof, die Einheimischen tranken hier ihr Bier, die Küche hatte weithin einen ausgezeichneten Ruf. Auf der Karte standen Ochsenbackerl, Kälberfüße und Rinderschmorbraten aus der eigenen Metzgerei. Im Obergeschoss gab es ein paar Gästezimmer. Zwei Weltkriege hat der Gasthof überstanden – aber nicht die „brandschutzrechtliche Überprüfung“ im Januar. Da erfuhr Georg Maier, der Wirt, wie gefährlich es in seinem Gasthof und der daran anschließenden Privatwohnung seiner vierköpfigen Familie bisher zugegangen war.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Landratsamt Rosenheim stellte ihm eine lange Liste von „zwingend erforderlichen Sofortmaßnahmen“ zu: Trennwände zwischen Treppenhaus und Fluren mussten her und selbstschließende Türen, außerdem galt es, alle Möbel aus dem Hausflur zu entfernen, „massive Brandlasten“ in dem fünf Meter breiten Fluchtweg. Für all das blieben dem Mann, der seinen Betrieb ein Vierteljahrhundert ohne auch nur einen Zimmerbrand geführt hatte, vier Wochen Zeit.

          Wenn es um den Brandschutz geht, dann gelten in Deutschland keine Ausreden. Da befindet sich der Wirt aus Prutting, Landkreis Rosenheim, in bester Gesellschaft. In Frankfurt würde die Sanierung der Städtischen Bühnen nicht zuletzt wegen der Auflagen in Sachen Brandschutz so viel kosten wie ein Abriss und Neubau – rund 900 Millionen Euro. Der Stuttgarter Tiefbahnhof wird später fertig als geplant, weil das ursprüngliche Brandschutzkonzept nicht den Ansprüchen genügte. Und auch beim Berliner Flughafen hat sich der Brandschutz als die größte Herausforderung entpuppt.

          Brandschutzexperten mit Maximalforderungen und selbstbewusste Feuerwehrleute: Das kann teuer werden.

          Brandschutz treibt Preise in die Höhe

          Keine Frage, Brandschutz ist wichtig. Aber kann es sein, dass da etwas aus dem Ruder läuft? So gut wie jedes größere Neubauprojekt wird astronomisch teuer, weil nach heutigem Recht so viele Fluchtwege, Sprinkler- und Entrauchungsanlagen nötig sind. Manche Hauseigentümer modernisieren ihre Altbauten nur deshalb nicht, weil sie die Aufrüstung in punkto Brandschutz fürchten, die ihnen bevorsteht, sobald sie an den „Bestandsschutz“ der alten Gemäuer rühren. Ein Haus unter Denkmalschutz, in dem auch noch Touristen übernachten sollen, brandschutztechnisch auf den neuesten Stand bringen zu müssen, gilt in der Branche als Höchststrafe. Der bayerische Hotelier- und Gastronomieverband hat für seine Mitglieder nicht umsonst eine Brandschutz-Hotline geschaltet. Über den Brandschutz klagen zuverlässig auch Unternehmer, die eine Fabrik erweitern und Millionen für feuerfeste Wände ausgeben müssen. Bürgermeister, die einen Anbau an ihre Dorfschule stellen wollen und dafür zusätzliche Feuerleitern an jede Ecke montieren sollen. Wird heute wirklich so viel mehr von ihnen verlangt? Und wenn ja, woran liegt das?

          Die erste Frage ist schnell beantwortet. Seit dem Düsseldorfer Flughafenbrand 1996, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen, werden die Brandschutzvorschriften in Deutschland viel strenger ausgelegt als vorher. Und es kommen stetig neue Auflagen dazu. Das ist zunächst nur die logische Folge aus einer Katastrophe: Aus Schaden soll man klug werden. Aber beim Brandschutz sieht es so aus, als ob das Höchstmaß der Vorsorge erreicht ist. Die Gefahr, in Deutschland durch Rauch und Feuer zu sterben, ist im Vergleich zu anderen Risiken äußerst gering. 343 Menschen sind 2015 bei Bränden zu Tode gekommen. Die Zahl stagniert seit einigen Jahren, ebenso wie die Zahl der Brände insgesamt. Im Straßenverkehr gibt es zehnmal so viele Todesopfer. Schaut man sich die Kosten für den Brandschutz genauer an, wird das Bild noch eigentümlicher. Die Ausgaben allein für Brandmeldeanlagen sind in den vergangenen Jahren auf mehr als eine Milliarde Euro gestiegen. Im gleichen Zeitraum sind die von Wohnungsbränden verursachten Schäden aber nicht gesunken, sondern haben nach Auskunft der Versicherungen sogar zugenommen.

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