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Branchen (127): Reedereien : Auf Schleichfahrt

Bild: F.A.Z.

Der Aufschwung in der Container-Schifffahrt ist ungebrochen. Doch die Treibstoffkosten haben sich verdoppelt. Die Reeder halten dagegen: Sie drosseln das Tempo der Schiffe.

          Wenn Schiffe getauft werden, greifen oft Frauen zur Flasche. So mancher Reederei-Chef lässt Ehefrau oder Tochter die Champagnerflasche gegen die Schiffswand scheppern. Für den Bremer Reeder Niels Stolberg indes machte sich die Erste Dame des Landes, die Ehefrau von Bundespräsident Horst Köhler, ans Werk. Am 15. Dezember taufte Eva Luise Köhler Stolbergs neues Frachtschiff auf den Namen „Beluga Skysails“. Der Name verrät, dass es sich bei diesem Schiff nicht um ein gewöhnliches Fortbewegungsmittel zu Wasser handelt. Der Frachter kann am Bug einen 160 Quadratmeter großen Zugdrachen steigen lassen. Dank der so einzufangenden Windkraft soll das Schiff 10 bis 15 Prozent weniger Treibstoff verbrauchen. „In vier Monaten werden wir einen doppelt so großen Drachen hissen. Dann steigt das Einsparpotential auf 20 bis 30 Prozent“, sagt Stolberg.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Diese technische Innovation, so sie denn wirklich funktioniert, kommt zur rechten Zeit auf den Markt. Denn der Ölpreisanstieg schlägt in der Schifffahrt schwer ins Kontor: „Im vergangenen Jahr haben sich die Treibstoffkosten nahezu verdoppelt“, sagt Hans-Heinrich Nöll, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder (VDR). Nach Angaben des Germanischen Lloyd werden mittlerweile 63 Prozent der Gesamtkosten eines Schiffes mit 8000 Standard-Containern Ladevolumen durch Treibstoff verursacht. Vor drei Jahren lag diese Quote nur bei einem Drittel. Daher treten die Reeder jetzt kräftig auf die Bremse. „Alle großen Linien-Reeder lassen ihre Schiffe inzwischen langsamer fahren“, sagt Axel Steffen, Geschäftsführer der Hamburger Schifffahrtsgruppe Hansa Treuhand. Dabei entfaltet schon ein kleiner Bremseffekt große Wirkung: „Wenn die Schiffe das Tempo in der Spitze um 10 Prozent drosseln, sparen sie rund 30 Prozent Treibstoff“, erläutert Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremen.

          Bremsen hat Vorteile

          Die „Schleichfahrt“ über die Sieben Meere beschert ganz nebenbei noch einen anderen Vorteil: Sie verringert die Gefahr von Überkapazitäten. Wegen der zunehmenden Arbeitsteilung in der Welt und dem rasanten Aufschwung Chinas herrscht seit Jahren eine enorme Nachfrage nach Transportleistungen auf See. Allein 2007 dürfte der Containerverkehr um 11 Prozent gestiegen sein, schätzt Lemper. Weil der Welthandel leicht an Dynamik verliere, werde der Markt in diesem Jahr etwas langsamer wachsen. Dennoch erwartet der ISL-Experte ein Wachstum von rund 10 Prozent.

          Allerdings steigt auch das Transportangebot: „Bis 2010 gehen 120 bis 130 Schiffe neu in Dienst, die jeweils mehr als 9000 Standard-Container laden können“, sagt Peter Rieck, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des größten Schiffsfinanzierers der Welt, der HSH Nordbank in Hamburg. Für dieses Jahr rechnet Lemper mit einem Kapazitätswachstum von rund 14 Prozent. Das leichte Überangebot an Schiffsraum dürfte durch die Langsamfahrerei etwas kompensiert werden. Denn wenn der Transport einer Ware länger dauert, müssen mehr Schiffe auf große Fahrt geschickt werden.

          Stau im Hafen

          Auch die zunehmende Verstopfung der Häfen, deren Ausbau mit dem enormen Wachstum des Container-Umschlags nicht mithält, grenzt die Gefahr von Überkapazitäten ein. Denn wenn Schiffe tagelang auf Reede liegen und auf die Entladung warten müssen, wird Tonnage gebunden. Auf Dauer sind die Engpässe in den Häfen und die Defizite in der Infrastruktur im Hinterland besorgniserregend: „Wenn es keine Lösung gibt, kann das bremsend wirken“, warnt Lemper.

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