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Boomregionen Chongqing und Kanton : Chinas Süden gibt die Marschrichtung vor

Bild: F.A.Z.

Der Rauswurf Bo Xilais hat die staatsgelenkte Wirtschaft in Chongqing diskreditiert. Davon profitieren Kanton und sein Parteichef Wang Yang. Die Reformer treiben ein Modell voran, das als Vorbild für das ganze Land gilt.

          Spätestens seit dem Rauswurf des kommunistischen Parteisekretärs Bo Xilai ist die chinesische Metropole Chongqing weltbekannt. Nach einem undurchsichtigen Skandal um den örtlichen Polizeichef und nach dem Mord an einem britischen Geschäftsmann wurde der charismatische Anführer der Linken im innerchinesischen Machtkampf all seiner Ämter enthoben; seine Ehefrau steht unter Mordverdacht.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Auch ohne solche Räuberpistolen ist die Stadt am Mittellauf des Jangtse in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Um Chinas unterentwickelten Westen aufzuwerten, wurde sie Ende der neunziger Jahre für „regierungsunmittelbar“ erklärt und so stark vergrößert wie nie eine Stadt zuvor. Durch Fusion mit dem östlichen Teil der Provinz Sichuan wuchs sie auf die Fläche Österreichs heran. Mit 33 Millionen Bewohnern gilt die Agglomeration heute als einwohnerreichste Stadt der Welt.

          Chongqing

          Seit dem Bau des Dreischluchtenstaudamms ist Chongqing ganzjährig über den Fluss erreichbar, was die wirtschaftliche Attraktivität gesteigert hat. Hinzu kamen viele Fördermilliarden im Zuge der chinesischen „Go-West“-Strategie. In den vergangenen Jahren floss zusätzlich der Löwenanteil des größten Konjunkturprogramms der Welt von 4000 Milliarden Yuan (490 Milliarden Euro) in den Westen und ins Zentrum des Landes, darunter nach Chongqing. Auch deshalb wuchsen diese Landstriche stärker als die Industrieregionen im Süden und Osten.

          Vor allem Chongqing strotzt vor Kraft. Seit Bo Xilai 2007 Parteichef wurde - der Posten ist wichtiger als der eines Gouverneurs oder Bürgermeisters - hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf das Niveau Neuseelands verdoppelt. Jedes Jahr ist die Wirtschaft durchschnittlich um real 15,8 Prozent gewachsen, im ganzen Land waren es 10,5 Prozent. Bo setzte dabei auf staatliche Lenkung, staatliche Bauprojekte, staatliche Unternehmen, staatliche Transfers. Das trieb zwar den Aufschwung voran, führte aber zu exorbitanten Schulden. Die als Schattenhaushalte geführten Finanzgesellschaften der Stadt hatten bis 2011 fast 423 Milliarden Yuan (52 Milliarden Euro) an Verbindlichkeiten aufgenommen, rund 42 Prozent des BIP. Das war mehr als das Doppelte des nationalen Durchschnitts.

          Bo Xilai

          „Da lauern etliche Risiken“, warnt Qu Hongbin, Chefvolkswirt für China der Bank HSBC in Hongkong, die Chongqings Aufstieg untersucht hat. „Wir halten das regierungsgelenkte Modell langfristig für unhaltbar. Es verzerrt die Rohstoffpreise, schafft hohe Verschuldungsraten und erhöht die Gefahr von Kreditausfällen.“ Die Haupttreiber der Wirtschaft seien wenig rentable Anlageninvestitionen, etwa in die Infrastruktur oder den Wohnungsbau. Diese hätten unter Bo bis zu 80 Prozent des BIP ausgemacht; früher waren es höchstens 33 Prozent. Ein Fünftel dieser Investitionen werde auf Pump finanziert.

          Aufstieg und Fall des Bo Xilai wurden flankiert von einem Gegenmodell, das außerhalb Chinas weitgehend unbekannt ist. Genauso lange wie Bo amtiert in der Südprovinz Guangdong (Kanton) der Parteisekretär Wang Yang. Zuvor hatte er diesen Posten in Chongqing inne, war also Bos Vorgänger. Ansonsten verbindet die beiden wenig. Bo, der sich als Arbeiterführer stilisierte, ist der Sohn eines einflussreichen Parteikaders. Wang hingegen gehört zu den wenigen Spitzenkadern, die wirklich als Arbeiter begannen. Wenn er Glück hat, rückt er im Oktober in den Ständigen Ausschuss des Politbüros. Auf einen Sitz in diesem wichtigsten Machtgremium Chinas hatte auch Bo spekuliert.

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