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Branchen (2): Bauwirtschaft : Zwei Schweden, fünf Franzosen und 40 Deutsche

Bild: F.A.Z.

Es gibt nur wenige große Baukonzerne in Deutschland - die Branche ist in eine Vielzahl kleinster Firmen atomisiert, denen der Niedergang droht. Im Ausland dagegen arbeiten die großen und mittelständischen Bauunternehmen erfolgreich.

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          Auf den ersten Blick ist die deutsche Baubranche der Verlierer unter den wichtigen deutschen Wirtschaftszweigen. Nach zehn Jahren Talfahrt werden aller Voraussicht nach auch 2005 Umsätze und Beschäftigung sinken.

          Michael Psotta
          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Damit ist der Bau eine der Ursachen für die Wachstumschwäche Deutschlands: Wissenschaftler haben errechnet, daß die deutsche Wachstumsrate mit einer Bautätigkeit auf dem Niveau der frühen neunziger Jahre um mehr als einen halben Prozentpunkt höher läge.

          750.000 Beschäftigte

          Andererseits lahmt die Branche gerade wegen der schlecht laufenden Wirtschaft. Es fehlen Erweiterungsinvestitionen der deutschen Unternehmen und damit Aufträge für neue Fabrikbauten. Es fehlt an Kaufkraft und am Zukunftsvertrauen potentieller privater Bauherren, so daß der Bau von Eigenheimen selten geworden ist. Und es fehlt an öffentlichen Mitteln, weshalb weniger in Straßen, Schulen oder in das Kanalwesen investiert wird. Es deutet nichts darauf hin, daß sich diese Entwicklung in absehbarer Zeit wieder umkehrt. Zum Branchenbild paßt, daß zwei der prominentesten Pleiten der vergangenen Jahre in der Bauwirtschaft stattfanden: Holzmann und Walter Bau.

          Neben Hochtief und - mit Abstrichen - Bilfinger Berger weist die früher stolze und kraftstrotzende Branche heute keine größeren Konzerne mehr auf, wenn man von der in österreichischem Besitz befindlichen Strabag einmal absieht. Vielmehr atomisiert sich die Bauwirtschaft in eine Vielzahl kleiner und kleinster Anbieter. Obwohl sich die Zahl der Beschäftigten seit 1995 von mehr als 1,4 Millionen auf 750.000 fast halbiert hat, liegt die Zahl der Bauunternehmen wie vor zehn Jahren noch immer bei knapp 80.000. Darin spiegelt sich zum einen, daß kleine, handwerklich orientierte Anbieter in Nischen wie bei der Sanierung von Altbauten durchaus erfolgreich überlebt haben. Zum anderen aber wirft die Entwicklung ein Schlaglicht auf die Schwarzarbeit. Viele Baufirmen bestehen nur noch aus wenigen deutschen Führungskräften, die bei Bedarf Kolonnen billigerer Kräfte aus dem Ausland anheuern.

          „Immer diesselben Unternehmen“

          Das wiederum hängt damit zusammen, daß die Baubranche der Vorreiter bei den Mindestlöhnen war, die bereits seit 1997 den deutschen Arbeitsmarkt vor der Billigkonkurrenz abschotten sollen. Selbst der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, der zu den Befürwortern des Mindestlohns gehört, räumt ein, daß dieses Instrument die Schwarzarbeit beflügelt hat. Der erste Blick zeigt also ein Bild des bejammernswerten Niedergangs, zumal es kaum Anzeichen für Besserung gibt. Und dennoch herrscht auf dem deutschen Bau keineswegs nur Tristesse. Das liegt am Auslandsgeschäft.

          Dort sind keineswegs nur die beiden Marktführer Hochtief und Bilfinger Berger erfolgreich. Vielmehr weist Deutschland eine Fülle von Mittelständlern auf, die zum Teil äußerst erfolgreich in aller Welt agieren. Damit unterscheidet sich die deutsche Branche stark von der Konkurrenz. „Es sind immer dieselben Unternehmen aus Europa, die sich um große Auslandsaufträge bewerben: zwei Schweden, fünf Franzosen und 40 Deutsche“, sagt Klaus-Dieter Ehlers, Vizepräsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie und Repräsentant von Bilfinger Berger.

          Stärke des deutschen Baus

          Zu den international ausgerichteten deutschen Mittelständlern gehört der Fassadenbauer Josef Gartner GmbH aus dem bayerischen Gundelfingen, der zum Beispiel die Außenwände des mit gut 500 Meter derzeit höchsten Gebäudes der Welt gestaltet hat, des Wolkenkratzers Taipeh 101 in Taiwan. Die technische Herausforderung bestand darin, das Gebäude gegen häufig auftretende Erdbeben zu schützen. Die meisten Bürotürme Frankfurts tragen die Handschrift von Josef Gartner, der im Fassadenbau zu den Führenden der Welt zählt.

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