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Branchen (135): Musikindustrie : Plattenkonzerne in der Endzeit

Bild: F.A.Z.

Superstars wie Madonna nabeln sich von den Tonträgerherstellern ab. Die sondieren Allianzen mit den Geräteherstellern - verzweifelt auf der Suche nach einer Zukunft. Eines ist sicher: Die CD hat ausgedient.

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          Es war der PR-Coup des Jahres: Dass Radiohead, die britische Kultband der neunziger Jahre, nach jahrelanger Pause im vergangenen Oktober ein neues Album veröffentlichten, war für ihre Fans allein schon eine freudige Nachricht. Doch die meisten Schlagzeilen machten Radiohead damit, dass ihr neues Werk „In Rainbows“ zunächst gar nicht auf CD oder in Apples Online-Musikladen iTunes zu haben war, sondern nur auf der Homepage der Musiker www.radiohead.com.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Besondere daran: Die Fans konnten selbst entscheiden, wieviel sie für die neuen Lieder ihrer Band bezahlen wollten. Der britische Musikkonzern EMI, über den Radiohead früher ihre Musik vertrieben haben, ging leer aus. Auch als die Popstars im gesetzten Alter zwei Monate später „In Rainbows“ als CD und Vinylplatte mit normalem Preisschild in den Musikhandel brachten. Radiohead kooperierten lieber mit einem kleinen unabhängigen Vertrieb.

          Die eigene Marke

          Radiohead ist nur eines von mehreren Beispielen für einen neuen Trend im Musikgeschäft. Radikaler als im vergangenen Jahr haben sich vor allem ältere Künstler mit fester Fangemeinde noch nie von der darbenden Plattenindustrie losgesagt. Anders als Nachwuchsmusiker, die sich erst noch einen Namen machen müssen, sind die Altstars weniger auf das Marketing der Plattenkonzerne angewiesen. Sie sind ihre eigene Marke.

          Madonna etwa hatte keine Lust mehr auf einen neuen Vertrag mit ihrer Plattenfirma Warner Music und unterschrieb lieber einen Vertrag mit dem weltgrößten Konzertveranstalter Live Nation. Das Kalkül des Superstars: Mit Konzerten ist mittlerweile ohnehin mehr Geld zu verdienen als mit Tonträgern. Eine Maxime, nach der die Rockopas von den Rolling Stones schon seit vielen Jahren ihr Vermögen mehren.

          Solidarität der Fans

          Genauso sieht das auch Pop-Oldie Prince, der sein neues Album kostenlos einer englischen Sonntagszeitung beilegte - als Promotion für den Konzertkartenverkauf. Seine Plattenfirma Sony-BMG hat der exentrische Musiker vorab erst gar nicht über seinen Coup informiert. Doch für den Sänger ging die Rechnung auf. Der Medienrummel um sein verschenktes Album war gigantisch. Prince spielte im Sommer in London 21 ausverkaufte Stadion-Konzerte. Das hat vor ihm noch niemand geschafft.

          Ob freilich das von Radiohead erprobte Geschäftsmodell, die Fans selber den Preis festlegen zu lassen, aufgeht, ist unklar. Die Selbstvermarktungsidee klingt bestechend, weil sie an die Solidarität der Fans zu ihren Idolen appelliert: Wer sich die Musik kostenlos aus dem Internet zieht, bestiehlt nicht eine anonyme Plattenfirma, sondern die Musiker selbst. Doch Radiohead will bisher keine Zahlen darüber veröffentlichen, wieviel die Fans nun im Schnitt wirklich zu zahlen bereit waren.

          Man ist auf Schätzungen angewiesen, und die sind nicht vielversprechend. Das Marktforschungsunternehmen Comscore kalkuliert, dass mehr als 60 Prozent der Besucher auf der Radiohead-Seite nicht mehr als die obligatorische minimale Kreditkartengebühr bezahlen wollten. Andere Markbeobachter kommen zu ähnlich ernüchternden Ergebnissen. Die Band weist dies zwar als „rein spekulativ“ zurück, schweigt sich aber aus.

          Krisensymptome in der Musikindustrie

          Die neue Absetzbewegung der Superstars von den Plattenkonzernen ist nur das jüngste Krisensymptom in der Musikindustrie. Die Umsatzträger reagieren damit auf die wachsende Sparsamkeit bei den Konzernen. Plattenverträge mit üppigen Garantievorschüssen auf zukünftige Alben in zweistelliger Millionenhöhe, wie sie noch vor wenigen Jahren für Topkünstler üblich waren, fallen heute meist deutlich moderater aus. Denn schon seit einem Jahrzehnt kämpft die Branche mit einem übermächtigen Gegner: dem Internet. 1998 programmierte der amerikanische Student Shawn Fenning ein Programm, um Musikstücke einfach und kostenlos über das weltweite Netz auszutauschen. Napster wurde die erste Musiktauschbörse der Welt.

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