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Börsenfusion : Scheitern als Chance

  • -Aktualisiert am

Die Verhandlungen sind gescheitert. Bild: dpa

Die Fusion von Deutscher Börse und der amerikanischen Nyse Euronext steht auf der Kippe. Sollte das Vorhaben scheitern, wäre dies aber kein Beinbruch. Der Deutschen Börse bliebe ein kraftraubender Integrationsprozess erspart.

          Noch dürfen Reto Francioni und Duncan Niederauer träumen, als Architekten einer Weltbörse in die Geschichte einzugehen. Doch die Wahrscheinlichkeit für das Gelingen der Fusion von Deutscher Börse und der amerikanischen Nyse Euronext schwindet zusehends. Der Mann, der den Traum von einer Megabörse immer wieder stört und nun zum Albtraum werden lassen könnte, ist EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia.

          Der Spanier hält stringent an seiner Haltung zur Börsenfusion fest. Seiner Ansicht nach entstünde durch die Fusion der zur Deutschen Börse gehörenden Terminbörse Eurex und der in London beheimateten Terminbörse Liffe (Nyse Euronext) ein Monopol im europäischen Terminhandel, das es zu verhindern gilt. Die Fakten hat Almunia auf seiner Seite. Je nach Berechnungen kommen die beiden Börsen zusammen auf Marktanteile von 90 bis 95 Prozent. Das hat mit Wettbewerb nichts zu tun.

          Diesen Fakten widersprechen die Börsen nicht. Ihrer Meinung nach ist die Marktabgrenzung aber viel zu eng. Sie halten es für angemessen, den globalen Handel mit Terminkontrakten zu betrachten, börslich wie außerbörslich. Demnach hätten die fusionierten Börsen einen Marktanteil von nur 4 Prozent. Durch die Fusion würde damit kein Monopol geschaffen, sondern eine starke europäische Terminbörse, die im Wettbewerb mit den Börsen in Amerika und Asien sehr viel besser bestehen könne.

          Almunia konnte von dieser Position, seit die Fusion vor elf Monaten angekündigt wurde, nicht überzeugt werden. Bis zum 9. Februar muss die EU-Kommission ihre Entscheidung treffen. Es deutet nichts darauf hin, dass Almunia seine Haltung noch einmal ändert. Vielmehr wird dem Vernehmen nach die Ablehnung der Fusion empfohlen. Verhandlungsspielraum haben die Börsen nicht mehr. Sie haben drei Mal Zugeständnisse gemacht, die aber den Kern des Konflikts nicht beseitigt haben. Beide Haltungen sind miteinander unvereinbar.

          Viele Debatten über die Ansiedlung würden hochkochen

          Almunia würde die Fusion daher wohl nur unter der Bedingung genehmigen, dass die Liffe oder die Eurex verkauft würden. Dies hat der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, Reto Francioni, jedoch ausgeschlossen, weil dann signifikante Vorteile der Fusion wegfielen und sie damit unattraktiv würde. Auch der Versuch der Börsen, innerhalb der Kommission eine Mehrheit gegen Almunias Position aufzubauen, dürfte zum Scheitern verurteilt sein. Dem fachlichen Rat des zuständigen Kommissars wird in aller Regel gefolgt.

          Sollte die Fusion scheitern, wäre dies kein Beinbruch für die Deutsche Börse. Sie hätte ein verlorenes Jahr hinter sich, in dem die Kapazitäten in den Führungsgremien auf das Zustandekommen der Fusion konzentriert waren. Ihr blieben aber etliche Jahre eines kraft- und zeitraubenden transatlantischen Integrationsprozesses erspart. Die Ressentiments zwischen den Finanzplätzen New York und Frankfurt und die jeweilige Angst, als Standort an Bedeutung zu verlieren, waren nur ein Vorgeschmack auf jahrelange Debatten, die bei jeder Entscheidung über die Ansiedlung von Arbeitsgruppen, Abteilungen und Stabsstellen hochgekocht wären.

          Der Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, wird wohl nicht als Architekte einer Weltbörse in die Geschichte eingehen

          Stattdessen kann sich die Deutsche Börse endlich wieder der Fortentwicklung ihres Kerngeschäfts widmen. Die Ausgangssituation ist nicht schlecht. Während die Börsen in Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon ihre Bedeutung im Konzern der Nyse Euronext nahezu vollständig eingebüßt haben, die nordeuropäischen Börsen von der Nasdaq übernommen wurden und die Londoner Börse sich fast ausschließlich auf den besonders umkämpften Aktienhandel konzentriert hat, verfügt der Frankfurter Börsenbetreiber mit der Eurex über eine der größten Terminbörsen und mit Clearstream über ein führendes Unternehmen im Bereich der Verwahrung von Wertpapieren und der Abwicklung von Wertpapiertransaktionen.

          Unter anderem argumentierte Almunia bei seiner Begründung der engen Marktabgrenzung mit den regulatorischen Bemühungen, den außerbörslichen Handel einzudämmen. Hier wäre ein Punkt, an dem auch die Deutsche Börse endlich stärker ansetzen müsste. Die Finanzkrise hat derart viele Argumente für den transparenten und regulierten Handel von Wertpapieren an Börsen geliefert, dass es verwunderlich ist, warum hier noch nicht mehr gesetzlicher Zwang zu Handel und Abwicklung über Börsen erfolgt ist.

          Francioni sollte mit Optimismus an die Zukunft denken

          Auch sollte die Deutsche Börse sich viel stärker als Partner für Wachstumsbörsen in Asien anbieten. Übernahmen sind dort in der Regel unerwünscht und kaum zu verwirklichen, aber Technologiepartnerschaften könnten die Deutsche Börse an diesem Wachstumsmarkt teilhaben lassen und viel eher zu einer gedeihlichen Entwicklung beitragen als die Fusion mit einer Nyse Euronext, deren Hauptgeschäftsfeld im historisch bedeutsamen Aktienhandel an der Wall Street liegt, der jedoch längst kein Wachstumsmarkt mehr ist, sondern unter erheblichem Margendruck leidet.

          Die Haltung von Almunia sollte daher allenfalls Nyse-Chef Niederauer Albträume bereiten. Francioni hingegen sollte mit Optimismus an die Weiterentwicklung einer starken und unabhängigen europäischen Börse mit Sitz in Frankfurt denken.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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