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Teure Verordnungen : Wie die Brandschutzrepublik Deutschland ihre Bürger fordert und frustriert

Mehr ausgeben, aber nicht mehr dafür bekommen: Wirtschaftswissenschaftler erklären mit Statistiken dieser Art gerne, was das „Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen“ bedeutet. Es besagt, dass Investitionen in ein bestimmtes Gut von einem gewissen Punkt an nur noch sehr geringen zusätzlichen Nutzen haben. Mit dem Brandschutz ist es offenbar genauso: Man kann die Ausgaben dafür zwar endlos erhöhen. Aber eine Welt ohne Brände wird es deshalb nicht geben. Warum aber fällt es in diesem Fall so schwer, Kosten und Nutzen rational abzuwägen? Dafür gibt es psychologische Erklärungen. Die Feuersbrunst, die der ganzen Sippe den Garaus macht, war schon unseren Vorfahren in der Steinzeit der größte Schrecken. Außerdem hat keine andere Berufsgruppe in Deutschland heute ein so gutes Image wie die Feuerwehrleute, die Helden des Alltags. Da stellt man nicht gerne unangenehme Fragen.

Es gibt daneben aber auch bürokratische Gründe dafür, dass beim Brandschutz niemand auf die Bremse tritt. Erstens ist die Sache eine Angelegenheit der Bundesländer, das sorgt für Unübersichtlichkeit. Ende November, auf der turnusmäßigen Konferenz der Landesbauminister, soll es wieder einmal um eine Vereinheitlichung der Brandschutzverordnungen gehen. Aber niemand glaubt, dass dabei etwas Zählbares herauskommen wird. Zweitens sind nach Einschätzung vieler Betroffener nicht die Gesetze die wahren Kostentreiber, sondern die für ihre praktische Umsetzung in Fachgremien vereinbarten technischen Normen. Und die steigende Zahl derjenigen Brandschutz-Sachverständigen, die bis zum Komma auf die maximale Erfüllung der Vorschriften pochen, anstatt in Zweifelsfällen ihren eigenen Sachverstand walten zu lassen.

Der Einfluss dieser Spezialisten ist in den vergangenen Jahren gewachsen, weil sich die staatlichen Baubehörden aus der brandschutztechnischen Beratung weitgehend zurückgezogen haben. Dieses Geschäft erledigen jetzt private Ingenieurbüros. Im Prinzip eine gute Idee. Doch wenn die Fachleute sich mit Maximalforderungen gegenüber Bauherrn und Eigentümern vor allem selbst absichern wollen, damit sie im Schadensfall nicht in Haftung genommen werden können, dann wird daraus ein teures Vergnügen. Bis zu 4 Prozent aller Kosten eines Neubaus, schätzen Fachleute, entfallen heute auf den Brandschutz. Selbst wenn auf der Baustelle nicht so viel schiefgeht wie beim Hauptstadtflughafen. Schon die Brandschutzgutachten für die Baugenehmigung kosten auch bei kleineren Vorhaben schnell fünfstellige Summen.

Jürgen Weiler, einem Stadtrat aus Bitburg in der Eifel, ist darüber der Kragen geplatzt. Er hat sich seinen Ärger in einer „Petition gegen überzogene Brandschutzforderungen“ von der Seele geschrieben. Die Kommune müsse Millionen ausgeben, um öffentliche Gebäude brandschutztechnisch nachzurüsten, obwohl es in diesen weit und breit seit fünfzig Jahren nie gebrannt habe. Es bestehe, schimpft Weiler, im Hauptberuf Bauunternehmer, „überhaupt keine Relation mehr zwischen aufzuwendenden Kosten und dem Ergebnis der Maßnahmen“.

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