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Börsenunternehmen : Angriff auf den Dax

  • -Aktualisiert am

Telekom-Chef Ricke wird von Blackstone unter Druck gesetzt Bild: REUTERS

Bei der Telekom sind sie schon, bei Conti haben sie es versucht: Vor Finanzinvestoren ist seit kurzem kein Dax-Konzern mehr sicher. Berauscht von den vielen Milliarden, die sie einsammeln, machen die Investoren nun Ernst.

          Wir kaufen MAN. Wir kaufen TUI. Wir zerlegen Siemens. Kein Konzern ist vor uns sicher. So tönen Finanzinvestoren seit geraumer Zeit, berauscht von den Milliarden, die sie einsammeln. Wer dies als Großmäuligkeit abtat, der irrt: Die Investoren machen Ernst. Continental-Chef Manfred Wennemer berichtete diese Woche, ins Visier einer Private-Equity-Gesellschaft geraten zu sein - ein Präzedenzfall in Deutschland. Zum ersten Mal hat es eine Beteiligungsgesellschaft auf einen ganzen Dax-Konzern abgesehen.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Verhandlungen wurden zwar „einvernehmlich beendet“, wie Conti mitteilte. Grund zur Entwarnung gibt es nicht. Der Angriff auf den Dax gewinnt gerade erst an Fahrt. „Die nächsten Jahre werden mehrere Dax-Konzerne von Finanzinvestoren übernommen. Davon bin ich fest überzeugt“, sagt Peter Laib von der Fondsgesellschaft Adveq. Rund 6000 Fonds gibt es weltweit, schätzungsweise 1,3 Billionen Dollar Eigenkapital stehen hinter ihnen. Allein im vorigen Jahr haben die Beteiligungsgesellschaften 260 Milliarden Dollar eingesammelt. Das Geld muß wieder raus. Muß arbeiten, muß Rendite bringen. Nur wo?

          „Fast kein Börsenunternehmen ist davor gefeit“

          So viele verkaufswillige Mittelständler können die Private-Equity-Manager gar nicht auftreiben, damit sich ihre Töpfe leeren. Zudem werden die von den Banken ständig nachgefüllt mit billigen Krediten. „Konzerne zu einem Preis von 25 bis 50 Milliarden Euro können problemlos übernommen werden“, sagt Investor Laib. „Nahezu jedes Unternehmen an der Börse kann von Private-Equity-Gesellschaften gekauft werden. Niemand ist davor gefeit.“

          Um sich vor unliebsamen Annäherungen zu schützen, entwickeln die Vorstände vorsorglich Gegenstrategien. MAN, immer wieder als Kaufkandidat genannt, hat sich förmlich neu erfunden. Vorstandschef Hakan Samuelsson hat den Konzern auf Rendite getrimmt und Randbereiche abgetrennt, um dem Konglomeratsvorwurf zu entkommen. Ähnlich liegt der Fall Linde: Auch dort mußte sich Vorstandschef Wolfgang Reitzle mangelnde Homogenität vorhalten lassen. Reitzle gelang die Flucht nach vorn, indem er den britischen Industriegas-Konkurrenten BOC übernommen hat.

          Deutsche Gesetze schrecken Heuschrecken ab

          Die Gabelstapler-Sparte wird jetzt abgetrennt, spätestens dort kommen wohl Private-Equity-Fonds zum Zug. Bei Altana haben Investoren bereits den größeren Teil übernommen, zumindest indirekt: Der Bad Homburger Dax-Konzern hat vergangene Woche sein Pharmageschäft für etwas mehr als vier Milliarden Euro an die bis dahin unbekannte dänische Firma Nycomed verkauft - auch dahinter stecken Finanzinvestoren.

          Vor einer kompletten Übernahme schrecken die Heuschrecken nicht zuletzt wegen der deutschen Gesetze zurück: Der Schutz echter oder vermeintlicher Minderheitsaktionäre sei hierzulande so rigide geregelt wie nirgendwo sonst auf der Welt, klagt ein amerikanischer Investor. „Es wird unerhört teuer, um 100 Prozent einer börsennotierten Gesellschaft zu kaufen, da die letzten Aktionäre uns mit Hilfe des deutschen Rechts förmlich auspressen können.“

          „Die Fonds werden sich zunehmend beteiligen“

          Da sie das Ganze nur unter hohem Risiko - und somit hohen Preisaufschlägen - bekommen, wechseln die Firmenaufkäufer ihre Taktik. Bestanden sie bisher auf der Mehrheit der Anteile, so begnügen sie sich jetzt auch mal mit weniger. „Die Fonds werden sich zunehmend an börsennotierten Konzernen beteiligen“, sagt Stephan Illenberger, Leiter von Axa Private Equity in Deutschland.

          Wie ungemütlich die Gesellschafter werden können, das spürt Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. Der amerikanische Fonds Blackstone hat sich dort eingekauft, mit nicht mal fünf Prozent. Das reicht, um den ehemaligen Staatskonzern aufzumischen. Blackstone muß nur andeuten, man sei nicht völlig einverstanden mit der Performance des Managements, schon bricht dort Hektik aus. Die Lage für Vorstandschef Ricke ist auch deshalb so bedrohlich, weil die Regierung als wichtigster Anteilseigner die aggressiven Investoren wenn nicht aktiv gesucht, so doch zumindest ermuntert hat.

          „Wir bringen lahme Enten zum Fliegen“

          Ein Beispiel, welches Schule machen wird, wie Fondsmanager Laib sagt: Geduldet vom Großaktionär, könnten Private-Equity-Investoren mit einer „Minderheitsbeteiligung den Konzern strategisch neu ausrichten“. Steigt daraufhin der Kurs, profitieren beide: der sich nach außen zahm gebende Großaktionär wie die frechen Investoren. Schutz vor deren Eindringen gibt es nicht. Nicht einmal eine extreme Steigerung der Profitabilität. Auch dies lehrt der Präzedenzfall Continental. Niemand käme auf die Idee, Manfred Wennemer eine Vernachlässigung seiner Aktionäre vorzuwerfen.

          Radikal hat er Kosten gesenkt, Reifenwerke in Billiglohnländer verlagert, den Aktienkurs in die Höhe getrieben. Immer mit dem Argument, nur ein hoher Börsenkurs schütze vor einer Übernahme. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. „Conti war zu erfolgreich, gerade deshalb gerieten sie ins Visier der Investoren. Aus dem Konzern ist viel herauszuholen“, bekennt ein Fondsmanager. Die offizielle Argumentation, mit welcher Private-Equitiy-Gesellschaften ihre Deals begründen (“wir bringen lahme Enten zum Fliegen“), stimme eben nicht immer: „Manchmal geht es auch darum, die Ente zu rupfen.“

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