https://www.faz.net/-gqe-vzrj

Branchen (124): Versicherungen : Profitabel in die Krise

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Wenn es nur um die kurzfristige Ertragskraft ginge, stünden die Versicherer glänzend da. Doch die Wachstumsschwäche lässt ahnen, wie schmerzhaft der nächste Abschwung wird. Die Unternehmen bauen vorsorglich Personal ab und tauschen ihre Manager aus.

          4 Min.

          Es gibt ihn noch, den Idealtypus der deutschen Versichererkarriere. Zumindest im beschaulichen Koblenz. Dort ist Debeka-Vorstand Herbert Grohe gerade in den Ruhestand gegangen, pünktlich zum fünfzigjährigen Dienstjubiläum. Früher war solche Beständigkeit die Regel, heute nicht mehr. Die Gothaer zum Beispiel beschäftigt den dritten Vertriebsvorstand innerhalb von drei Jahren. Noch etwas schneller ist der Wechseltakt bei der Inter Versicherung. Der für die Versicherer wichtige Finanzvertrieb MLP hat seinen vorletzten Vertriebschef schon nach neun Monaten ausgetauscht. Und die Liste ließe sich verlängern, zum Beispiel um die geschassten Vorstände der Ergo-Gruppe, des Erstversicherers der Münchener Rück. Früher seien Karrieren von der Lehre bis zum Generaldirektor bei einem Arbeitgeber keine Seltenheit gewesen, schwärmt die Fachzeitschrift „Versicherungswirtschaft“, „jetzt wechseln die Vorstände teilweise in rasendem Tempo“.

          Mit der Ertragslage lässt sich die zappelige Personalpolitik nicht erklären. Die Allianz zum Beispiel, der größte deutsche Versicherungskonzern, in Europa gleichauf mit der französischen Axa an Nummer eins, eilt von einem Rekordgewinn zum nächsten. Im vergangenen Jahr verdiente das Münchener Unternehmen nach Steuern 7 Milliarden Euro, in diesem Jahr sollen es 8 Milliarden Euro werden, und für die Zeit danach hat sich der Vorstandsvorsitzende Michael Diekmann Steigerungsraten von 10 Prozent vorgenommen. Ursache für die wachsenden Gewinne in der Branche ist eine Kombination aus Kostensenkungen und hohen Margen.

          Autoversicherungen sind der Türöffner

          Das Geschäft der Versicherer ist vor allem in der Sparte Schaden und Unfall zyklisch. Nach schadenreichen Jahren steigen die Preise für Versicherungsschutz. Die hohen Gewinne locken neue Anbieter auf den Markt, wodurch dann die Preise unter Druck geraten. So verläuft auch jetzt der Zyklus. Die Preise fallen bereits, sind aber noch mehr als auskömmlich.

          Selbst in der Autoversicherung wird gutes Geld verdient. Deutsche Versicherungsmanager behaupten zwar gern, wegen des scharfen Wettbewerbs lasse sich in dieser Sparte, die mit jährlichen Prämieneinnahmen von knapp 21 Milliarden Euro für die Branche besonders wichtig ist, kein Geld verdienen. Man mache das Geschäft vor allem deshalb, weil es beim Kunden Türöffner für lukrativere Verträge sei. Doch das ist ein Märchen: Die Preise fallen zwar seit einigen Jahren, und erstmals seit 2002 erwirtschaften die Autoversicherer wieder einen technischen Verlust - auf 100 Euro Prämien kommen in diesem Jahr rund 101 Euro an Aufwendungen für Schäden und Kosten -, aber in dieser Rechnung sind die Erträge aus Kapitalanlagen nicht berücksichtigt. Die Autoversicherer haben hohe Schadenreserven und können deshalb Summen anlegen, die etwa dem Zweifachen der Jahresprämie entsprechen. Operativ können viele Autoversicherer deshalb noch mit Schaden-Kosten-Quoten von mehr als 110 Prozent profitabel wirtschaften. Rechnet man die von den Eigentümern veranschlagten Kapitalrenditen ein, dürften bei den meisten Gesellschaften selbst Werte von 107 oder 108 Prozent erträglich sein.

          Direktversicherer geben Impulse

          Woher rührt also die Nervosität? Zum einen drängen neue Anbieter auf den Markt. In der angeblich so umkämpften Autoversicherung will sich der britische Direktversicherer Admiral einen Teil des Kuchens sichern. Die Hannoversche tritt als neuer Anbieter auf, die Zurich betreibt neuerdings einen europaweiten Direktversicherer. Die wachsende Konkurrenz beunruhigt umso mehr, als die Prämieneinnahmen in der Sachversicherung schrumpfen. Die Einnahmen der privaten Krankenversicherer wachsen nur deshalb, weil die Kosten des Gesundheitssystems zunehmen, und diese Kostensteigerungen dürfen die Versicherer an ihre Kunden weiterreichen. Und auch die einzige Wachstumshoffnung, die Lebensversicherung, lahmt. Die Versicherer hoffen auf wachsendes Geschäft mit privater Altersvorsorge. Doch die Kundschaft hält sich zurück. Lediglich die staatlich geförderten Sparprodukte, Riester- und Rürup-Renten, verzeichnen nennenswerte Zuwächse. Der ehemalige Ergo-Vorstand Kurt Wolfsdorf wirft der Branche vor, dass ihre Produkte austauschbar seien.

          Weitere Themen

          Dax auf Erholungskurs Video-Seite öffnen

          Optimismus an der Börse : Dax auf Erholungskurs

          Nach den jüngsten Kursverlusten nutzen Anleger die Gelegenheit zum Wiedereinstieg in den deutschen Aktienmarkt. Der Dax stieg zur Eröffnung am Montag um 0,6 Prozent auf 15.631 Punkte. Experten sehen gute Chancen, dass sich das Aktienbarometer wieder in Richtung Allzeithoch bewegt.

          Topmeldungen

          
              Die Zeit am Rebstock ist vorbei:   Ein Erntehelfer erntet reife Trauben von einer Weinrebe.

          Neues Weingesetz : Krach im Weinberg

          Das neue Weingesetz ist beschlossen, der Streit unter den Winzern geht weiter. Die Genossenschaften treten aus dem Deutschen Weinbauverband aus. Es geht auch um die Frage: Was definiert die Qualität?

          Besuch in Flutgebieten : Laschet erlebt die Wut

          Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen besucht Orte, die hart von der Flut getroffen wurden. Da entlädt sich der Ärger von Betroffenen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.