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Branchen und Märkte (171): Logistik : Boombranche im Zwischentief

Das Transportgewerbe kann sich der Krise nicht entziehen. Industrie und Handel stornieren Aufträge, das Wachstum geht zurück. Aber es bieten sich auch neue Chancen. In der Logistikbranche sind es Spezialisten wie Paki Logistics, die sich Hoffnungen machen.

          Jede Krise hat ihre Gewinner. In der Logistikbranche sind es Spezialisten wie Paki Logistics, die sich Hoffnungen machen. „Unsere Leistungen sind gefragter denn je“, sagte Geschäftsführer Christian Kühnhold. Sein Unternehmen mit Sitz im nordrhein-westfälischen Ennepetal managt europaweit die Ströme von Paletten und Gitterboxen, die Logistik- und Industrieunternehmen für ihren Transport benötigen.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          An 10.000 Ladestellen können Kunden wie Tesa oder DHL Paletten aufnehmen und zurückgeben. Paki stellt sicher, dass die Paletten und Gitterboxen dort zu finden sind, wo sie gerade gebraucht werden. Auch die Finanzierung haben viele Unternehmen an Paki abgegeben. Sie verringern ihr Umlaufkapital und mieten nur das an, was sie benötigen. Der Umsatz des Unternehmens hat sich in drei Jahren auf 56 Millionen Euro verdoppelt, und „diese Steigerung wollen wir wiederholen“, meint Kühnhold.

          Gewinnerwartungen deutlich nach unten korrigiert

          Auch Hans-Jürgen Heitzer, der Vorstandsvorsitzende der Locanis AG aus Unterföhring bei München, strotzt vor Zuversicht. Locanis hat ein lasergesteuertes Leitsystem für Gabelstapler entwickelt. Mit ihm lassen sich Verladezeiten und damit Lastwagenstandzeiten nach Unternehmensangaben um bis zu 25 Prozent reduzieren. Kombiniert mit einer automatischen Warenverfolgung, ermöglicht es zugleich eine optimale Auslastung von Lagerflächen. Neu geplante Standorte könnten dadurch wiederum mit kleineren Lagerhallen auskommen. Das Sparpotential quer durch alle Branchen in Deutschland veranschlagt Heitzer, der unter anderem Coca-Cola und Hassia Mineralquellen als Kunden betreut, auf mehr als 12 Milliarden Euro.

          Nicht nur in der Werkslogistik von Industrie und Handel wird an den Kostenschrauben gedreht. Die gesamte Transport- und Logistikbranche stellt sich nach Jahren des Booms auf eine Durststrecke ein. Nachdem sich die Stimmung im dritten Quartal schon merklich abgekühlt hatte, stürzten die Geschäftserwartungen im Speditionsgewerbe im Oktober förmlich ab. Der vom Ifo-Institut erhobene Index sank schlagartig auf seinen Tiefststand. Wenn weniger produziert wird und der Einzelhandel weniger bestellt, ist eben auch weniger zu verpacken, zu transportieren und zu lagern.

          Auch die Großen der Branche können sich der weltweiten Flaute nicht entziehen. Die Deutsche Post hat die Reißleine im amerikanischen Expressgeschäft der Tochtergesellschaft DHL gezogen und erwartet zum ersten Mal seit der Privatisierung einen Verlust. Nicht ganz so schlimm sieht es bei Konkurrenten wie TNT, United Parcel Service (UPS) oder Fedex aus. Auch sie haben ihre Gewinnerwartungen aber längst deutlich nach unten korrigiert.

          Wirtschaftszweig schwer zu fassen

          Schon als die Energiepreise im Sommer alle Rekorde brachen, hatte Kassandra Hochkonjunktur und durfte über ein Ende der Globalisierung orakeln. Doch mehr als ein Zwischentief muss die Branche kaum befürchten. „Die Weltwirtschaft ist eng vernetzt und wird sich weiter vernetzen“, sagte Bernd-Michael Winter, Vorstandschef der Logwin AG. Die wissenschaftlichen Beobachter der Branche teilen seine Auffassung. „Der deutsche Logistikmarkt bleibt ein Wachstumsmarkt“, fassen Peter Klaus und Christian Kille vom Fraunhofer-Institut ihre Sicht der Dinge zusammen.

          Seit 2006 wachse der Logistikmarkt deutlich stärker als das Bruttoinlandsprodukt. Im vorigen Jahr kam die Logistikwirtschaft nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts in Deutschland auf einen Umsatz von 205 Milliarden Euro und beschäftigte etwa 2,7 Millionen Menschen. Damit stünde sie an dritter Stelle der großen deutschen Wirtschaftsbranchen - nach der Autoindustrie und dem Maschinenbau. Aber in der amtlichen Statistik wird die Branche nicht ausgewiesen. Da mehr als die Hälfte aller Logistikleistungen in Eigenleistung von Industrie und Handel erbracht wird, ist der Wirtschaftszweig schwer zu fassen. „Nur“ 100 Milliarden Euro, etwa 49 Prozent des Gesamtumsatzes, rechnen Klaus und Kille Dienstleistungsunternehmen wie Speditionen, Paketdiensten, der Eisenbahn, See- und Luftfrachtunternehmen zu.

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