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Börsengang : Alles Käse - Kraft an der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Cheeeese! Kraft an der Börse Bild: dpa

Mit fast neun Milliarden Dollar Emissionsvolumen wird der Börsengang der Philip Morris Tochter Kraft Foods die zweitgrößte Emission in der Geschichte der Wall Street.

          3 Min.

          “Auf keinen Fall haben wir es hier mit einem starken Wachstumsmarkt zu tun,“ bremst Bill Wyman, der bei Stock USA Markenartikler beobachtet, die Erwartungen erfolgsverwöhnter Dotcom-Spekulanten ein. “Von einer Branche, die etwa ein Prozent pro Jahr wächst, darf man keine Wunder erwarten,“ zweifelt Wyman an der Glaubwürdigkeit der PR-Aussendungen der Philip Morris Tochter Kraft Foods, die am heutigen Mittwoch ihr Börsendebüt abgibt.

          Neun Milliarden Dollar Volumen

          Dennoch waren die 280 Millionen Aktien stark überzeichnet. Ursprünglich in einer Spanne von 27 bis 30 Dollar angeboten, wurde der 16 Prozent Anteil des Unternehmens schließlich zu einem Preis von 31 Dollar je Aktie ausgegeben, um so Mittel von 8,7 Milliarden Dollar zu generieren. Das ist nach AT&T Wireless der zweitgrößte Börsengang in der US-Geschichte und der weltweit größte in diesem Jahr. Die Marktkapitalisierung von Kraft liegt bei etwa 54 Milliarden Dollar und damit in etwa auf dem Niveau von Hewlett-Packard oder Merrill Lynch.

          “Die Wall Street steht dem Deal positiv gegenüber, hat doch Philip Morris darauf geachtet, dass das gesamte Volumen überall gleichmäßig wie Philadelphia Streichkäse verteilt wird,“ übt sich Wyman in einem bildlichen Vergleich mit einer der Kraft Hausmarken. 75 Investment- und Brokeradressen erwarten ein Stück vom großen Käse abzubekommen, angeführt von Credit Suisse First Boston (CSFB) und Citigroups Salomon Smith gemeinsam mit dreizehn anderen Lead Managern.

          Von den Stimmrechten bleiben 97,5 Prozent in der Familie. Der weltgrößte Zigarettenhersteller Philip Morris möchte an seiner Stimmrechtsmehrheit (Kategorie B-Aktien) festhalten, um so bei Aktionärsversammlungen das Zepter in der Hand zu behalten.

          Sanierung von Philip Morris?

          Überhaupt weiß man an der Wall Street, dass der Deal eigentlich dazu bestimmt ist, die Mutter von Kraft einer raschen Gesundung zuzuführen. Liegt doch die 19,2 Milliarden Dollar teure Übernahme des Konkurrenten Nabisco aus dem Vorjahr noch schwer im Magen. Vor allem die Bedienung einer im letzten Jahr begebenen Schuldverschreibung in der Höhe von elf Milliarden Dollar drückt auf die Bilanzen.

          “Durch diese Emission wird sich Philip Morris geschätzte 630 Millionen Dollar an jährlichen Zinszahlungen ersparen, wenn rund neun Milliarden Dollar in die Bücher von Kraft gespült werden,“ errechnet Art Streller von IPO.com. Ein Einsparungspotenzial, das Kraft auch brauchen wird, um seine Führungsposition am US - Nahrungsmittelmarkt zu behaupten.

          Mit 35 Milliarden Dollar jährlichem Umsatz aus Marken wie Ritz Kekse, Maxwell Hauskaffee oder Oscar Mayer's Hot Dogs verweist das 87-jährige Traditionsunternehmen die Konkurrenten Kellogg Co, General Mills Inc. und Hershey Foods Corp. auf die Plätze, bleibt am Weltmarkt aber immer noch hinter Weltmarktführer Nestlé zurück.

          Strukturprobleme mit Nabisco

          Und die Zusammenführung mit Nabisco ist noch lange nicht auf Schiene. Die Schließung von Fertigungsstätten auf beiden Seiten wird bis Ende 2003 knapp 900 Millionen Dollar verschlingen und die Kombination der unterschiedlichen Computersysteme samt Schulung des Personals weitere 300 Millionen Dollar. “Mit allen Sparmaßnahmen will Kraft bereits 2003 über 550 Millionen Dollar an jährlichen Einsparungen erzielen, und das bei einem Jahresgewinn von einer Milliarde Dollar,“ führt Streller aus. “Wir sprechen hier über eine Steigerung der Rentabilität von mehr als 50 Prozent innerhalb von zwei Jahren,“ bleibt Streller skeptisch.

          Zu ehrgeizige Pläne

          Darüber hinaus sind auch die im Veranlagungsprospekt über die nächsten drei Jahre angekündigten 15 Prozent Wachstum des jährlichen Gewinns pro Aktie zu hinterfragen. “Das würde bedeuten, dass sich plötzlich die Wachstumsrate der letzten vier Jahre mehr als verdreifacht, und dass vor dem Hintergrund geringerer Marktanteile, da Kraft in den letzten Jahren bei Kaffee, Käse und Frühstücksflocken massiv eingebüßt hat,“ ist Streller schwer zu überzeugen.

          Alles in allem offenbar keine leichte Ausgangsposition für einen Laden, der seine größten Spartengewinne mit Käse macht und dessen Mutter Philip Morris zur Zeit an schwerem Lungenkrebs leidet (Drei Milliarden Dollar Schadenersatzurteil von letzter Woche, plus mehrere Milliarden Dollar der letzten Jahre, plus angekündigte Klagen).

          Nach Zeiten zwei- und dreistelliger Profite an der Wall Street hofft das Management auf die Geduld der Aktionäre. Ob diese auch über zu eifrige Business Pläne hinwegsehen können, wird sich zeigen.

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