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Branchen und Märkte (186): Zeitarbeit : Schnell weg vom Blaumann

Bild: F.A.Z.

Die Branche bekommt den Abschwung am Arbeitsmarkt als erste zu spüren. Für Tausende von Mitarbeitern, die im Maschinenbau, der Automobil- und der chemischen Industrie nicht mehr benötigt werden, fehlen alternative Einsatzmöglichkeiten

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          Eine der besseren Nachrichten in diesen Zeiten lautet: Deutschlands Unternehmen atmen. Liefen sie in dem vorangegangen Abschwung zu Beginn des Jahrzehnts noch häufig mit einem hohen Personalüberhang, der schließlich vielerorts in Massenentlassungen und mehr als 5 Millionen registrierter Arbeitsloser endete, ist das Instrumentarium heute deutlich flexibler. Durch den Abbau von Überstunden und den Einsatz von Kurzarbeit können Unternehmen kurzfristig die Personalkosten reduzieren. Auch der Einsatz von oder besser der Verzicht auf Zeitarbeiter gehört zu diesen Erste-Hilfe-Maßnahmen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          In der Automobilindustrie machte BMW schon vor mehr als einem Jahr den Anfang und schickte mehrere tausend Leiharbeiter zu ihren Arbeitgebern zurück. Die Volkswagentochtergesellschaft Audi, die sich in der Krise lange wacker schlug, zog nun vor wenigen Wochen als letzter großer Hersteller nach. Auch der um seine Existenz kämpfende fränkische Zulieferer Schaeffler hat im Herbst auf die Dienste fast aller Zeitarbeiter verzichtet. Die deutsche Automobilindustrie sei abgesehen von den Entwicklungsabteilungen mittlerweile eine „zeitarbeitsfreie Zone“, sagt Andreas Dinges, Vorsitzender der Geschäftsführung der Adecco Deutschland Holding. „Das ist eben auch ein Teil des atmenden Unternehmens“, räumt der Manager ein. Diese Schutzfunktion für die Kernbelegschaften habe sogar unter einigen Betriebsräten die Haltung gegenüber der Zeitarbeit ins Positive umschlagen lassen, räumen selbst IG-Metall-Funktionäre ein - wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.

          Die Zeitarbeitsbranche baut in hohem Maß Beschäftigung ab

          In besseren Zeiten kann die Zeitarbeit gerade in solchen Situationen ihre Vorteile ausspielen: So konnten viele der von BMW nicht mehr benötigten Facharbeiter im ersten Halbjahr 2008 noch gut an Auftraggeber aus anderen Branchen vermittelt werden. Doch seit Herbst spitzt sich die Lage im produzierenden Gewerbe und damit dem wichtigsten Kunden der Zeitarbeit zu. Für die vielen Tausende von Mitarbeitern, die in den Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Automobil- und der chemischen Industrie nicht mehr benötigt werden, fehlen alternative Einsatzmöglichkeiten. Die Folge: Die Zeitarbeitsbranche, der klassische Frühindikator am Arbeitsmarkt, baut in hohem Maß Beschäftigung ab.

          Automobilebranche: Mittlerweile eine beinahe „zeitarbeitsfreie Zone”
          Automobilebranche: Mittlerweile eine beinahe „zeitarbeitsfreie Zone” : Bild: ddp

          Adecco zum Beispiel verringerte die Zahl seiner Mitarbeiter innerhalb von eineinhalb Jahren um ein Drittel auf derzeit rund 40.000. Eine Entwicklung, die den Trend der Branche widerspiegelt. Noch im vergangenen Sommer hatte die Zahl der Zeitarbeiter mit knapp 800.000 Personen den bislang höchsten Stand in Deutschland erreicht. Das waren fast viermal so viele Beschäftigte wie noch zu Beginn des Jahrzehnts, bevor das Geschäft mit der Leiharbeit liberalisiert wurde.

          Insgesamt drohen Verluste von 50.000 bis 100.000 Stellen

          Innerhalb eines halben Jahres verringerte sich dann die Beschäftigtenzahl um 150.000, wie aus dem Zeitarbeitsindex hervorgeht, den das Institut der Deutschen Wirtschaft für den Bundesverband Zeitarbeit und Personaldienstleistungen ermittelt hat. Dessen Hauptgeschäftsführer Ludger Hinsen führt ein Drittel der Beschäftigungsverluste auf den üblichen Winterrückgang zurück. Bleiben 100.000 Arbeitskräfte, die wegen der schlechten Konjunktur nicht mehr beschäftigt werden. Und die Zeichen stehen nicht auf Besserung: Für das laufende Jahr rechnet jedes zweite Unternehmen mit weiteren Einbußen, insgesamt drohen Verluste von 50.000 bis 100.000 Stellen. In den europäischen Nachbarländern sieht die Entwicklung ähnlich aus. So verhagelte die schwierige Situation in der französischen Automobilindustrie Adecco die Konzernbilanz für das vergangene Jahr. Der nach eigenen Angaben weltgrößte Personaldienstleister büßte ein Drittel des Gewinns ein. Wettbewerbern wie Randstad aus den Niederlanden oder Manpower aus Amerika geht es ähnlich.

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