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Börse Schanghai : Das größte Wettbüro der Welt

Schock in Schanghai: sinkende Kurse soweit das Auge reicht Bild: dpa

Der Kursrutsch in China hat die Börsen der Welt ins Trudeln gebracht. Die Anleger in Schanghai hat es kalt erwischt, denn sie haben den Markt gerade erst entdeckt. Doch das ist nicht das einzige chinesische Börsenmanko.

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          Sie ist das größte und edelste Wettbüro der Welt: In blauem Glas, die Böden aus Marmor, polierter Stahl als Zierde, steht die Börse Schanghai inmitten der Wolkenkratzer. Sie ist Kernstück der Wirtschaftsmetropole des neuen Chinas, ein Bekenntnis zur Marktwirtschaft, ein Monument. Doch das Monument hat Risse im Sockel.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Wir haben uns in den Markt eingekauft wie all unsere Nachbarn“, sagt Zhang Xiaoxian, der fast 60-jährige Werftarbeiter. 5000 Yuan (489 Euro), einen guten Batzen seiner Ersparnisse, hat er zum Broker gebracht. „Der hat uns ein Paket von zehn Aktien zusammengestellt“, erzählt Zhang. „Wir denken, dass es Gewinn bringen wird. Unser Land wächst doch unaufhörlich.“ So denken immer mehr Chinesen. Gut 6500 neue Depots wurden im vergangenen Jahr in Schanghai angelegt - pro Tag.

          „Es gibt Probleme. Der Markt ist voll von Anfängern“

          Für erfahrene Anleger wie neue Spekulanten aber wurde die vergangene Woche zur Achterbahnfahrt: Am Montag markierte der Index in Schanghai und Shenzhen, der zweiten festlandchinesischen Börse, einen Rekord. Am Dienstag brach er um 8,8 Prozent ein. Während die Börsen rund um die Welt seitdem bluten, holten die Aktien in China ihre Verluste wieder auf. Ist das eine gesunde Entwicklung?

          „Wenn sich schon Taxifahrer und Verkäufer Geld leihen, um Aktien zu kaufen, gibt's Probleme. Der Markt ist voll von Anfängern, die nur darauf warten, geschlachtet zu werden“, sagt Börsenguru Jim Rogers, der inzwischen mit Rohstoffen handelt. Andere bemühten sich um Schadensbegrenzung: „Der Einbruch ist nicht bedeutend. Wir haben keine ernsten Bedenken in Bezug auf den Aktienmarkt in China. Volkswirtschaftlich betrachtet, gibt es keinen Anlass zur Sorge“, glättet Jonathan Anderson, Chefanalyst für Asien bei der Schweizer UBS, die Wogen.

          Dreifaches Manko des chinesischen Aktienmarktes

          Das indes sehen viele anders. Denn der chinesische Aktienmarkt leidet unter einem dreifachen Manko: Er basiert auf Unternehmen, die kaum einzuschätzen sind. Er ist teuer. Und er ist abhängig von politischen Entscheidungen. Erst im vergangenen Sommer genehmigte die Regierung wieder Börsengänge, nachdem sie diese über ein Jahr untersagt hatte. Am vergangenen Dienstag waren denn wohl auch Gerüchte über neue Vorschriften, die das Wachstum Chinas dämpfen sollten, der Auslöser für die Gewinnmitnahmen. Schließlich tagt ab dem morgigen Montag der Nationale Volkskongress. Und da weiß man ja nie.

          Doch gibt es nicht nur Spekulationen, sondern auch eine Spekulationsblase am Markt: Führende Werte wie die Versicherung China Life verzeichnen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 70. Zum Vergleich: Die Allianz AG kommt auf ein KGV von gerade 10. Schlimmer noch: Festlandchinesische Aktionäre zahlen deutlich mehr für dieselben Aktien wie ihre Gegenüber an der Börse der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong. Neun der 37 an beiden Handelsplätzen geführten Aktien kosten in Festlandchina doppelt so viel wie in Hongkong.

          Es bleibt die Hoffnung auf unendliches Wachstum

          Trotzdem werden sie gekauft. Den Chinesen in der Volksrepublik bleibt keine andere Wahl, als in Aktien zu investieren. Die Renten brechen weg, weil die Staatskonzerne geschlossen werden. Private Versicherungen gibt es kaum, Anleihen auch nicht, die Zinsen sind niedrig und die Banken überschuldet. Man könnte das Geld unter das Kopfkissen legen. Man könnte es schwarz ins Ausland bringen. Oder aber man wird zum San Hu - zum kleinen Spekulanten. Ist nicht schließlich auch der Nachbar als solcher reich geworden?

          Die Sache aber wird dadurch erschwert, dass kaum einer weiß, was er sich da ins Depot legt. Denn in der chinesischen Wirtschaft ist die doppelte Buchführung nur das geringste Vergehen. Es bleibt die Hoffnung auf unendliches Wachstum im Markt der 1,3 Milliarden Menschen als Grund für einen Kauf. Hoffnung aber ersetzt keine Erfahrung.

          Börseneröffnung in Schanghai im Dezember 1990

          „Unser Aktienmarkt hat gerade einmal 20 Jahre für eine Entwicklung gebraucht, für die Industrieländer 200 Jahre benötigt haben“, sagt Professor Dehuan Jin, Direktor des Institutes für Aktienforschung in Schanghai. Erst am 19. Dezember 1990 eröffnete die Börse in Schanghai, im Juli des folgenden Jahres diejenige in Shenzhen.

          „Sind Aktienmärkte gut oder nicht? Sind sie gefährlich? Gibt es sie nur im Kapitalismus, oder können auch sozialistische Systeme sie nutzen? Es ist erlaubt, sie auszuprobieren, aber es muss in einer bestimmten Art geschehen“, gab Reformer Deng Xiaoping noch 1992 die Linie vor. Sein Volk indes interessiert sich wenig für verordnete Theorien, sondern ist 15 Jahre später voll investiert. Nur: Eine Bilanz können die wenigsten lesen.

          „Investoren sollten sich Gedanken machen“

          Genau dies aber macht die Sache gefährlich. Das haben die Politiker in Peking zumindest erkannt. Das Letzte, was sie gebrauchen können, ist der Vermögensverlust von Kleinanlegern - und damit verbunden ein Schwund an Vertrauen. Also tun sie das, was sie in der kommunistischen Partei schon immer getan haben: Sie greifen zum Sprachrohr, machen Propaganda.

          Noch Anfang Februar warnte Cheng Siwei, Vize-Chairman des Nationalen Volkskongresses, öffentlich vor dem „Anschwellen einer Blase“ auf dem innerchinesischen Aktienmarkt: „Investoren sollten sich über die Risiken Gedanken machen.“ Daraufhin kürten die Zeitungen den kommunistischen Funktionär zum „chinesische Greenspan“. Denn der frühere amerikanische Notenbankchef hatte vor einer Überhitzung gewarnt. Glauben mochte ihm keiner. Der Crash kam doch.

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