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BP-Chef Hayward : So unbeliebt wie der Toyota-Chef

In der Nähe von Venice, Louisiana, überwacht der BP-Chef die Operation „Top Kill” Bild: AP

Die Ölpest hat ihn auf die Liste der meistgehassten Topmanager gebracht. Dabei wollte Tony Hayward so gerne der Saubermann sein. Am Golf von Mexiko steht nicht nur die Existenz der BP auf dem Spiel, sondern auch die berufliche Zukunft des Briten.

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          Der Kriseneinsatz am Golf von Mexiko hinterlässt bei Tony Hayward sichtlich Spuren. Emotional aufgewühlt und übermüdet wirkt der Chef von British Petroleum (BP) im amerikanischen Fernsehen. Sein trotziger Auftritt vor den Kameras, meist in offenem Hemd und mit zerzausten Haaren, suggeriert dem Publikum, dass hier ein Topmanager mit englischem Akzent nach Kräften versucht, durch höchstpersönliches Eingreifen das Öko-Desaster abzuwenden, das nach dem Untergang der Ölplattform „Deepwater Horizon“ droht.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vorbei die Zeiten, in denen der 53 Jahre alte Brite Mitarbeiter oder Geschäftspartner mit seinem jugendlichen Charme und bubenhaften Lächeln für sich gewinnen konnte. Stattdessen ziehen jetzt Schock und Betroffenheit tiefe Furchen durch sein Gesicht: „Ich bin erschüttert über das Ausmaß der Ölpest“, beschrieb Hayward mit versteinerter Miene seine Eindrücke nach einem Besuch an den von schwarzem Schlick verseuchten Stränden von Alabama und Florida.

          An die Fischer und Hoteliers, die um ihre Existenz oder hohe Verdienstausfälle fürchten, wendet sich der rastlose Manager in der Manier eines reumütigen Musterschülers: „Ich kann verstehen, dass sich viele Menschen hier in der Region von uns im Stich gelassen fühlen.“

          Es geht um alles oder nichts

          Für Hayward, der inzwischen im „Ramada Inn Hotel“ in Houma, Louisiana, Quartier bezogen hat, geht es am Golf von Mexiko um alles oder nichts. Dort steht nicht nur die Existenz des - hinter Shell - zweitgrößten Ölproduzenten in Westeuropa auf dem Spiel, sondern auch die berufliche Zukunft des britischen Vorzeigemanagers. Noch vor wenigen Monaten an der Londoner Börse als erfolgreichster Konzernlenker der heimischen Industrie gefeiert, muss Hayward jetzt die Folgen des größten Ölunfalls in der BP-Geschichte in den Griff kriegen. Es ist ein Unfall, der mit Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe nicht nur die Grundfesten des britischen Traditionskonzerns erschüttern, sondern auch das Ökosystem der Vereinigten Staaten über Jahrzehnte belasten dürfte.

          Seit im April die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ explodierte, 11 Arbeiter tötete und im Meer versank, schießen nach bisherigen Angaben angeblich jeden Tag mehr als 5.000 Barrel Öl ins Meer. Ein Barrel entspricht 159 Litern. Das Ausmaß der Katastrophe ist allerdings noch weitaus größer als bisher angenommen. Die amerikanische Regierung meldete soeben, dass in den Golf von Mexiko bislang schon 85 Millionen Liter Öl geflossen seien. Das ist mehr als das Doppelte des Schadens, den 1989 der Unfall des Öltankers „Exxon Valdez“ vor der Küste Alaskas verursachte. Andere Schätzungen taxieren die Größe des Ölpest sogar auf 300 Millionen Liter Öl. Genaues weiß niemand.

          Alle Versuche scheiterten

          Angesichts der Drohkulisse am Golf ist Haywards Ansehen im Londoner Finanzdistrikt rapide gesunken. Seit der Explosion der Bohrinsel vor sechs Wochen verlor der BP-Konzern rund 30 Milliarden Pfund an Börsenwert. Die Kosten für Rechtsstreitigkeiten mit Aktionären, ehemaligen Geschäftspartnern oder die Folgekosten für die Schäden dürften mit einem weiteren Milliardenbetrag zu Buche schlagen. Für Hayward, der im Mai 2007 offiziell die Geschäftes seines legendären Amtsvorgängers John Browne übernahm, ist das ein gewaltiger Schlag ins Kontor. Dabei lief für ihn alles so gut. Über lange Zeit war BP der wertvollste Börsenwert Großbritanniens. Und trotz Wirtschaftskrise und zeitweise gefallenen Energiepreisen wies der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 14 Milliarden Dollar aus. In den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres erreichte dieser Wert immerhin 6 Milliarden Dollar.

          Um die Erosion von Gewinn und Börsenwert zu stoppen, kämpft Hayward jetzt an vielen Fronten. Doch alle Versuche der 2500 von BP angeheuerten Spezialisten, die drei Lecks in 1500 Meter Tiefe abzudichten, scheiterten. Jetzt soll mit der „Top Kill“-Methode der Befreiungsschlag gelingen. Seit Tagen pumpen BP-Techniker in einem komplexen Verfahren so lange Schlamm in die Bohrlöcher, bis kein Öl mehr austritt. Dann werden die so gestopften Lecks mit Spezialbeton versiegelt. Erste Rückmeldungen, ob Haywards riskantes Manöver erfolgreich ist, werden am heutigen Sonntag erwartet.

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