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Branchen und Märkte (165): Banken : Am Abgrund

Bild: Unternehmensangaben; Bloomberg; ABV Banken;

Die Finanzkrise ist ein Kampf ums Überleben. Dabei sind die Spargroschen der Privatkunden begehrt wie selten. Wer als Bank keine Einlagen hat und seinen Refinanzierungsbedarf ausschließlich am Kapitalmarkt aufnehmen muss, ist derzeit kaum überlebensfähig.

          Man hat den Eindruck, als fiele aus den Bankentürmen gerade Stein um Stein. Die einzigen verbliebenen amerikanischen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley werden freiwillig zu Universalbanken, nachdem ihre Konkurrenten Bear Stearns und Merrill Lynch von anderen Banken aufgefangen werden mussten und Lehman Brothers sogar insolvent ist. In Europa werden reihenweise Banken verstaatlicht, angefangen im liberalen Großbritannien mit HBOS und Bradford & Bingley über Dexia und Fortis in Belgien bis hin zu Island, wo die drei größten Banken Kaupthing, Landesbanki und Glitnir inzwischen unter staatlicher Aufsicht stehen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am traditionsreichen Finanzplatz Zürich gilt eine Notfusion zwischen Credit Suisse und UBS nicht mehr als abwegig. Dabei gehört die UBS noch zu den Adressen, die rechtzeitig vor der jüngsten Verschärfung der Finanzkrise neue Aktionäre, darunter Singapurs Staatsfonds GIC, aufgenommen und so die Kapitalbasis gestärkt hat.

          Misstrauen der Banken untereinander

          Für viele Banken auf der Welt geht es ums nackte Überleben. Nach Daten von Bloomberg haben sie seit Ausbruch der Krise auf Kreditwertpapiere einen Abwertungsbedarf von insgesamt 520 Milliarden Dollar gebucht. Den Löwenanteil davon mussten amerikanische Banken verkraften - an der Spitze die Citigroup mit 55 Milliarden. Die europäischen Banken folgen nicht weit dahinter mit insgesamt 235 Milliarden Dollar an Belastungen - an vorderster Stelle die UBS mit 44 Milliarden Dollar.

          Allein Asiens Banken kommen mit 24 Milliarden Dollar bislang glimpflich davon. Sie sind mit ihrer relativen Stärke als Aktionäre und neue Eigenkapitalgeber in den Banken der westlichen Welt begehrt wie nie zuvor. Auch unternehmenskulturell spannende Verbindungen entstehen: Die japanische Bank Nomura übernimmt weite Teile des Investmentbankings von Lehman, und UFJ Mitsubishi steigt bei Morgan Stanley ein.

          Der Kampf ums Überleben ist ein Ringen der Banken um Kapital. Zunächst ging es um das Abdecken der Wertpapierverluste mit Eigenkapital. Inzwischen hat sich das „Kapitalproblem“ erweitert. Spätestens seit die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli den Leitzins im Euro-Raum auf 4,25 Prozent erhöht hat, sind die Basiszinsen für Fremdkapital im kurzen Laufzeitenbereich für viele Banken unbequem hoch.

          Zwar hat die EZB gemeinsam mit anderen Notenbanken die Zinsen in der vergangenen Woche gesenkt - auf 3,75 Prozent. Doch seitdem der amerikanische Staat Lehman Brothers Mitte September - anders als andere wankende Finanzakteure wie Fannie Mae und Freddie Mac in der Woche zuvor und der Versicherer AIG wenige Tage später - insolvent gehen ließ, hat das Misstrauen der Banken untereinander ein nie dagewesenes Niveau erreicht: Auf dem Interbankenmarkt, auf dem in normalen Zeiten die Banken problemlos Geld handeln, bietet so gut wie keine Bank mehr Geld an - aus Angst, ihr Geschäftspartner werde es nicht zurückzahlen.

          Überdimensioniertes „Kreditersatzgeschäft“

          Die EZB muss aushelfen; nahezu jeden Tag stellt sie Liquiditätsspritzen in dreistelliger Milliardenhöhe bereit. Auch ist die EZB dazu übergegangen, in Auktionen Geld in flexiblen Mengen, aber zum Festzins auszugeben. Zuvor waren die Banken bereit gewesen, kräftige Risikoaufschläge zu zahlen. Doch der Leitzins als Basis ist weiterhin hoch, gemessen am Markt für Staatsanleihen. Dort ist im Euro-Raum Geld mit Laufzeit von zwei Jahren für 3 und für 5 Jahre für 3,5 Prozent zu bekommen - deutlich unter dem Leitzins der EZB von 3,75 Prozent.

          Ein Opfer des ausgetrockneten Interbankenmarktes ist der Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der Anfang Oktober mit staatlicher Hilfe gerettet werden musste. Damit hat die Finanzkrise auch die deutschen privaten Banken erreicht. Das deutsche Bankensystem hatte sich bis dahin als stabil erwiesen. Nur öffentlich-rechtliche Landesbanken wie Sachsen LB, West LB und Bayern LB sowie der Sonderfall IKB/KfW waren zuvor in Schieflage geraten.

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