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Branchen und Märkte (144) : Schatzsuche im Müll

Bild: F.A.Z.

Mit Altpapier und Schrott verdienen die Entsorger prächtig und ein Ende der steigenden Nachfrage ist nicht abzusehen. An den Haushalten geht die Hausse dieser Rohstoffe vorbei. Sie zahlen hohe Gebühren. Das dürfte sich ändern.

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          Müll wird zur neuen Rohstoffquelle. Seit die Energie- und Rohstoffpreise explodieren, erreicht die Schatzsuche im Abfall einen neuen Höhepunkt. Ob Altpapier, Metalle, Glas oder Altholz: Die Preise scheinen nur noch den Weg nach oben zu kennen. Nur die privaten Haushalte sehen vom Goldrausch bisher wenig. Sie zahlen weiterhin hohe Gebühren, entweder direkt an ihre Kommune oder versteckt in den Preisen für Milchtüten und Zahnpastatuben. Das könnte sich ändern, glaubt der Abfallwissenschaftler Klaus Wiemer von der Universität Kassel. Er rechnet damit, dass es schon bald kostenlose Entsorgungsmöglichkeiten geben wird und die Haushalte in absehbarer Zukunft für ihren Müll sogar kassieren werden.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Dass diese Hoffnung weniger utopisch ist, als sie klingt, zeigt der in manchen Städten entbrannte Kampf um das Altpapier. Die blauen Papiertonnen werden knapp, weil immer mehr private Müllunternehmen ihre eigenen Behälter an die Straßen stellen wollen. Das ist vor allem in Städten lukrativ, die bisher nur zentrale Sammelcontainer aufgestellt und keine Papiertonnen an die privaten Haushalte verteilt haben. „Angesichts der großen Nachfrage nach Altpapier können wir uns den Luxus veralteter Erfassungssysteme nicht mehr leisten“, sagt Burkhard Landers, Präsident des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). Bis zu 100 Euro gibt es für eine Tonne Altware, doppelt so viel wie vor zwei Jahren. Fast 16 Millionen Tonnen sind in Deutschland 2007 verarbeitet und verbraucht worden - so viel, dass zum ersten Mal seit dreißig Jahren Nettoimporte von Altpapier notwendig wurden.

          Altpapier wird weltweit nachgefragt

          Je nach Marktlage gehen aber auch große Mengen ins Ausland, vor allem nach China. „Altpapier ist ein weltweit nachgefragter und begehrter Sekundärrohstoff“, sagt Landers. Die Kommunen wehren sich vor Gericht gegen die private Konkurrenz - bisher vergeblich. Jetzt rufen sie nach der Politik, weil die „Rosinenpickerei“ die funktionierenden kommunalen Entsorgungssysteme aushöhle. Ohne die Einnahmen aus lukrativen Wertstoffen seien höhere Gebühren für den Restmüll zu befürchten und die umweltgerechte Entsorgung nicht zu gewährleisten, gab der Deutsche Städte- und Gemeindebund zu bedenken.

          Der Bundesverband der Entsorgungswirtschaft (BDE) hält dagegen. Es gebe einen funktionierenden Markt, das Argument der Daseinsvorsorge ziehe nicht, sagte ein BDE-Sprecher. BVSE-Präsident Landers hält die Warnungen vor Gebührensteigerung für vorgeschoben. Schließlich seien die Gebühren nicht gesenkt worden, um die Gewinne aus steigenden Altpapiererlösen weiterzugeben.

          Verrückt nach Metallschrott

          Noch rasanter klettern die Preise für Metallschrott. „Der Markt ist momentan außer Rand und Band“, sagt Landers. „Der weltweite Bedarf der Stahlwerke treibt die Preise in einer nie gekannten Geschwindigkeit in die Höhe.“ Der Zinnpreis hat sich seit 2006 verdreifacht, Stahlschrott ist allein in diesem Jahr um 30 Prozent teurer geworden. Der Vorstandschef des Kölner Recyclingunternehmens Interseroh AG, Johannes Jürgen Albus, rechnet noch in diesem Monat mit einem neuen Allzeithoch von mehr als 300 Euro je Tonne Schrott.

          Zusammen mit dem Familienunternehmen Scholz aus Essingen und der TSR-Gruppe, die jetzt dem Entsorger Remondis aus Lünen gehört, dominiert der Kölner Konzern den Markt. Die Geschäfte laufen prächtig: Im vorigen Jahr hat Interseroh, der einzige börsennotierte deutsche Entsorgungskonzern, einen Rekordumsatz von 1,75 Milliarden Euro erzielt. Bis 2010 sollen es 2,5 Milliarden Euro werden. Aber die Entwicklung ist nicht ohne Risiken. Denn der Schrottmarkt ist schwankungsanfällig, die Vertragslaufzeit mit den Stahlwerken in der Regel sehr kurz.

          Florierender Markt für Recyclingprodukte

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