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Börsenfusion : Die Aktionäre setzen sich durch

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Bild: F.A.Z.

Nach einem Eklat zwischen dem Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, und zahlreichen brüskierten Aktionären der Deutschen Börse hat Seifert seinen Übernahmeplan für die Londoner Börse (LSE) zunächst aufgegeben.

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          Nach einem Eklat zwischen dem Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, und zahlreichen brüskierten Aktionären der Deutschen Börse hat Seifert seinen Übernahmeplan für die Londoner Börse (LSE) zunächst aufgegeben. Zwar kam seine Entscheidung, das Übernahmeangebot am späten Sonntagabend zurückzuziehen, überraschend.

          Aber nachdem sich zuletzt sogar Großinvestoren wie Fidelity Investments, Merrill Lynch Investment Management und Capital Investments weigerten, mit Seifert überhaupt noch zu sprechen, blieb Seifert offenbar keine andere Möglichkeit mehr, als einzulenken. "Daß er das Übernahmeangebot jetzt so schnell vom Tisch genommen hat, war vielleicht seine einzige Möglichkeit, seinen Kopf zu retten", hieß es am Montag in dem mittlerweile großen Kreis von Aktionären der Deutschen Börse, die die Transaktion ablehnten.

          Hoher Preis und „unprofessionelles“ Vorgehen als Störfaktoren

          Es ist das erste Mal in der deutschen Geschichte, daß widerspenstige Aktionäre einem Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsvorsitzenden eines deutschen Unternehmens so kraß einen Strich durch eine geplante Großtransaktion gemacht haben. Noch Anfang vergangener Woche waren zumindest die großen Investmentfonds wie Fidelity, Merrill Lynch und Capital International bereit, sich mit Seifert über ihre Kritikpunkte auseinanderzusetzen. Sie hatten vor gut zwei Wochen öffentlich signalisiert, daß sie schwere Bedenken gegen Seiferts Übernahmeplan hegten. Ähnlich auch wie die Hedgefonds TCI und Atticus, die sehr schnell nach Seiferts Übernahmevorschlag im Dezember Kritik angemeldet hatten, störten sich auch die großen Fonds an dem ihrer Meinung nach zu hohen Übernahmepreis von mindestens 530 Pence je LSE-Aktie und an den ihrer Meinung nach nicht überzeugenden Synergieeffekten, die in Seiferts Übernahmeplan mit gut 100 Millionen Euro jährlich beziffert worden waren.

          Sie plädierten mit einem stetig wachsenden Kreis von kritischen Aktionären, zu denen Ende vergangener Woche weitere Hedgefonds und die Versicherungsgruppe Generali gehörten, dafür, einen größeren Teil der Barmittel der Deutschen Börse von 700 Millionen Euro im Rahmen eines Aktienrückkaufs an die Aktionäre auszukehren. "Aber wir störten uns auch an der gesamten Konzeption des Übernahmeplanes. Er war von Anfang an unprofessionell eingefädelt", heißt es bei einem der Großinvestoren, der nicht genannt werden will. Daß diese Investoren mit ihrer Kritik vor zwei Wochen überhaupt an die Öffentlichkeit gingen, signalisierte bereits, daß sie sich von Seifert übergangen fühlten, eine Frustration, die sich noch steigerte, als Seifert auf einer Telefonkonferenz etliche Fragen kritischer Aktionäre nicht beantwortete.

          Die Londoner Börse, die bis zuletzt großes Interesse daran hatte, den Übernahmewettbewerb zwischen der Deutschen Börse und dem Konkurrenten Euronext zu forcieren, um letztlich einen möglichst hohen Übernahmepreis herausschlagen zu können, kam der Deutschen Börse vergangene Woche sogar entgegen. Alarmiert über den zunehmenden Aktionärswiderstand der Deutschen Börse, gestattete sie vergangene Woche der Deutschen Börse und Euronext, in ihre Bücher zu schauen. Die LSE hegte die Hoffnung, Seifert würde weitere Argumentationshilfe finden, um seine kritischen Aktionäre zu überzeugen. Eigentlich hatte die LSE mit der Öffnung ihrer Bücher auf die Entscheidung der britischen Kartellbehörde OFT Ende März warten wollen. Aber selbst die vorgezogene Öffnung der Bücher konnte nichts mehr ausrichten.

          Überrascht von der massiven Kritik der eigenen Aktionäre, planten Seifert und seien Berater von Goldman Sachs vergangene Woche mehrere Krisensitzungen mit Aktionären in London, um deren Bedenken zu zerstreuen. So wurden zahlreiche Treffen mit Fidelity, Capital Investments, TCI und anderen Aktionären für Donnerstag und Freitag anberaumt. Aber eine E-Mail von Seifert, in der der deutsche Börsenchef von einem "fortgesetzten Dialog" mit den Aktionären sprach, stieß den Aktionären übel auf. Sie fürchteten, Seifert wollte sie nur aus taktischen Gründen treffen, um öffentlich zu demonstrieren, daß er sich um die Belange der kritischen Aktionäre sorge und auf sie eingehe, während er doch ihre Bitte, eine Aktionärsabstimmung zuzulassen, zurückwies. Mit Ausnahme weniger Aktionäre sagten daher alle Gesprächspartner, und zwar auch die Großinvestoren wie Fidelity, die anberaumten Gespräche ab. Zudem stießen sich immer mehr Aktionäre an der oft stoischen Verhandlungsart von Seifert.

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