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Börse und Corona : Die selektive Wahrnehmung der Märkte

Börsenentwicklung in Frankfurt am 12. März dieses Jahres Bild: dpa

Vor sieben Monaten ließ die Corona-Pandemie die Börsenkurse fallen. Die derzeitige Lage ist nur wenig besser als damals, aber die Märkte nähern sich wieder Rekordniveaus an. Mögliche Lockdowns blenden sie aus.

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          Es ist fast genau auf den Tag sieben Monate her, dass die Märkte in die Knie gingen. Der 9. März 2020 bekam einen Eintrag in die Geschichtsbücher, nachdem an den Börsen rund um den Globus innerhalb weniger Stunden Milliarden vernichtet wurden. Allein der deutsche Leitindex Dax verlor mehr als 8 Prozent an Wert. Der Streit um den Ölpreis hatte seinen Anteil daran, aber es war die Corona-Pandemie, die Panik auslöste.

          Erstmals waren in jener Woche Anfang März auch in Deutschland Menschen infolge des Virus gestorben. Die täglichen Neuinfektionen gingen in die Tausende. Nachdem nun an diesem Donnerstag mehr als 4000 Neuinfektionen gemeldet wurden und Gesundheitsminister Jens Spahn von Zahlen sprach, die ihn „sehr besorgen“, sprang der Dax im Tagesverlauf über die Marke von 13.000 Punkten. Das ist der höchste Stand seit rund drei Wochen.

          Selbst in Deutschland werden nun Risikogebiete ausgewiesen, es gibt Beherbungsverbote und frühere Schließzeiten für Restaurants. Wie abgekoppelt scheinen die Börsen von der „Realwirtschaft“. Was sich an den Märkten abspielt, lässt sich wohl weniger als Optimismus, sondern mehr als selektive Wahrnehmung beschreiben.

          In Amerika lösen die demokratischen Kandidaten keinen Schrecken aus

          Das Fernsehduell der beiden potentiellen amerikanischen Vizepräsidenten, Kamala Harris und Mike Pence, hat zu dem Schluss geführt, dass die Demokraten nicht zwangsläufig schlecht für die Wirtschaft sein müssen. Die Kursgewinne können daher wohl auch als Erleichterung über diese Erkenntnis gewertet werden. Da treten sogar Infektionszahlen in den Hintergrund.

          Auch die Tatsache, dass Präsident Donald Trump die Verhandlungen über neue Hilfen für die Wirtschaft kurzerhand nach hinten geschoben hat, konnte der positiven Entwicklung an der Börse nichts anhaben. Mit einer Einigung vor der Wahl soll ohnehin niemand mehr gerechnet haben. Warum also aufregen?

          Die rasant steigenden Infektionszahlen bringen das Gespenst des nächsten Lockdowns zwar mit aller Macht zurück. Klar ist aber auch, dass die Politik genau dies mit allen Mitteln verhindern will – in Deutschland wie im Rest Europas. Ein abermaliger wirtschaftlicher Stillstand würde all denen das Genick brechen, die den ersten gerade noch so überstanden haben. Damit aber beschäftigen sich die Märkte erst, wenn es so weit ist.

          Inken Schönauer

          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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