https://www.faz.net/-gqe-10qlf

Branchen und Märkte (165): Banken : Am Abgrund

Bild: Unternehmensangaben; Bloomberg; ABV Banken;

Die Finanzkrise ist ein Kampf ums Überleben. Dabei sind die Spargroschen der Privatkunden begehrt wie selten. Wer als Bank keine Einlagen hat und seinen Refinanzierungsbedarf ausschließlich am Kapitalmarkt aufnehmen muss, ist derzeit kaum überlebensfähig.

          5 Min.

          Man hat den Eindruck, als fiele aus den Bankentürmen gerade Stein um Stein. Die einzigen verbliebenen amerikanischen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley werden freiwillig zu Universalbanken, nachdem ihre Konkurrenten Bear Stearns und Merrill Lynch von anderen Banken aufgefangen werden mussten und Lehman Brothers sogar insolvent ist. In Europa werden reihenweise Banken verstaatlicht, angefangen im liberalen Großbritannien mit HBOS und Bradford & Bingley über Dexia und Fortis in Belgien bis hin zu Island, wo die drei größten Banken Kaupthing, Landesbanki und Glitnir inzwischen unter staatlicher Aufsicht stehen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am traditionsreichen Finanzplatz Zürich gilt eine Notfusion zwischen Credit Suisse und UBS nicht mehr als abwegig. Dabei gehört die UBS noch zu den Adressen, die rechtzeitig vor der jüngsten Verschärfung der Finanzkrise neue Aktionäre, darunter Singapurs Staatsfonds GIC, aufgenommen und so die Kapitalbasis gestärkt hat.

          Misstrauen der Banken untereinander

          Für viele Banken auf der Welt geht es ums nackte Überleben. Nach Daten von Bloomberg haben sie seit Ausbruch der Krise auf Kreditwertpapiere einen Abwertungsbedarf von insgesamt 520 Milliarden Dollar gebucht. Den Löwenanteil davon mussten amerikanische Banken verkraften - an der Spitze die Citigroup mit 55 Milliarden. Die europäischen Banken folgen nicht weit dahinter mit insgesamt 235 Milliarden Dollar an Belastungen - an vorderster Stelle die UBS mit 44 Milliarden Dollar.

          Allein Asiens Banken kommen mit 24 Milliarden Dollar bislang glimpflich davon. Sie sind mit ihrer relativen Stärke als Aktionäre und neue Eigenkapitalgeber in den Banken der westlichen Welt begehrt wie nie zuvor. Auch unternehmenskulturell spannende Verbindungen entstehen: Die japanische Bank Nomura übernimmt weite Teile des Investmentbankings von Lehman, und UFJ Mitsubishi steigt bei Morgan Stanley ein.

          Der Kampf ums Überleben ist ein Ringen der Banken um Kapital. Zunächst ging es um das Abdecken der Wertpapierverluste mit Eigenkapital. Inzwischen hat sich das „Kapitalproblem“ erweitert. Spätestens seit die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli den Leitzins im Euro-Raum auf 4,25 Prozent erhöht hat, sind die Basiszinsen für Fremdkapital im kurzen Laufzeitenbereich für viele Banken unbequem hoch.

          Zwar hat die EZB gemeinsam mit anderen Notenbanken die Zinsen in der vergangenen Woche gesenkt - auf 3,75 Prozent. Doch seitdem der amerikanische Staat Lehman Brothers Mitte September - anders als andere wankende Finanzakteure wie Fannie Mae und Freddie Mac in der Woche zuvor und der Versicherer AIG wenige Tage später - insolvent gehen ließ, hat das Misstrauen der Banken untereinander ein nie dagewesenes Niveau erreicht: Auf dem Interbankenmarkt, auf dem in normalen Zeiten die Banken problemlos Geld handeln, bietet so gut wie keine Bank mehr Geld an - aus Angst, ihr Geschäftspartner werde es nicht zurückzahlen.

          Überdimensioniertes „Kreditersatzgeschäft“

          Die EZB muss aushelfen; nahezu jeden Tag stellt sie Liquiditätsspritzen in dreistelliger Milliardenhöhe bereit. Auch ist die EZB dazu übergegangen, in Auktionen Geld in flexiblen Mengen, aber zum Festzins auszugeben. Zuvor waren die Banken bereit gewesen, kräftige Risikoaufschläge zu zahlen. Doch der Leitzins als Basis ist weiterhin hoch, gemessen am Markt für Staatsanleihen. Dort ist im Euro-Raum Geld mit Laufzeit von zwei Jahren für 3 und für 5 Jahre für 3,5 Prozent zu bekommen - deutlich unter dem Leitzins der EZB von 3,75 Prozent.

          Ein Opfer des ausgetrockneten Interbankenmarktes ist der Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der Anfang Oktober mit staatlicher Hilfe gerettet werden musste. Damit hat die Finanzkrise auch die deutschen privaten Banken erreicht. Das deutsche Bankensystem hatte sich bis dahin als stabil erwiesen. Nur öffentlich-rechtliche Landesbanken wie Sachsen LB, West LB und Bayern LB sowie der Sonderfall IKB/KfW waren zuvor in Schieflage geraten.

          Dass viele Landesbanken eine Finanzkrise nicht überstehen würden, ist keine Überraschung. Die meisten hätten über ihre Aufgabe als regionale Zentralinstitute der Sparkassen hinaus kein Geschäftsmodell, warnen Fachleute schließlich seit Jahren. Vor dem Wegfall der staatlichen Haftungsgarantien im Juni 2005 hatten sich die Landesbanken noch günstig mit staatlich garantiertem Fremdkapital eingedeckt; da die meisten jedoch nur vergleichsweise wenig dauerhafte Kundenbeziehungen haben, in die sie das Geld hätten stecken können, landete es zum großen Teil am Kapitalmarkt.

          Dieses vielerorts völlig überdimensionierte „Kreditersatzgeschäft“, wie die Banker die Finanzanlagen nennen, ist einigen nun zum Verhängnis geworden. Andere, wie die Landesbank Hessen-Thüringen, stehen dagegen gut da, auch weil sie durch die 2005 übernommene Frankfurter Sparkasse über Privatkundengeschäft verfügt.

          Deutsche Bank 150

          Das Privatkundengeschäft erfährt in der Finanzkrise eine Renaissance. Dies liegt vor allem an den Spargroschen der Privatkundschaft. Wer als Bank keine Einlagen hat und seinen Refinanzierungsbedarf ausschließlich am Kapitalmarkt aufnehmen muss, ist derzeit kaum überlebensfähig. Das ist der Grund, warum die reinen amerikanischen Investmentbanken am Ende sind.

          Und das ist auch der Grund, warum die Deutsche Bank ihr Einlagengeschäft stärkt, indem sie sich mit der Postbank zusammentut. 2,8 Milliarden Euro zahlte die Deutsche Bank Anfang September für knapp 30 Prozent an der größten eigenständigen Privatkundenbank in Deutschland, die 14,7 Millionen Kunden hat, davon knapp 5 Millionen „aktive“. Nach der Übernahme der Postbank durch die Deutsche Bank entsteht ein Institut, das mit der heutigen Deutschen Bank stark im Kapitalmarktgeschäft ist und diese Position aufgrund der Schwäche der anderen in den nächsten Jahren wohl noch ausbauen kann. Darüber hinaus sollen künftig gehobenen Privatkunden (Deutsche Bank) und einfachen Privatkunden (Postbank) dieselben Fonds, Versicherungen und Immobilienfinanzierungen verkauft werden.

          Während die Deutsche Bank ihr Privatkundengeschäft um eine neue Absatzklientel erweitert, ist die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank vor allem darauf angelegt, Kosten einzusparen. Das kann gar nicht anders sein, schließlich sind sich beide Banken sehr ähnlich. Aber auch hier zeigt sich, dass Kostenvorteile im Privatkundengeschäft durch Filialschließungen und Entlassungen weniger stark gehoben werden sollen, als es zum Beispiel der Plan der schließlich im Jahr 2001 gescheiterten Fusion von Deutscher Bank und Dresdner Bank vorsah. Damals stand das Investmentbanking viel höher im Kurs. Jetzt will die Commerzbank trotz Übernahme erstmals sei den 60er Jahren 100 neue Filialen eröffnen, die Deutsche Bank 150.

          Ausdruck des harten Tagesgeschäfts

          Die Margen im Privatkunden- und mittleren Firmenkundengeschäft sind indes niedrig, nicht zuletzt auch, weil die Refinanzierungskosten im kurzfristigen Laufzeitenbereich hoch sind. Davon können 450 Sparkassen und 1100 Volks-und Raiffeisenbanken ein Lied singen, die als selbständige Banken vor Ort diese Felder seit Jahrzehnten unermüdlich beackern und auf Marktanteile von bis zu 60 Prozent (Sparkassen) und 25 Prozent (Volksbanken) kommen. Die niedrigen Margen werden in diesen kleinen Banken oft noch aufgefressen durch hohe Kosten für Informationstechnik und Aufsicht.

          Deshalb ist der Fusionsdruck in beiden Bankengruppen auf Ortsebene groß. Bei den Volksbanken ist auffällig, dass sich oft mittelgroße Banken zu Instituten mit Bilanzsummen von mehr als 1 Milliarde Euro zusammenschließen, aber 75 Prozent aller Banken sehr klein bleiben mit Bilanzsummen deutlich unter 500 Millionen Euro. Der Fusionsdruck entsteht jedoch nicht durch die aktuelle Finanzkrise, sondern ist Ausdruck des harten Tagesgeschäfts.

          Die großen Risiken der Verbünde liegen in den Zentralinstituten. Hier sind die Sparkassen mit den Landesbanken, allen voran mit der West LB, deutlich stärker betroffen als die Genossenschaftsbanken. Diese dürfen sogar auf eine Kostenlinderung im Tagesgeschäft hoffen, wenn im Jahr 2009 tatsächlich die Fusion von DZ und WGZ zum einzigen Zentralinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken und zur drittgrößten deutschen Bank gelingt.

          Sonderseite Branchen und Märkte: Alle Folgen

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Kontoauszug mit der überwiesenen Summe von 9.000 Euro Corona-Soforthilfe.

          Betrugsverdacht : NRW stoppt Auszahlung von Soforthilfen

          Die Soforthilfe des Landes für Selbstständige und Unternehmen wird zum Wirtschaftskrimi: Betrüger haben offensichtlich Internetseiten gefälscht, um an Daten von Interessierten zu kommen und damit selbst Geld zu beantragen. Jetzt stoppt das Land die Auszahlungen
          „Auf das Gehalt zu verzichten, ist wie eine Spende ins Nichts oder an den Verein“: Toni Kroos

          Debatte um Gehaltsverzicht : „Kroos sollte sich schämen“

          Viele Fußballstars verzichten in der Corona-Krise auf Teile ihres üppigen Gehalts. Toni Kroos findet das nicht sinnvoll und argumentiert dagegen. Sein Verein Real Madrid kürzt dennoch – und Kroos muss sein deutliche Kritik anhören.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.