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Johnson und die Wissenschaft : Die Angst der Forscher vor dem Brexit

Proeuropäer diskutieren an der Universität in Oxford Bild: Markus Theurer

„Wissenschaftler sind keine Idioten“ – britische Nobelpreisträger halten wenig von der Brexit-Politik von Premierminister Johnson. Doch der umgarnt sie mit Geld-Versprechen und will sogar die Visaregeln lockern.

          Auch nach dem Austritt aus der EU soll Großbritannien nach den Worten von Premierminister Boris Johnson eine „globale wissenschaftliche Supermacht“ bleiben. Der Premier versucht, die an den Universitäten und in Forschungseinrichtungen grassierende Angst vor dem Brexit zu zerstreuen: Viele Wissenschaftler fürchten, von EU-Forschungsprogrammen abgeschnitten zu werden und weniger europäische Forscher ins Land holen zu können. Johnson will diese Sorgen lindern.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Bei einem Besuch des Culham Science Centre in Oxfordshire, einem Forschungsinstitut zur Kernfusion, kündigte er vergangene Woche gelockerte Visa-Bedingungen für Wissenschaftler an. Die Obergrenze von 2000 Visa in der obersten Stufe für „außergewöhnliche Talente“, die seine Vorgängerin Theresa May eingeführt hatte, wird aufgehoben. Und für die Top-Wissenschaftler soll es künftig Express-Visa geben. Insgesamt vermittelt die Johnson-Regierung den Eindruck, dass sie keine strengere, sondern eine lockere Politik für qualifizierte Einwanderer will. Wissenschaftler sollen außerdem auch ohne vorliegendes Stellenangebot einreisen dürfen. Zudem versprach Johnson, wegfallende Mittel für EU-Forschungsprogramme zu ersetzen.

          London will EU-Mittel ersetzen

          Der Verband der Universitätskanzler warnt seit dem Brexit-Referendum, dass bei einem „No-Deal-Brexit“ unmittelbar eine große Unsicherheit für alle EU-Staatsangehörigen an den Hochschulen entstünde, für Dozenten wie Studenten. Der Zugang zu dem milliardenhohen EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 und den EU-Strukturfonds sowie die Teilnahme am Programm Erasmus+ seien gefährdet. Aus dem Horizon-Fonds für die Jahre 2014 bis 2020 erhalten britische Forscher derzeit jedes Jahr mehr als eine Milliarde Euro. Am Freitag teilte das Wirtschaftsministerium mit, dass London für alle von Horizon geförderten Anträge künftig Ersatzmittel geben werde.

          Während Johnson am Culham Centre noch von der „stolzen Geschichte der britischen Innovationen“ schwärmte, die nach dem Brexit fortgesetzt werde, ließen harsche Reaktionen nicht lange auf sich warten. Der Physiknobelpreisträger Andre Geim warnte, der Brexit werde in jedem Fall schaden. „Wissenschaftler sind keine Idioten“, sagte Geim der „Times“. Sie wüssten, „dass Turbulenzen für viele Jahre unvermeidlich sind“.

          Geim hatte 2010 zusammen mit Konstantin Novoselov den Physiknobelpreis erhalten für seine Forschung zu Graphen, einen besonders leichten und stabilen Werkstoff. Johnson hatte in seiner Rede Graphen und die erste nationale DNA-Datenbank als besondere Leistung in Großbritannien hervorgehoben. Geim sagte, sein Partner Novoselov habe die Universität Manchester inzwischen verlassen und sei nach Singapur gezogen.

          Royal Society gegen No-Deal-Brexit

          Die Wissenschaftlergesellschaft Royal Society äußerte sich zwar grundsätzlich zustimmend zu Johnsons Visa-Plänen, warnte aber gleichzeitig abermals vor einem No-Deal-Brexit. Der sei „die schlechteste Option für die Wissenschaft“, sagte der Präsident der Gesellschaft Venki Ramakrishnan, ein Biologe, der 2009 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde.

          Relativ zur Einwohnerzahl ist Großbritannien nach den Vereinigten Staaten von Amerika das Land mit der höchsten Dichte an Nobelpreisträgern. Das liegt auch an der internationalen Forscherszene an den Eliteuniversitäten. Sie ist weit überwiegend für die EU, der Brexit ist sehr unbeliebt. In der Stadt Oxford votierten im Referendum vor drei Jahren zwei Drittel für den Verbleib in der EU, in Cambridge waren es fast drei Viertel.

          „Die Hälfte unserer internationalen akademischen Talente an UK-Universitäten kommt aus der Europäischen Union, und die EU ist der größte Partner in der Wissenschaftszusammenarbeit“, betonte Ramakrishnan. Essentiell wichtig seien neben einer Reform der Immigrationspolitik eine fortgesetzte enge Arbeitsverbindung mit den Wissenschaftlern in der EU und der Zugang zu den EU-Forschungsfonds.

          Innenministerin Priti Patel hat schon angekündigt, die Einwanderungspolitik zu überarbeiten. Während die indischstämmige konservative Politikerin tendenziell für eine Begrenzung und striktere Steuerung der Einwanderung von Niedrigqualifizierten ist, soll die Tür für Hochqualifizierte weiter geöffnet werden. Großbritannien solle „die hellsten und besten globalen Talente anziehen“, forderte Patel. Die Johnson-Regierung könnte tatsächlich einen Schwerpunkt in der Wissenschaftsförderung setzen. Johnsons wichtigster Berater Dominic Cummings, ein Brexit-Hardliner, hat sich in einer früheren Position im Bildungsministerium als Förderer von Schulen für Mathematik-Talente hervorgetan.

          Ob es wirklich eine Tendenzwende in der Einwanderungspolitik gibt, wird sich zeigen. Mays Regierung hatte eine Obergrenze von 100.000 Netto-Einwanderung im Jahr versprochen, die aber überschritten wurde. 2018 stieg die Netto-Zuwanderung sogar auf 283.000 Personen. Die Zuwanderung aus Ländern außerhalb der EU wuchs auf das höchste Niveau seit fünfzehn Jahren, während die EU-Zuwanderung erstmals seit 2012 unter 100 000 sank. Aus Downing Street 10, dem Regierungssitz, gibt es nun vage Ankündigungen, dass Großbritannien künftig ein Punktesystem wie Australien für die Steuerung der Einwanderung einführen wolle.

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