https://www.faz.net/-gqe-9cire

Internationale Luftfahrtmesse : Boeing überflügelt Airbus in Farnborough

Der neue Beluga XL, ein Airbus-Transportflugzeug, hatte seinen Jungfernflug zwar in Toulouse. Ganz zufällig war der Termin aber sicher nicht gewählt. Bild: AFP

Auf der englischen Luftfahrtschau verschaffen sich aber auch andere Akteure Aufmerksamkeit, etwa die Hersteller von Kampfjets – und von Flugtaxis.

          3 Min.

          Für ihre Äußerungen über Flugtaxis erntete die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU), in Deutschland viel Hohn. Auf der Luftfahrtschau im englischen Farnborough, die am Wochenende zu Ende geht, würde sie dafür dagegen viel Lob erfahren. Denn die Hersteller bereiten dort konkret die Zukunft in der Luft vor. Ob künftig die Autos den Himmel erobern, oder Flugzeuge die Straße, ist noch unklar. Die Techniker schreiten aber auf jeden Fall voran.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Erhebliche Aufmerksamkeit erfuhr etwa der Autohersteller Aston Martin mit einer Konzeptstudie, die James Bond im Erfolgsfall neidisch machen könnte. Der britische Hersteller präsentierte zusammen mit dem Triebwerksbauer Rolls-Royce unter dem Namen „Volante“ ein Modell,  das neben dem Piloten zwei Passagiere transportieren kann und über eine Distanz von bis zu 400 Kilometern bis zu 320 Stundenkilometer schnell sein soll. Die Eigentümer eines Aston Martin besäßen oft auch Helikopter oder Privatflugzeuge, daher könne sie ein fliegendes Auto durchaus verführen, lassen die Marketingleute von Aston Martin wissen.

          Die Modelle werden alle – wie einst der britische Kampfjet Harrier – mit der VTOL-Technologie zum vertikalen Starten und Landen ausgerüstet. In Farnborough waren die mehr oder weniger fortgeschrittenen Studien fast an jeder Ecke zu sehen. Die Informationsseite Electric VTOL listet mehr als 100 verschiedene Projekte auf. Mal sind es Flugtaxis oder fliegende Autos, mal Drohnen mit Passagieren, mal Kleinstflugzeuge oder sogeannte Copter. Start-up-Unternehmen sind ebenso dabei wie die großen Hersteller Airbus und Boeing, und natürlich fehlen die Chinesen nicht.

          Die Flugmesse in Farnborough sorgt für Aufsehen – und macht manchmal sogar Angst. Bilderstrecke

          Auffallend viele Käufer wollen anonym bleiben

          Bis zur Realisierung der Projekte sind aber hohe Hindernisse zu überwinden. Sicherheitsfragen etwa sind noch völlig ungeklärt. Heute dürfen solche Geräte keine bewohnten Gebiete überfliegen. Sie brauchen einen ausgebildeten Piloten, der wie bei Privatflugzeugen nur auf den zugelassenen Routen fliegt. Die Geräte brauchen auch eine technische und kommerzielle Zulassung wie Flugzeuge, was hohen Aufwand mit sich bringt. Ob sie für den Verkehr mit größeren Passagierzahlen in Stadtgebieten taugen oder etwa nur Geschäftsleuten den schnellen Transport vom Flughafen in die Innenstadt ermöglichen, ist noch völlig offen.

          Mancher Messebesucher von Farnborough, der im Stau vor den Eingängen festsaß, wünschte sich die Flugtaxis auf jeden Fall lieber heute als morgen. Jenseits des möglichen Individualverkehrs der Zukunft dominierte auf der größten Airshow dieses Jahres aber wieder einmal das klassische Geschäft mit dem Massentransport – den großen Passagierflugzeugen. Die  Auftragsschlacht der Duopol-Anbieter Airbus und Boeing tobte wie eh und je, und diesmal hatte der Hersteller aus Seattle die Nase vorne. Er reklamierte Bestellungen und Absichtserklärungen über 528 Flugzeuge im Wert von 79 Milliarden Dollar (nach Listenpreisen) für sich, während Airbus die Vergleichszahl von 431 Flugzeugen im Wert von 62 Milliarden Dollar vorlegte.

          Wichtig ist der Hinweis, dass es sich bei einem erheblichen Teil nur um Absichtserklärungen handelt, die noch keine festen Aufträge sind. Außerdem werden für gewöhnlich drastische Rabatte gewährt. Zudem will eine auffallend hohe Zahl von Flug- oder Leasinggesellschaften anonym bleiben. Airbus führt dies auf die wachsenden geopolitischen Spannungen zurück; sich an der Seite der Vereinigten Staaten oder nicht zu zeigen, gilt heute als heikel. „Die Welt wacht jeden Morgen auf, um zu sehen, welcher Tweet gerade welchen Erdteil getroffen hat. Das ist nicht gerade hilfreich“, sagte der Airbus-Verkaufschef Eric Schulz in Anspielung auf die Kommunikation von Donald Trump.

          Ein gemeinsames europäisches Kampfjet-Projekt? 

          Die weltweiten Spannungen sind auch im Verteidigungsbereich zu spüren, wo die Lagerbildung beim Bau der künftigen Kampfjets voll im Gange ist. Deutschland und Frankreich wollen mit dem „Future Combat Air System“ (FCAS) voranschreiten, doch die Briten präsentierten in Farnborough Pläne für ihren eigenen „Tempest“-Fighter-Jet, an dem sich aus Großbritannien BAE Systems und Rolls-Royce, aus Italien Leonardo und der europäische Raketenhersteller MBDA beteiligen sollen.

          Gleichzeitig halten sich die Amerikaner bereit: Boeing wäre „begeistert“, wenn das Unternehmen an dem „Tempest“-Programm teilnehmen dürfte, sagte die Verteidigungschefin Leanne Caret in einem Interview mit Reuters. Der Vorstandsvorsitzende des französischen Herstellers Dassault, Eric Trapier, der mit Airbus am deutsch-französischen FCAS-Projekt arbeitet, begrüßte die britische Initiative ebenfalls. „Sie zeigt, dass die Kampfflugzeuge für Europa ein strategisches Thema sind, das Begeisterung und Wettbewerb gegenüber dem amerikanischen Hegemoniestreben hervorruft“, sagte der Franzose.

          Der schwedische Hersteller Saab, der den Gripen baut, hat sich noch nicht für eines der Lager entschieden. Ob der britische „Tempest“ und das deutsch-französische FCAS-Projekt trotz Brexit  einmal zu einem wahrhaft europäischen Programm fusionieren können, fragen sich Akteure und Beobachter? Für eine Antwort auf diese Frage sei es noch zu früh, hieß es in Farnborough auf Seiten der Hersteller.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.