https://www.faz.net/-gqe-8hb2j
 

Bayers Kaufpläne : Wagnis Monsanto

  • -Aktualisiert am

Gewagtes Geschäft: Auf einen Übernahmekampf sollte sich Bayer nicht einlassen. Bild: AP

Bayer lockt der Wachstumsmarkt Agrarchemie. Doch wirtschaftliche Turbulenzen und ein geschädigter Ruf haften an Monsanto. Die Börse ist zu Recht nervös.

          3 Min.

          „Evolution statt Revolution“, mit diesem Spruch seines Vorgängers Marijn Dekkers hatte sich der neue Bayer-Chef eingeführt. Bayer werde unter seiner Leitung nicht plötzlich in eine vollkommen andere Richtung gehen, versicherte Werner Baumann wenige Tage vor dem Amtsantritt im Mai. Ein mögliches Gebot für den Saatgut-Spezialisten Monsanto dürfte er da schon im Kopf gehabt haben. Stimmt, ein Zusammenschluss mit den Amerikanern wäre kein Richtungswechsel. Aber mit der etliche Milliarden Euro teuren Übernahme vollzöge sich die Evolution im Zeitraffer.

          Hintergrund der Gespräche zwischen Bayer und dem Monsanto-Management sind die gewaltigen Umbrüche am Weltmarkt für Pflanzenschutz und Saatgut. Bis vor kurzem wurde die gesamte Agrochemiebranche von sechs internationalen Konzernen maßgeblich bestimmt. Nach der vereinbarten Fusion der beiden Chemiekonzerne DuPont und Dow Chemical sind es inzwischen nur noch fünf Große, die den Markt beherrschen. Ausgerechnet das Management des ins Visier von Bayer geratenen Monsanto-Konzerns war es, das im vergangenen Jahr die gegenwärtige Übernahmewelle ausgelöst hat. Die Amerikaner hatten versucht, den Schweizer Wettbewerber Syngenta – heute die Nummer zwei der Branche – zu übernehmen. Sie blitzten ab. Später stimmten die Schweizer dem Verkauf an den chinesischen Staatskonzern Chemchina zu.

          Derart unter Zugzwang geraten, wurde der um seine führende Branchenposition fürchtende Monsanto-Konzern bald als möglicher Interessent für das Agrarchemiegeschäft von Bayer ins Spiel gebracht. Jedoch sehen die Leverkusener dieses Geschäftsfeld als einen integralen Bestandteil ihres „Life-Science-Konzerns“. Daher gehen die Avancen jetzt in umgekehrter Richtung über den Atlantik. Dass das Übernahmekarussell damit bald zum Stillstand kommen könnte, ist nicht zu erwarten. Bayer ist längst nicht am Ziel. Und der finanzkräftige Chemiekonzern BASF, der kleinste Spieler im Oligopol der fünf Agrochemiker, ist noch gar nicht aufgesprungen. Schon steht die Frage im Raum, ob die Ludwigshafener ebenfalls für Monsanto bieten werden. Schließlich unterhalten sie intensive Geschäftsbeziehungen zu dem Konzern aus St. Louis.

          Zyklisches Geschäft mit dem Acker

          Das Geschäft auf dem Acker ist zyklisch; es ist konjunktur- und wetterabhängig. Zuletzt haben stark gefallene Getreidepreise den lange von hohen Wachstumsraten verwöhnten Anbietern von Pflanzenschutz und Saatgut zu schaffen gemacht. Belastend kommt hinzu, dass große Agrarmärkte in Lateinamerika, vor allem Brasilien, tief in der Rezession stecken und die Nachfrage gedrosselt haben. Dennoch hat dieser Industriezweig gute Perspektiven, denn er bedient einen wichtigen Megatrend: Die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung bei schrumpfenden Anbauflächen. Pflanzenschutz lässt nicht nur die Ernten reicher ausfallen. Saatgut-Innovationen können Pflanzen widerstandsfähiger gegenüber Dürre oder Überschwemmung machen.

          Wegen dieser langfristigen Wachstumschancen soll das Agrargeschäft nach den Vorstellungen des Bayer-Managements ausgebaut werden. Sollte die Übernahme von Monsanto gelingen, läge dieses Segment vom Umsatz her gleichauf mit dem Pharmageschäft rund um verschreibungspflichtige und rezeptfreie Arzneimittel. Die industrielle Logik eines Zusammengehens ist also nachvollziehbar. Bayer ist stark im Schutz der Pflanzen vor Pilzbefall, Schädlingen und Unkraut und hat ein vergleichsweise kleines Saatgutgeschäft. Bei Monsanto ist es umgekehrt. Auch regional könnten sich beide Konzerne gut ergänzen. Allzu hohe Kartellhürden werden daher von den Fachleuten nicht gesehen.

          Unkalkulierbare Risiken

          Jedoch birgt eine Transaktion dieses Volumens unkalkulierbare Risiken und bindet immense Managementkapazitäten. Nicht von ungefähr reagiert die Börse höchst nervös auf die zur Gewissheit gewordenen Übernahmegerüchte. Warum liebäugelt Bayer ausgerechnet mit einem Kandidaten, der aus diversen Gründen einen grottenschlechten Ruf genießt und gerade durch wirtschaftliche Turbulenzen geht? Der als Erfinder des mit möglichen Gesundheitsrisiken in Verbindung gebrachten Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat oder als Anbieter gentechnisch veränderten Saatguts immer wieder und ganz aktuell im Fokus politischer Diskussionen steht? Wie lässt sich ein Konzern reibungslos integrieren, in dem der Wertekanon so ganz anders klingt als in Leverkusen?

          Und schließlich bedeutet eine Komplettübernahme des an der Börse mit zuletzt mehr als 37 Milliarden Euro bewerteten Unternehmens einen gewaltigen finanziellen Kraftakt. Bayer genießt mit einem A-Rating zwar gute Noten am Kapitalmarkt. Es stehen aber noch rund 16 Milliarden Finanzschulden als Spätfolgen der Übernahme des Geschäfts mit verschreibungsfreien Mitteln von Merck in der Bilanz. Der Zukauf hätte zwangsläufig Verkäufe von anderen Geschäften und Beteiligungen oder womöglich eine Kapitalerhöhung zur Folge. Noch ist offen, wie das Monsanto-Management und der Rest der Branche auf die vorläufige Offerte reagieren. Auf einen Übernahmekampf sollte sich Bayer schon gar nicht einlassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dorothee Blessing, Deutschlandchefin von JP Morgan.

          JP-Morgan-Chefin im Gespräch : „Frankfurt wird wichtiger“

          Befindet sich die deutsche Industrie im Ausverkauf? Für Dorothee Blessing ist das keine plötzliche Erscheinung. Im Interview spricht die Deutschlandchefin von JP Morgan, über Brexit-Folgen rebellische Investoren – und die Angst vor der Börse.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.