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Wirtschaft gegen Gesundheit : Bolsonaros Spiel mit dem Virus

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, aufgenommen Anfang Mai Bild: Reuters

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hält die Angst vor Corona für übertrieben. Ihm ist die Wirtschaft wichtiger als der Seuchenschutz. Eine tödliche Strategie.

          7 Min.

          Es lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, warum die Eltern des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro sich einst entschlossen, ihrem Sohn den zweiten Vornamen Messias zu geben. Man darf zu ihren Gunsten annehmen, dass sie hofften, aus dem Sohn werde einmal ein gottesfürchtiger Mann, zumal Zweitnamen wie „Jesus“ oder „Messias“ in Südamerika gar nicht so ungewöhnlich sind.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit Gottesfurcht haben die Aussagen, mit denen der Präsident des größten und wichtigsten südamerikanischen Landes zuletzt auf seinen Namen Bezug nahm, allerdings wenig zu tun. Und das, obwohl er bei anderer Gelegenheit gerne seine Nähe zu den evangelikalen Kirchen Brasiliens betont und fast jede seiner Reden mit dem Satz „Brasilien über allem und Gott über allen“ beendet.

          Es war an einem Abend Ende April, als der 65-Jährige beschloss, aus seiner Präsidentenlimousine auszusteigen, um länger mit einigen Anhängern zu reden, die am Wegesrand auf ihn gewartet hatten. „Das Volk verehrt dich, Presidente“, riefen sie ihm zu. „Wir stehen an deiner Seite.“ Da Brasilianer es lieben, so gut wie alles, was sie erleben, in den sozialen Medien zu posten, finden sich im Internet viele Mitschnitte dieses Auftrittes, bei dem Präsident Bolsonaro zu den Corona-Fällen in Brasilien sagte: „Das ist wie Regen. Man kann versuchen, sich dagegen zu schützen, aber ein bisschen nass wird man doch immer.“

          „Der schlimmste Tag“

          Irgendwann trat ein Fernsehteam hinzu und stellte Bolsonaro, der Brasilien seit 2019 regiert, eine Frage, die dem mächtigen Mann so gar nicht passen wollte: Warum er nicht mehr gegen die steigende Zahl von Corona-Toten im eigenen Land unternähme? Es ist aufschlussreich, die Antwort in ganzer Länge wiederzugeben. „Na und? Das tut mir leid. Aber was verlangt ihr, das ich dagegen tue? Mein zweiter Vorname ist Messias, aber ich vollbringe keine Wunder. Die Toten von heute wurden schon vor zwei Wochen angesteckt. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung wird es treffen.“

          Das Irritierende an diesem Auftritt ist nicht der offensichtliche Zynismus. Auch nicht, dass Bolsonaro, der sonst bekannt dafür ist, es mit wissenschaftlichen Fakten nicht so genau zu nehmen, über die Wirkungsdauer des Virus und die mögliche Verbreitung keinen Unsinn erzählte. Sondern dass ihm seine Anhänger nach solchen Sätzen stets frenetisch zujubeln.

          Nun lässt sich aus der Zustimmung einiger nicht unbedingt aufs ganze Land schließen. Aber im Fall von Bolsonaro ist es so: 51 Prozent der Brasilianer finden Umfragen zufolge, dass seine Regierung sehr gute, gute oder zumindest durchschnittliche Arbeit leiste. Was ein außerordentlich guter Wert angesichts der Tatsache ist, dass Brasilien mit einem prognostizierten Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von fünf Prozent gerade in eine schwere Wirtschaftskrise hineinschlittert und zudem eines der Länder ist, in dem Covid-19 derzeit am meisten wütet.

          Vom „schlimmsten Tag“ sprachen Brasiliens Medien in der vergangenen Woche, als die Zahl der neuen Covid-19-Toten mit 751 auf einen Rekord hochschnellte. Fast 10000 Corona-Tote hat das Land mittlerweile zu beklagen und rund 145000 Infizierte. Zahlen, die auf den ersten Blick gar nicht so hoch zu sein scheinen, schließlich hat Brasilien mehr als 210 Millionen Einwohner. Aber Brasilien ist auch eines der Länder, das am wenigsten auf das Virus testen lässt. Mit gerade einmal 1600 Tests je eine Million Einwohner liegt man beispielsweise weit hinter den Vereinigten Staaten mit 20000 Tests je eine Million Menschen. Die wahre Zahl der Infizierten dürfte also viel höher sein, zumal das Virus erst spät in Lateinamerika ankam. Erst Ende Februar wurde der erste Brasilianer positiv getestet. Die Pandemie steht dort also wirklich noch ganz am Anfang.

          Regiert ein Wahnsinniger Brasilien?

          Wird Brasilien von einem Wahnsinnigen regiert, der sich um das eigene Volk nicht schert, dem die Menschen in völliger Verblendung aber trotzdem folgen? Nein. Bolsonaro folgt einem Plan, der in gewisser Weise bislang aufgeht. Welches Kalkül ihn dabei antreibt – warum er Corona kleinreden und dafür trotzdem mit Unterstützung rechnen kann –, lässt sich aus einer in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Fernsehansprache des Präsidenten aus dem März herauslesen.

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