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Branchen und Märkte (159): Luxus : Pilgerfahrt der Neureichen

Bild: Capgeminni; F.A.Z.-Archiv; Goldman Sachs; Unternehmen; Vontobel Equity Research

Reiche Besucher aus den Golfstaaten stopfen in Paris Löcher, die ausgebliebene Amerikaner und Japaner gerissen haben. Luxushersteller wie Gucci, Louis Vuitton oder Fendi entgehen so einer Krise - der Schlüssel zum Erfolg sind eigene Geschäfte.

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          Der König ist Kunde im kleinen Pariser Filmtheater „Elysées-Biarritz“ in der Nähe der Champs-Elysées - vor allem wenn er aus einem reichen Ölstaat kommt. Kürzlich wollte ein saudischer Prinz einen seltenen Film sehen, der nicht im Programm stand. Das Kino trieb in kurzer Zeit einen Ägypten-Fachmann auf, um den Film zu besorgen. So konnte der Prinz den erbetenen Streifen wie gewünscht um drei Uhr morgens in einer Privataufführung genießen. Schließlich bezahlte er dafür 15.000 Euro, wie Kinodirektor Hugues Piketty berichtet.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Paris scheut derzeit keinen Aufwand, um es den reichen Besuchern aus den Golfstaaten recht zu machen. Selbst das Nobelhotel Fouquet's beschäftigt zusätzliches Personal. „Die Gäste stehen sehr spät auf und gehen spät schlafen“, sagt ein Mitarbeiter der Fünf-Sterne-Herberge. Darauf müsse man sich einstellen. Die Pariser tun es gerne, denn die Besucher aus dem Nahen Osten stopfen die Löcher, die ausgebliebene Amerikaner und Japaner gerissen haben. Die Übernachtungen arabischer Gäste stiegen in diesem Jahr gegenüber 2007 um fast ein Viertel.

          Touristen aus den Golfregionen bringen das Geld

          Die wohlhabenden Paris-Touristen aus den aufstrebenden Volkswirtschaften pilgern natürlich auch gerne zu den Luxustempeln in der Seine-Metropole wie Cartier, Hermès oder Louis Vuitton. Sie sind es, die der ganzen Luxusgüter-Branche derzeit zu einem langen Atem verhelfen, egal ob sie in Europa kaufen oder in der Heimat. „Der hohe Ölpreis wird vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien zu einem bedeutenden Markt für Luxuswaren aus Europa machen“, meint Aktienanalyst René Weber vom Bankhaus Vontobel. Das zeigt sich etwa am stark wachsenden Markt des Uhrenverkaufs, der vor allem Männer zu hohen Ausgaben hinreißt.

          „Uhren sehen Männer als ein Mittel, um sich zu differenzieren“, meint die Analystin Tamare Evren von der französischen Bank Natixis. Schweizer Uhren-Exporte in die Golfregion sind im vergangenen Jahr um 26 Prozent und in diesem Jahr bis April um 41 Prozent gewachsen. Heute machen der Nahe und Mittlere Osten schon fast 9 Prozent aller Uhren-Ausfuhren aus der Schweiz aus. Besonders wertvolle Modelle kommen dort gut an. Im Durchschnitt gibt ein Kunde aus der Golfregion 3373 Schweizer Franken (2160 Euro) für eine Uhr aus. Nur Käufer aus Singapur sind noch großzügiger.

          Von Einbruch keine Spur

          So machen die Luxuswaren-Hersteller derzeit eine neue Erfahrung: Trotz drohender Rezession in Europa und den Vereinigten Staaten laufen die Geschäfte gut. Ist die einst als äußerst zyklisch geltende Branche konjunkturunempfindlich geworden? Die Börsenkurse der dreizehn europäischen Unternehmen im Branchenindex von Bloomberg sind zwischen Jahresanfang und Mitte Juli zwar um fast ein Drittel gefallen. Das erinnerte viele schon an die Krise in den Jahren 2001 bis 2003, als nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten zusätzlich die Lungenkrankheit Sars den Tourismus einbrechen ließ und damit auch die Luxusbranche schwer belastete.

          Doch diesmal sind weder Umsätze noch Gewinne abgestürzt. Das wird den Anlegern zunehmend klar. Und so haben die Kurse seit Mitte Juli rund ein Drittel des Verlustes seit Jahresanfang wieder aufgeholt. Auslöser war das Flaggschiff LVMH mit seinen sechzig verschiedenen Marken, das im Juli überraschend gute Halbjahresergebnisse vorlegte. Gucci und Hermès legten in der vergangenen Woche nach. Besonders erstaunlich ist, dass auch in Europa und in den Vereinigten Staaten die Absätze weiter wachsen. „Die Reichen sind eben weiter reich“, sagt Analystin Evren. LVMH etwa habe mit vielen seiner Marken eine konjunkturempfindliche Käuferschicht erreicht. Selbst im Konzernbereich Wein & Spirituosen, wo LVMH am Jahresanfang die Preise anhob, ging das Geschäft im zweiten Quartal wieder bergauf. Alle anderen Segmente erreichten im ersten Halbjahr ein zweistelliges organisches Umsatzwachstum. Der operative Gewinn stieg trotz ungünstiger Währungsentwicklung um 7 Prozent auf mehr als 1,5 Milliarden Euro, was zu der komfortablen Umsatzrendite von 20 Prozent führt. „Krise, welche Krise?“, fragten die Analysten von Natixis.

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