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Tennisstar auf Abwegen : Boris Beckers dubioses Millionenspiel

  • -Aktualisiert am

Boris Becker als Trainer von Novak Djokovic bei den Australian Open 2014 in Melbourne. Bild: Reuters

Das frühere Tennisass tut so, als habe er keine Schulden mehr – seine Gläubiger sehen das anders. Die ganze Geschichte wird immer sonderbarer.

          2 Min.

          Der Wirbel um das Finanzfiasko von Boris Becker wird immer skurriler. Und dabei geht es nicht nur um einen angeblich gefälschten Diplomatenpass des ehemaligen Tennisstars, ausgestellt von der Zentralafrikanischen Republik. In einem auch über das Internetvideoportal Youtube ausgestrahlten Interview hat Becker nun behauptet, dass die Forderung von fast 42 Millionen Franken seines ehemaligen Geschäftspartners Hans-Dieter Cleven vom Treuhänder (Trustee) im Londoner Insolvenzverfahren nicht akzeptiert worden sei.

          Recherchen der F.A.Z. haben dagegen ergeben, dass sich der Trustee bislang noch gar nicht zu Gläubigern und ihren Forderungen geäußert hat. Somit ist nicht heraus, welche Schulden schließlich in das umfängliche Verfahren einfließen werden. Dies wurde auf Ende Juli verlängert. Die Gläubiger gehen von einem unveränderten Status aus. Der Trustee äußerte sich nicht. Beckers Rechtsanwalt in Deutschland sagte zurückhaltend, Kollegen in England betreuten das Insolvenzverfahren. Er gehe davon aus, dass sein Mandant über den Stand hinreichend informiert sei und zutreffende Aussagen getätigt habe.

          Becker vermittelt den Eindruck, als hätten sich die finanziellen Verwerfungen demnächst für ihn komplett erledigt. Die geforderten 3,9 Millionen Euro einer Privatbank (Arbuthnot Latham & Co) habe er beglichen. „Ich habe meine Schuld bezahlt – und mein normales Leben sollte weitergehen“, sagte er. Aber das Insolvenzverfahren ist nicht abgeschlossen. Becker räumte ein, dass es mit der Bank noch Streit gebe über die Zahlung von zusätzlich 25 Prozent Zinsen auf den Kredit. So fordert Arbuthnot Latham & Co wohl umgerechnet rund 10 Millionen Euro von der deutschen Tennislegende.

          „Unheimliche Zahlen“

          Becker stellte zudem die Behauptung auf, dass er fürs Insolvenzverfahren dem Trustee Vermögenswerte in Höhe von 4,5 Millionen Pfund (rund 5,1 Millionen Euro) „gegeben“ habe. Dies ergänzte er lapidar: „Insofern müsste der eigentlich glücklich sein.“ Wie jedoch aus Gläubigerkreisen zu erfahren war, sollen die meisten Vermögenswerte Beckers noch gar nicht zugänglich sein. Dazu gehören zwei Immobilien in der Heimatstadt Leimen des ehemaligen Wimbledonsiegers; in einem der Häuser lebt weiterhin seine Mutter. Eine andere Immobilie in London soll von Beckers Tochter Anna Ermakowa und deren Mutter bewohnt sein.

          Gegenüber der Insolvenzbehörde und der für den Fall zuständigen Kanzlei Smith & Williamson in London sollen insgesamt 14 Gläubiger Forderungen in Höhe von insgesamt mehr als 54 Millionen Pfund angemeldet haben. Dies wären rund 61 Millionen Euro. Becker spricht von „unheimlichen Zahlen“. Mit Abstand größter Gläubiger ist der deutsch-schweizerische Geschäftsmann Cleven mit 42 Millionen Franken. Dahinter kommt die Privatbank Arbuthnot Latham & Co mit rund 9 Millionen Pfund. Das Institut soll eine pfandgesicherte Forderung auf Beckers Finca auf Mallorca besitzen.

          Umtriebiger PR-Berater

          Die Boris Becker GmbH in Genf, an welcher der Sportstar selbst zusammen mit Cleven beteiligt war, gehört ebenfalls zu den Gläubigern. Hier hatte sich Becker ein Gesellschafterdarlehen auszahlen lassen – offen sind angeblich noch 5,35 Millionen Pfund. Zu den anderen Gläubigern gehören weitere Banken und Privatpersonen.

          Aus formellen Gründen war eine Klage Clevens gegen Becker im vergangenen Sommer am Kantonsgericht in Zug erstinstanzlich abgewiesen worden. Die Schuldenhöhe hatten die Richter im Entscheid allerdings für „unstrittig“ erklärt. Der Streit befindet sich in zweiter Instanz.

          Becker war nach F.A.Z.-Informationen am Dienstag für die Aufzeichnung des Videos nach Frankfurt gekommen. Hinter der Aktion steht der umtriebige PR-Berater Moritz Hunzinger. Dieser erreichte einst öffentliche Bekanntheit mit seiner umstrittenen Beratungstätigkeit für den damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) und der Vergabe eines günstigen Privatkredits an den Grünen-Politiker Cem Özdemir. Das Becker-Interview führte dann das kleine und gänzlich unbekannte Lifestyle-Blatt „Top Magazin Frankfurt“ aus.

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