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Branchen (132): Zeitarbeit : Drohender Rückfall

Bild: F.A.Z.

Die Zeitarbeit schafft Arbeitsplätze wie kaum eine andere Branche. Doch das kann sich bald ändern, denn dem Geschäft mit der Arbeitnehmerüberlassung droht eine neue Regulierung durch den Gesetzgeber.

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          Der jüngste Coup ist ein paar Tage her. In der vergangenen Woche gab der niederländische Konzern USG People die Übernahme des Zeitarbeitsgeschäftes der Allgeier Holding aus München bekannt. „Damit wird unsere Position auf dem schnell wachsenden deutschen Markt gestärkt“, kommentierte Ron Icke, der Vorstandsvorsitzende von USG People, den 175 Millionen Euro teuren Zukauf.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Zusammengenommen setzten beide Unternehmen in Deutschland im Jahr 2006 fast 270 Millionen Euro um mit rund 10.000 Zeitarbeitern. „USG meint es ernst in Deutschland“, lautet die Einschätzung von Hartmut Lüerßen, Partner des Marktforschungsinstituts Lünendonk. Im vergangenen Jahr hatten die Niederländer, der fünftgrößte Anbieter der Welt, ihre Markenstrategie geändert und schon angekündigt, in Deutschland auf Einkaufstour gehen zu wollen, um sich unabhängiger zu machen von den Heimatmärkten in den Benelux-Ländern.

          Kopf-an-Kopf-Rennen um die deutsche Marktführerschaft

          Für Lüerßen ist die jüngste Übernahme ein Zeichen dafür, dass strategische Übernahmen den weiteren Konsolidierungsprozess bestimmen werden. Nach den Turbulenzen an den Kapitalmärkten im Zuge der amerikanischen Hypotheken- und der damit verbundenen internationalen Bankkrise werde es für Finanzinvestoren schwieriger, die nötigen Mittel bereitzustellen. Die Allgeier Holding, eigentlich ein Spezialist für Informationstechnik-Dienstleistungen, räumt ein, dass der Ausbau des Zeitarbeitsgeschäfts „die finanziellen Möglichkeiten der Gruppe beansprucht“ und den Spielraum für weitere Zukäufe begrenzt hat.

          Ähnlich ist der Fall von Tuja gelagert. Der Schweizer Weltmarktführer Adecco verleibte sich im Sommer vergangenen Jahres für 800 Millionen Euro die Ingolstädter Gruppe ein, die zuvor Finanzinvestoren gehörte. Dadurch stieg der Marktanteil von Adecco in Deutschland von 9 auf 13 Prozent. Tuja ist spezialisiert auf den Verleih von Facharbeitern, vor allem im Automobilgeschäft. Der wichtigste Kunde ist der Hersteller Audi. Damit setzte Adecco seine Einkaufspolitik fort, die vor allem auf Anbieter von qualifizierten Arbeitskräften ausgerichtet ist.

          Ein Jahr zuvor hatten die Schweizer bereits für rund 550 Millionen Euro die auf Ingenieurdienstleistungen spezialisierte DIS AG erworben. Kein geringeres Tempo schlägt der Wettbewerber und Marktführer Randstad an. Nach der Übernahme der Bremer Bindan-Gruppe im Jahr 2006 erwarben die Niederländer im vergangenen Dezember mit Vedior einen der größten Konkurrenten auf dem heimischen Markt. Rechnet man die jeweiligen Neuerwerbungen hinzu, kommen sowohl Adecco als auch Randstad auf einen Jahresumsatz von etwa 1,2 Milliarden Euro und liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Marktführerschaft in Deutschland.

          Lange Zeit ein Entwicklungsland

          Der Markt für Zeitarbeit ist in den vergangenen vier Jahren rasant gewachsen, im Jahresdurchschnitt jeweils um rund 20 Prozent. Auslöser war die Liberalisierung noch unter der rot-grünen Bundesregierung, welche die ehemals strikten Vorgaben für die Leiharbeit auflockerte. Ein Signal, auf das viele internationale Konzerne nur gewartet hatten. Schließlich galt Europas größte Volkswirtschaft in Sachen Zeitarbeit lange als Entwicklungsland. Der Bedarf in der deutschen Wirtschaft war groß.

          Nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes und den folgenden Umstrukturierungsprozessen, die häufig mit Stellenabbau und Kündigungen einhergingen, hielten sich viele Unternehmen zunächst sehr zurück mit Neueinstellungen; auch dann noch, als sich die Wirtschaft zu erholen begann. Oft federte das Management zunehmende Mehrarbeit durch Überstunden oder Zeitarbeiter ab. Neben der Industrie als klassischem Einsatzgebiet gewannen Zeitarbeiter auch in den Dienstleistungszweigen an Bedeutung. Dies änderte sich kaum, als das Vertrauen in die Stabilität des Aufschwungs zunahm. Zeitarbeit ist in vielen Unternehmen ein fester Bestandteil der Personalpolitik geworden.

          Zahl der Zeitarbeiter steigt weiter rasant an

          Seit 2003 hat sich die Zahl der Zeitarbeiter verdoppelt. Zuletzt registrierte die Bundesagentur für Arbeit im Juni vergangenen Jahres 730.000 Arbeitnehmer. Deren Anteil an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten betrug damit 2,4 Prozent, was eine Verdopplung innerhalb von drei Jahren bedeutet. Doch sehen Beobachter noch Potential für weiteres Wachstum. Schließlich erreicht der Anteil in Großbritannien mehr als 5 Prozent. Lünendonk erwartet für dieses Jahr wieder ein Plus im zweistelligen Prozentbereich. Überdurchschnittlich hoch ist die Zahl der Anbieter.

          Sie nahm seit 1997 um 138 Prozent auf 21.000 zu. Darunter sind viele kleine, lokale Anbieter, die Zeitarbeit mitunter nur im Nebengeschäft ausüben. Doch ist auch die Gruppe der hauptgewerblichen Unternehmen noch wesentlich größer als in vergleichbaren europäischen Ländern, wie aus Daten des europäischen Dachverbandes Ciett hervorgeht. In Frankreich ist die Zahl der Marktteilnehmer zum Beispiel nur ein Drittel so groß. Nur in Großbritannien sind es noch mehr. Das heißt, der deutsche Markt ist trotz der Konsolidierung an der Spitze noch stark fragmentiert.

          Berlin redet ein Wort mit

          Das Schicksal des Zeitarbeitsmarktes mit seinen eigentlich guten Perspektiven wird aber auch ein gutes Stück weit durch die Politik bestimmt. Denn die rasante Entwicklung hat auch Kritiker auf den Plan gerufen, allen voran den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Mitgliedsorganisationen. Die Arbeitnehmervertreter haben einst den Plänen des ehemaligen Bundeswirtschafts- und -arbeitsministers Wolfgang Clement (SPD), der heute in Diensten von Adecco steht, zur Deregulierung zugestimmt, was sie heute bereuen. Clement überzeugte die Gewerkschafter wegen hoher Arbeitslosenzahlen von der Bedeutung der Zeitarbeit als Einstiegschance für Geringqualifizierte und erreichte, dass diese einer Aufweichung der Prinzipien von Gleichbezahlung und Gleichbehandlung zustimmten.

          Ersteres besagt, dass ein Zeitarbeitsunternehmen dem Mitarbeiter denselben Lohn zahlen muss wie dem Personal des Unternehmens, an das er verliehen wird. Die Gleichbehandlung sichert dem Leiharbeiter dieselben Arbeitsbedingungen zu. Die Novelle des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes im Jahr 2004 ermöglichte es, von diesen Grundsätzen abweichende Regelungen in Tarifverträgen zu treffen. Die Unternehmen machten von dieser Ausstiegsklausel begeistert Gebrauch, was zu einer Tarifbindung der Branche von 95 Prozent geführt hat.

          „Den Jobmotor bloß nicht abwürgen“

          Doch nicht für alle gilt das von den DGB-Gewerkschaften mit zwei Arbeitgeberverbänden ausgehandelte Tarifwerk. Durch den Vertrag der Christlichen Gewerkschaften und eines dritten Arbeitgeberverbands kommt es in der Zeitarbeit zu einer Tarifkonkurrenz. Während der DGB-Vertrag Einstiegslöhne von 7,15 Euro in West- und 6,22 Euro in Ostdeutschland vorsieht, sind es im anderen Fall 7 Euro beziehungsweise 5,77 Euro. Dies bezeichnet der DGB als „Dumpinglöhne“ und fordert daher, den von ihm mit seinen Tarifpartnern abgeschlossenen Mindestlohntarifvertrag für allgemeinverbindlich zu erklären, der Lohnuntergrenzen von 7,31 Euro und 6,36 Euro vorsieht.

          Ein entsprechender Antrag liegt dem Bundesarbeitsministerium seit 2006 vor. In den kommenden Wochen will der DGB den Druck erhöhen. Am liebsten wäre dem Dachverband jedoch die Wiedereinführung der alternativlosen Gleichbezahlungsregelung. Eine Idee, die auch auf Zustimmung des europäischen Sozialkommissars Vladimír Spidla stößt. Doch dagegen laufen die Arbeitgeber geschlossen Sturm. „Man darf den Jobmotor jetzt nicht abwürgen“, warnt stellvertretend Thomas Reitz, Geschäftsführer von Manpower Deutschland, den Gesetzgeber vor einem Rückfall in Zeiten der Überregulierung.

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