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Teure Verordnungen : Wie die Brandschutzrepublik Deutschland ihre Bürger fordert und frustriert

Feuerwehrleute bekämpfen einen Brand in einem Wohnhaus in Essen (Archivbild). Bild: dpa

Die Gefahr, in Deutschland durch Rauch und Feuer zu sterben, ist im Vergleich zu anderen Risiken äußerst gering. Doch der Brandschutz wird immer teurer - und stellt Betroffene oft vor Grundsatzentscheidungen.

          6 Min.

          Fast 200 Jahre lang hat es den „Maierwirt“ in Prutting gegeben, einem Dorf zwischen München und dem Chiemsee. Ein stattlicher Gasthof, die Einheimischen tranken hier ihr Bier, die Küche hatte weithin einen ausgezeichneten Ruf. Auf der Karte standen Ochsenbackerl, Kälberfüße und Rinderschmorbraten aus der eigenen Metzgerei. Im Obergeschoss gab es ein paar Gästezimmer. Zwei Weltkriege hat der Gasthof überstanden – aber nicht die „brandschutzrechtliche Überprüfung“ im Januar. Da erfuhr Georg Maier, der Wirt, wie gefährlich es in seinem Gasthof und der daran anschließenden Privatwohnung seiner vierköpfigen Familie bisher zugegangen war.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Landratsamt Rosenheim stellte ihm eine lange Liste von „zwingend erforderlichen Sofortmaßnahmen“ zu: Trennwände zwischen Treppenhaus und Fluren mussten her und selbstschließende Türen, außerdem galt es, alle Möbel aus dem Hausflur zu entfernen, „massive Brandlasten“ in dem fünf Meter breiten Fluchtweg. Für all das blieben dem Mann, der seinen Betrieb ein Vierteljahrhundert ohne auch nur einen Zimmerbrand geführt hatte, vier Wochen Zeit.

          Wenn es um den Brandschutz geht, dann gelten in Deutschland keine Ausreden. Da befindet sich der Wirt aus Prutting, Landkreis Rosenheim, in bester Gesellschaft. In Frankfurt würde die Sanierung der Städtischen Bühnen nicht zuletzt wegen der Auflagen in Sachen Brandschutz so viel kosten wie ein Abriss und Neubau – rund 900 Millionen Euro. Der Stuttgarter Tiefbahnhof wird später fertig als geplant, weil das ursprüngliche Brandschutzkonzept nicht den Ansprüchen genügte. Und auch beim Berliner Flughafen hat sich der Brandschutz als die größte Herausforderung entpuppt.

          Brandschutzexperten mit Maximalforderungen und selbstbewusste Feuerwehrleute: Das kann teuer werden.
          Brandschutzexperten mit Maximalforderungen und selbstbewusste Feuerwehrleute: Das kann teuer werden. : Bild: dpa

          Brandschutz treibt Preise in die Höhe

          Keine Frage, Brandschutz ist wichtig. Aber kann es sein, dass da etwas aus dem Ruder läuft? So gut wie jedes größere Neubauprojekt wird astronomisch teuer, weil nach heutigem Recht so viele Fluchtwege, Sprinkler- und Entrauchungsanlagen nötig sind. Manche Hauseigentümer modernisieren ihre Altbauten nur deshalb nicht, weil sie die Aufrüstung in punkto Brandschutz fürchten, die ihnen bevorsteht, sobald sie an den „Bestandsschutz“ der alten Gemäuer rühren. Ein Haus unter Denkmalschutz, in dem auch noch Touristen übernachten sollen, brandschutztechnisch auf den neuesten Stand bringen zu müssen, gilt in der Branche als Höchststrafe. Der bayerische Hotelier- und Gastronomieverband hat für seine Mitglieder nicht umsonst eine Brandschutz-Hotline geschaltet. Über den Brandschutz klagen zuverlässig auch Unternehmer, die eine Fabrik erweitern und Millionen für feuerfeste Wände ausgeben müssen. Bürgermeister, die einen Anbau an ihre Dorfschule stellen wollen und dafür zusätzliche Feuerleitern an jede Ecke montieren sollen. Wird heute wirklich so viel mehr von ihnen verlangt? Und wenn ja, woran liegt das?

          Die erste Frage ist schnell beantwortet. Seit dem Düsseldorfer Flughafenbrand 1996, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen, werden die Brandschutzvorschriften in Deutschland viel strenger ausgelegt als vorher. Und es kommen stetig neue Auflagen dazu. Das ist zunächst nur die logische Folge aus einer Katastrophe: Aus Schaden soll man klug werden. Aber beim Brandschutz sieht es so aus, als ob das Höchstmaß der Vorsorge erreicht ist. Die Gefahr, in Deutschland durch Rauch und Feuer zu sterben, ist im Vergleich zu anderen Risiken äußerst gering. 343 Menschen sind 2015 bei Bränden zu Tode gekommen. Die Zahl stagniert seit einigen Jahren, ebenso wie die Zahl der Brände insgesamt. Im Straßenverkehr gibt es zehnmal so viele Todesopfer. Schaut man sich die Kosten für den Brandschutz genauer an, wird das Bild noch eigentümlicher. Die Ausgaben allein für Brandmeldeanlagen sind in den vergangenen Jahren auf mehr als eine Milliarde Euro gestiegen. Im gleichen Zeitraum sind die von Wohnungsbränden verursachten Schäden aber nicht gesunken, sondern haben nach Auskunft der Versicherungen sogar zugenommen.

          Mehr ausgeben, aber nicht mehr dafür bekommen: Wirtschaftswissenschaftler erklären mit Statistiken dieser Art gerne, was das „Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen“ bedeutet. Es besagt, dass Investitionen in ein bestimmtes Gut von einem gewissen Punkt an nur noch sehr geringen zusätzlichen Nutzen haben. Mit dem Brandschutz ist es offenbar genauso: Man kann die Ausgaben dafür zwar endlos erhöhen. Aber eine Welt ohne Brände wird es deshalb nicht geben. Warum aber fällt es in diesem Fall so schwer, Kosten und Nutzen rational abzuwägen? Dafür gibt es psychologische Erklärungen. Die Feuersbrunst, die der ganzen Sippe den Garaus macht, war schon unseren Vorfahren in der Steinzeit der größte Schrecken. Außerdem hat keine andere Berufsgruppe in Deutschland heute ein so gutes Image wie die Feuerwehrleute, die Helden des Alltags. Da stellt man nicht gerne unangenehme Fragen.

          Es gibt daneben aber auch bürokratische Gründe dafür, dass beim Brandschutz niemand auf die Bremse tritt. Erstens ist die Sache eine Angelegenheit der Bundesländer, das sorgt für Unübersichtlichkeit. Ende November, auf der turnusmäßigen Konferenz der Landesbauminister, soll es wieder einmal um eine Vereinheitlichung der Brandschutzverordnungen gehen. Aber niemand glaubt, dass dabei etwas Zählbares herauskommen wird. Zweitens sind nach Einschätzung vieler Betroffener nicht die Gesetze die wahren Kostentreiber, sondern die für ihre praktische Umsetzung in Fachgremien vereinbarten technischen Normen. Und die steigende Zahl derjenigen Brandschutz-Sachverständigen, die bis zum Komma auf die maximale Erfüllung der Vorschriften pochen, anstatt in Zweifelsfällen ihren eigenen Sachverstand walten zu lassen.

          Der Einfluss dieser Spezialisten ist in den vergangenen Jahren gewachsen, weil sich die staatlichen Baubehörden aus der brandschutztechnischen Beratung weitgehend zurückgezogen haben. Dieses Geschäft erledigen jetzt private Ingenieurbüros. Im Prinzip eine gute Idee. Doch wenn die Fachleute sich mit Maximalforderungen gegenüber Bauherrn und Eigentümern vor allem selbst absichern wollen, damit sie im Schadensfall nicht in Haftung genommen werden können, dann wird daraus ein teures Vergnügen. Bis zu 4 Prozent aller Kosten eines Neubaus, schätzen Fachleute, entfallen heute auf den Brandschutz. Selbst wenn auf der Baustelle nicht so viel schiefgeht wie beim Hauptstadtflughafen. Schon die Brandschutzgutachten für die Baugenehmigung kosten auch bei kleineren Vorhaben schnell fünfstellige Summen.

          Jürgen Weiler, einem Stadtrat aus Bitburg in der Eifel, ist darüber der Kragen geplatzt. Er hat sich seinen Ärger in einer „Petition gegen überzogene Brandschutzforderungen“ von der Seele geschrieben. Die Kommune müsse Millionen ausgeben, um öffentliche Gebäude brandschutztechnisch nachzurüsten, obwohl es in diesen weit und breit seit fünfzig Jahren nie gebrannt habe. Es bestehe, schimpft Weiler, im Hauptberuf Bauunternehmer, „überhaupt keine Relation mehr zwischen aufzuwendenden Kosten und dem Ergebnis der Maßnahmen“.

          Nicht einmal alle Feuerwehrleute glauben daran, dass jede der geltenden Brandschutzanforderungen sinnvoll ist. Frank Kämmer zum Beispiel, der Chef der Werksfeuerwehr von Volkswagen. Was in den Normen an Ausstattung verlangt werde, sagt er, sei in vielen Fällen nicht von unabhängigen Studien zur Verhinderung von Bränden und zur Linderung ihrer Folgen gedeckt, sondern in erster Linie „Verkaufsförderung“ für die Hersteller von Feuerlöschern, feuerfesten Kabeln und anderem Spezialgerät. Kämmer muss es wissen, er sitzt selbst in einem der Normenausschüsse. Als Feuerwehrvertreter fühle er sich darin gegenüber den Entsandten der Hersteller allerdings in der Minderheit. Der Bundesverband der Brandschutz-Fachbetriebe sieht das naturgemäß ganz anders, räumt sogar selbstkritisch die eine oder andere überzogene Maßnahme ein, spricht insgesamt aber von einem „Interessenausgleich“ – und meldet frohgemut positive Geschäftsprognosen seiner Mitgliedsunternehmen.

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          Kämmers Lieblingsbeispiel für das Verhandlungsgeschick der Spezialbetriebe: In der DIN für Brandmeldeanlagen steht, dass diese Anlagen alle acht Jahre ausgetauscht werden müssen. Egal, ob an ihnen irgendetwas altersschwach, störanfällig und kaputt ist oder nicht. Bequemer als mit so einer Vorschrift kann sich kein Hersteller einträgliche Folgeaufträge sichern. „Das kostet zwischen 15 und 20 Euro je Quadratmeter“, sagt Kämmer. „In einer großen Fabrikhalle kommen da schnell ein paar Millionen zusammen.“

          Ganz so teuer wäre es für Georg Maier, den Gastwirt aus Prutting, vermutlich nicht einmal geworden. Der Brief aus dem Landratsamt mit der Liste der „Sofortmaßnahmen“ habe ihn Anfang des Jahres aber schlicht aus heiterem Himmel getroffen, sagt er. Schließlich hatte er eine Betriebsgenehmigung, die seit 1992 nie beanstandet worden war. Der letzte Umbau des Hauses lag sogar noch dreißig Jahre länger zurück. Warum sollten die Feuerlöscher an den Wänden plötzlich nicht mehr genug sein? Warum reichte es nicht mehr, dass es vom Feuerwehrhaus in Prutting bis zu seinem Gasthof bloß fünf Minuten zu Fuß sind, alle Zimmer im Obergeschoss Außenfenster haben, im Brandfall also schnell mit Leitern zu erreichen sind?

          Bild: F.A.Z.

          Was Maier zum Verhängnis wurde, war nach seiner Darstellung ein dummer Zufall: Er fand bei einem Routinetermin in ganz anderer Angelegenheit die in den 1960ern ausgestellte Baugenehmigung für die Gästezimmer im Obergeschoss nicht mehr. In der Baubehörde war sie ebenfalls verlorengegangen. Damit war der Bestandsschutz dahin. Maier rief einen Architekten zur Hilfe. Dann noch einen. Sie machten Pläne, Kostenvoranschläge. Rätselten mit zunehmender Hilflosigkeit, wie dem Brand- und dem Denkmalschutz Genüge zu tun wäre. Überlegten, die Gästezimmer in Apartments umzuwandeln, um in eine andere Kategorie der Bauordnung eingruppiert zu werden. „Ich habe mit einigen Kollegen gesprochen, die für viel Geld umgebaut haben“, sagt Maier. „Und ich habe versucht, mich selbst durch die Paragraphen zu kämpfen. Aber in dem Wirrwarr hast du als Normalbürger keine Chance.“ Am Ende traf Maier den Entschluss, seinen Gasthof zu schließen, nach 174 Jahren. Jetzt betreibt er nur noch die Metzgerei, hat deshalb nach eigenen Angaben ein Drittel weniger Einkünfte. Fünf Beschäftigte mussten sich anderswo Arbeit suchen. Prutting hat keine Dorfwirtschaft mehr. Aber am Brandschutz gibt es nichts zu meckern.

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