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Branchen und Märkte (178): Rechtsanwälte : Krisengeflüster

  • -Aktualisiert am

Der Abschwung trifft die Anwälte, ob in der Großkanzlei oder im mittelgroßen Büro Bild: picture-alliance/ dpa

Die Branche muss sich auf schwierige Zeiten einstellen: Der Abschwung trifft die Anwälte, ob in der Großkanzlei oder im mittelgroßen Büro. Auch die umsatzstärksten Kanzleien schließen Kündigungen nicht aus. Vorteile hat, wer breit aufgestellt ist.

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          Auf die Größe kommt es dieses Jahr nicht an bei den Rechtsanwälten. Denn die Verlierer der Wirtschaftskrise finden sich ebenso unter den großen Wirtschaftskanzleien mit mehreren hundert Anwälten wie unter den kleineren, spezialisierten „Boutiquen“, denen über Nacht das Geschäft wegbrach. Für die Großkanzlei Clifford Chance zum Beispiel hätte 2009 nicht schlechter anfangen können. Erst musste das Londoner Büro die Entlassung von 80 Anwälten vermelden, vor wenigen Tagen berichteten dann Branchendienste, dass alle 400 Clifford-Partner ihrer Sozietät eine Kapitalspritze von insgesamt 60 Millionen Pfund verpasst hätten - offenbar als Vorsorge gegen zahlungsschwache Mandanten.

          Wie die Krise die Rechtsberater trifft, lässt sich aber kaum pauschal sagen. Ein einheitliches Bild haben „die Anwälte“ nie abgegeben, dafür ist die Branche zu vielschichtig. Schon innerhalb einer Kanzlei können je nach Rechtsgebiet die Umsätze und die Auslastung verschiedener Abteilungen komplett verschieden sein.

          Amerikanischer Markt am stärksten eingebrochen

          Allgemein lässt sich sagen, dass breitaufgestellte Büros die Flaute besser verarbeiten können. Denn hier kompensieren die Gewinne der einen Abteilung nach Möglichkeit die Verluste der anderen. Dagegen gerät eine Kanzlei, die sich zum Beispiel nur auf Private-Equity-Mandate spezialisiert hat, durch die Krise eher in die Klemme. Jetzt zahlt es sich aus, wenn eine Sozietät frühzeitig Fachwissen im Restrukturierungsgeschäft aufgebaut hat.

          Dagegen ist das Transaktionsgeschäft, mit dem die Wirtschaftsanwälte normalerweise viel Geld verdienen, 2008 deutlich zurückgegangen. Das zeigen neue Berechnungen des Instituts Mergermarket. Im Jahr der schlimmsten Krise seit der Großen Depression hätten Transaktionsberater „nicht viel gemacht“, stellen die Gutachter fest: Mit 2,5 Billionen Dollar sei der Gesamtwert der weltweiten Übernahmeaktivitäten (M&A) um mehr als ein Drittel gesunken.

          Am stärksten sei der amerikanische Markt eingebrochen, der normalerweise 40 Prozent des gesamten M&A-Geschäfts ausmacht. Aber auch die Übernahmeaktivitäten mit europäischem Ziel seien um gut ein Drittel zurückgegangen auf knapp 742 Milliarden Euro. „Dramatisch“ sei das Transaktionsvolumen in Europa vor allem im vierten Quartal 2008 eingebrochen, wo mit insgesamt 825 Deals der niedrigste Wert seit 2003 erreicht wurde. Viele Geschäfte seien an der Finanzierung gescheitert, außerdem habe sich die Flaute bei den Private-Equity-Investoren bemerkbar gemacht.

          „Kleinvieh macht auch Mist“

          Kleinere Geschäfte und strategische Beteiligungen gibt es dagegen auch jetzt noch viele, was im Markt eine Kettenreaktion verursachen könnte: Nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ wenden sich größere Kanzleien verstärkt diesen kleineren Transaktionen zu und drücken auch mal ihre Preise. Damit nehmen sie kleineren Wettbewerbern die Aufträge weg und zwingen sie, sich ihrerseits weiter „nach unten“ zu orientieren, wo sie wiederum Dritte verdrängen.

          Für die großen Wirtschaftskanzleien könnte 2009 erstmals nach der Krise von 2001 wieder betriebsbedingte Kündigungen bringen. Zwar beteuern die deutschen Büros, dass sie die Flaute hierzulande dank der natürlichen Fluktuation abfedern könnten. Allerdings dürften viele Sozietäten auch versuchen, ihre krisenbedingten Abgänge für „natürlich“ zu erklären und manche Auflösungsverträge einfach damit zu begründen, die Leute hätten eben nicht genug geleistet. Um jeden Preis wollen die Großkanzleien auch Einstellungsstopps vermeiden, denn der Markt für gute Nachwuchskräfte ist ohnehin schon hart umkämpft.

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