https://www.faz.net/-gqe-11aoh

Branchen und Märkte (176): Rohstoffmärkte : Die große Auslese

Der Einbruch der Bergwerksbranche trifft nicht nur Volkswirtschaften Bild: picture-alliance/ dpa

In der Branche trennt sich die Spreu vom Weizen. China und Indien sind auf der Suche nach preiswerten Lagerstätten. Doch der Einbruch der Bergwerksbranche trifft nicht nur ganze Volkswirtschaften, sondern auch Reeder wie Hafenbetreiber.

          5 Min.

          Nachzutreten gilt auch in der hartgesottenen Minenindustrie als unfein. Der kritische Blick zurück indes, er muss erlaubt sein. Der aber fällt nicht günstig aus. Mitte August hatte Marius Kloppers, der neue Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Bergbaukonzerns BHP Billiton, erklärt: „Noch über Jahre werden die grundlegenden Metalle gesucht bleiben. Das Angebot wird dabei geringer ausfallen, als die meisten sich vorstellen.“

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Es sollte anders kommen. Denn was folgte, waren keine guten Monate für den Südafrikaner an der Spitze des australischen Konzerns. Den vorläufigen Tiefpunkt erreichte Kloppers am 25. November: Da zerplatzte sein Traum von der Übernahme des kleineren Konkurrenten Rio Tinto. Und Marius Kloppers landete in einer Wirklichkeit. „Wenn wir uns die chinesische Stahlproduktion anschauen, sehen wir einen Rückgang von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, sagte Kloppers. „Und das wird letztlich uns alle erreichen in der gesamten Branche.“ Nach Jahren des Booms werde sich die Nachfrage kurzfristig nicht von dem niedrigen Niveau erholen, auf das sie zuletzt abgestürzt sei, sagte der BHP-Chef.

          Nun leiden die Rohstoffe unter sinkenden Preisen

          Der Zusammenbruch des Übernahmeplans war absehbar. Denn Rio Tinto hatte sich in einer Welt, die derzeit keine Schulden mehr duldet, mit haushohen Verbindlichkeiten eingedeckt. Ziel war es, den kanadischen Aluminiumproduzenten Alcan zu übernehmen. Diese Schulden, die zu einer drückenden Last geworden sind, konnte Kloppers nicht mehr schultern. Angesichts der dunkleren Wolken über der Branche mögen sie ihm zudem als willkommene Ausrede dienen, seinen eigenen Plan über den Haufen geworfen zu haben. Doch auch sein Gegenüber, Tom Albanese, der Kopf von Rio Tinto, hat keine gute Figur abgegeben: Immerhin war er es, der die teure Übernahme auf dem Höhepunkt der Konjunktur durchzog. Und deshalb nun alles bei Rio Tinto zu Geld machen muss, was nur irgendwie geht.

          Wie sich die Zeiten ändern. Gerade noch waren sie die am heißesten begehrte Handelsware, nun leiden die Rohstoffe unter sinkenden Preisen. In Wochen, wo die Automobilproduktion eingefroren ist, wo unverkäufliche Mercedes oder Toyotas Stoßstange an Stoßstange auf den Kais von Bremerhaven bis Long Beach stehen, wo Unternehmen keine neuen Fabriken bauen und Privatleute ihr Geld unter ihr Kopfkissen packen, da werden auch weniger Aluminium oder Stahl und damit weniger Erz und weniger Koks benötigt.

          Die radikal veränderte Lage für die Bergbaukonzerne

          Wenn die Industrie auf das Bremspedal tritt, sinkt der Energieverbrauch - und damit die Nachfrage vor allem nach Kohle. Ins öffentliche Bewusstsein rücken zwar vor allem die guten Nachrichten von drastisch sinkenden Öl- und Gaspreisen. Die meisten Rohstoffriesen, die heute auf der Welt den Bergbau betreiben, sind aber auch im Ölgeschäft. Und damit noch von dieser Seite her angreifbar. Eine steigende Nachfrage etwa nach Gold, möglicherweise auch nach Uran indes vermag einen Einbruch des Brot-und-Butter-Geschäftes mit Erz und Kohle nicht auszugleichen.

          Ein Blick auf den weltgrößten Hersteller von Stahl genügt, um die radikal veränderte Lage für die Bergbaukonzerne zu erkennen: Im Oktober verzeichneten 42 der 71 großen Stahlkocher Chinas aufgrund der eingebrochenen Nachfrage Verluste. Sie türmten sich zu umgerechnet gut einer Milliarde Dollar auf. Die Folge liegt auf der Hand. Mitte Dezember verlangten die Chinesen, die Preisverhandlungen für die Rohstoffe von April auf Januar vorzuziehen - und dabei den Einkaufspreis drastisch zu kürzen. Damit würden die Rohstoffkonzerne Millionengewinne im ersten Quartal des nächsten Jahres verlieren.

          Der Preisrückgang trifft keine Armen

          Zudem will China einheitliche Einkaufspreise für Eisenerz für die großen Rohstoffländer Australien, Brasilien und Indien durchsetzen. Merrill Lynch rechnete Mitte November damit, dass der Rekordpreis von 92 Dollar je Tonne australischen Erzes im kommenden Frühjahr auf 73 Dollar fallen werde. Nach hohen zweistelligen Anstiegen in den vergangenen sechs Jahren erwarten sogar viele Analysten einen Preisrückgang von bis zu 50 Prozent. Die Bank ABN Amro rechnet für Rio Tinto im kommenden Jahr allein aufgrund der fallenden Preise mit einem Ergebniseinbruch von 36 Prozent.

          Weitere Themen

          Im Schatten Chinas

          FAZ Plus Artikel: Indiens Wirtschaft : Im Schatten Chinas

          Die Handelsbeziehungen zu Indien sind ein schwieriges Kapitel in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Erst die marktwirtschaftliche Öffnung des Landes sorgte für Schwung. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          „Märsche für die Freiheit“ : Barcelona im Ausnahmezustand

          Die Proteste gegen das Urteil im Separatistenprozess legen die Stadt und weite Teile Kataloniens lahm. Die „Sagrada familia“ wurde geschlossen, dutzende Flüge abgesagt – und eines der wichtigsten Fußballspiele Spaniens verschoben.
          Juan Moreno, hier bei der Vorstellung seines Buchs „Tausend Zeilen Lüge“ Ende September in Berlin.

          Juan Moreno beim „Spiegel“ : Was für eine großartige Geschichte!

          Der Reporter Juan Moreno hat den Relotius-Skandal beim „Spiegel“ aufgedeckt. Davon handelt sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Auf der Buchmesse spricht er auch am „Spiegel“-Stand. Wie er dort befragt wird, ist ziemlich bizarr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.